WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Amazon Frankreich übt sich als Zuchtmeister

Verbote für Amazon, Strafen für Unternehmer und eine Verbalattacke gegen unfaire Konkurrenz aus Deutschland - Paris sucht Schuldige für das eigene Versagen.

Logo amazon Quelle: dpa

Das Votum fiel einstimmig. Das ist bemerkenswert im französischen Abgeordnetenhaus, wo die Sozialisten der amtierenden Regierung und konservative Opposition normalerweise kein gutes Haar aneinander lassen. Doch der gemeinsame außerparlamentarische Feind war diesmal schnell identifiziert: Amazon heißt er. Dass der US-Internethändler den heimischen Buchläden mit seiner Preispolitik das Wasser abgräbt und deshalb in die Schranken gewiesen werden muss, war ein Gesetzesvorstoß der Konservativen, dem sich die Sozialisten nach einigen Verschärfungen des Textes gerne anschlossen.

Stimmt demnächst auch noch die zweite Kammer, der Senat, wie erwartet zu, darf Amazon mit Hinweis auf die seit 1981 in Frankreich geltende Buchpreisbindung bereits herunter gesetzte Bücher nicht auch noch kostenlos verschicken. Bisher werden die zulässigen Rabatte von maximal fünf Prozent auf Bücher mit dem Erlass der Versandgebühren kombiniert.

Ob das Verbot den Siegeszug des traditionellen Buchhandels einleitet, darf bezweifelt werden. Wahr ist, dass vor allem viele der kleineren Läden wie in Deutschland auch seit Jahren unter dem Trend hin zu Online-Bestellungen leiden. Für sie ist es zu kostspielig, ein eigenes Versandsystem aufzubauen. Der französische Buchhandelsverband SLF kam mit seiner Online-Plattform 1001libraires.com viel zu spät, als Amazon oder die französische Handelskette Fnac längst im Internet etabliert waren. Der SLF versäumte es, weiter reichende Dienstleistungen als die Konkurrenz anzubieten, und sich damit ein Alleinstellungsmerkmal zu sichern. Wenig überraschend schloss die Website 2012 nach nur 18 Monaten.

Das Imperium von Amazon
Viel Geld in der KasseIn den ersten sechs Monaten 2013 setzte Amazon 31 Milliarden US-Dollar um - gut fünf Milliarden mehr als im Vorjahreszeitraum. Davon blieben 75 Millionen Dollar Gewinn hängen (2012: 137 Millionen). 2012 setzte Amazon gut 61 Milliarden US-Dollar um (Vorjahr: 48 Milliarden), machte aber einen Nettoverlust von rund 30 Millionen US-Dollar (Vorjahr: 631 Millionen Gewinn). Ein Überblick über Teile des Amazon-Imperiums... Quelle: dpa
Investitionen ins eigene UnternehmenMal als Nebengeschäft begonnen, ist der Buchhändler mittlerweile auch ein Riese im Cloud-Computing. Dabei vermietet Amazon Speicherkapazitäten seiner Großrechenanlagen, etwa eine halbe Milliarde Dollar pro Jahr bringt das nach einer Berechnung der Schweizer Investmentbank UBS. Und das Geschäft wächst rasant: Bis 2014 sollen sich die Einnahmen verfünffachen. Auch der hauseigene E-Reader Kindle liegt dem Unternehmen am Herzen. Mittlerweile wurden hier die Preise drastisch reduziert. Im Spätsommer 2011 begann Amazon mit der neuesten Version seines E-Readers einen Angriff auf den Branchenprimus Apple und präsentierte mit seinem Kindle Fire einen würdigen iPad-Herausforderer. Aber auch größere und kleinere Onlinehandelsplattformen verleibt sich Amazon gerne ein, so gerade aktuell den Filmaboservice Lovefilm… Quelle: AP
LovefilmDVDs kommen per Post ins Haus, mit dem „Lovefilm“-Player kann der Nutzer aber die aktuellen Hollywood-Streifen auch direkt auf seinem Rechner anschauen. Amazon hält schon länger eine Minderheitsbeteiligung an dem Unternehmen und wickelt seinen eigenen Film-Abo-Service direkt über Lovefilm ab. Simon Calver, Chief Executive von LOVEFiLM International, lobt die Übernahmepläne bei der Bekanntgabe am 20. Januar 2011. "Mit Amazons voller Unterstützung können wir entscheidende Verbesserungen für unsere Mitglieder in Europa umsetzen", hofft er. Fremd ist Amazon das Geschäft mit Filmen nicht… Quelle: Screenshot
IMDb… Amazon hatte 2008 sein Filmverleihgeschäft in Deutschland und Großbritannien mit Lovefilm zusammengelegt und war mit 42 Prozent größter Einzelaktionär geworden. Bereits 1998 verleibte sich Amazon die "Internet Movie Database" (IMDb) ein, die selbst zu diesem Zeitpunkt in ihren Ursprüngen bereits acht Jahre alt war, für das Internet also so etwas wie die Rolle des Urgroßvaters vom Web 2.0 spielt. IMB ist eine der größten Datenbanken über Filme, Fernsehserien, Videoproduktionen und Videospiele sowie über Personen, die daran mitgewirkt haben. Gerade im Kalenderjahr 2010 investierte Amazon wieder kräftig in Webunternehmen… Quelle: Screenshot
WootEinen gewissen Verkaufsdruck erzeugen will die E-Commerce-Plattform Woot. Nutzer bekommen nicht angezeigt, wie viele Bestände des nur einen Tag gültigen Angebots vorhanden sind. Der Preis ist niedrig, die Produkte stehen im Wettbewerb zu den Angeboten von Amazon.Woot verkauft auf dem amerikanischen Markt – und Mitte 2010 langte Amazon für einen unbekannten Preis zu. Quelle: Screenshot
BuyVIPNur ein paar Monate später, im Oktober 2010, griff sich Amazon ein weiteres Webunternehmen. BuyVIP ist eine geschlossene Shopping-Community. Die Mitglieder haben die Möglichkeit, auf persönliche Einladung an limitierten Verkaufskampagnen teilzunehmen. In diesen Kampagnen werden ausgewählte Produkte beliebter und bekannter Marken aus dem Lifestyle- und Fashion-Bereich angeboten. Entsprechend leer kommt die Startseite daher; ein bisschen Animation von neuer Mode und ein Anmeldeformular. 70 Millionen Euro blätterte Amazon dafür auf den Tisch – nachdem der Marktführer Vente-Privée mehrfach abgewunken hatte. Quelle: Screenshot
Diapers und SoapAmazon ist ein riesiger Onlinehändler, doch in bestimmten Nischen hat die Konkurrenz die Nase vorn. So wurde Diapers zum größten Versandhändler von Babywindeln. Ein lukratives Geschäft - Amzon blätterte im November 2010 mehr als eine halbe Milliarde Dollar auf den Tisch um Quidsi zu übernehmen. Das amerikanische Unternehmen Quidsi betreibt diapers.com, sowie den Drogeriespezialisten soap.com. 545 Millionen Dollar sind zwar nicht von Pappe, aber einmal bezahlte Amazon sogar noch deutlich mehr für eine Onlinehandelsplattform… Quelle: Screenshot

Was die Parlamentarier zudem außer Acht ließen, ist, dass nicht nur Amazon seine Bücher künftig teurer anbieten muss. Auch Fnac oder die mit jährlich rund 6 Millionen verkauften Büchern französische Nummer 3 des Internet-Buchhandels, Decitre, werden von der Maßnahme betroffen und sind entsprechend wenig angetan. Denn das Problem des oft kritisierten unlauteren Wettbewerbs durch den US-Riesen liegt nicht in den jetzt im Parlament lauthals beschimpften angeblichen Dumpingpreisen begründet. Wer nicht gerade die gesammelten Werke des zu Lebzeiten fleißigen Schreibers Honoré de Balzac bestellt, zahlt in der Regel weniger als drei Euro Porto.

Keine Steuern sind schuld

Der Missverhältnis entsteht vielmehr dadurch, dass Amazon durch geschickte Buchhaltung in Frankreich so gut wie keine Steuern zahlt. Doch daran rührten die Abgeordneten nicht.

Das Parlamentsvotum unterstreicht nur einmal mehr die französische Lust an Verboten, staatlicher Regulierung und der Suche nach einem Schuldigen außerhalb des eigenen Verantwortungsbereichs. Davon gab es in dieser Woche Beispiele satt: So brachte die sozialistische Regierung auch ein Gesetz auf den Weg, das Unternehmen im Fall der Schließung noch als rentabel eingestufter Fabriken bestraft. Pro entlassenem Arbeiter drohen dann Bußgelder in Höhe des zwanzigfachen Mindestlohns von 1430 Euro. Und a propos Mindestlohn: Es ist natürlich das Fehlen desselben in Deutschland, weshalb Frankreichs Wirtschaft mit "unfairer Konkurrenz" konfrontiert wird.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

So sah es zumindest Industrieminister Arnaud Montebourg in seiner Verbalattacke zum Jubiläum der deutschen Einheit. Man mag sich beinahe wünschen, dass die Koalitionsverhandlungen in Berlin mit der Einführung eines Mindestlohns enden, um ihm und anderen die Kurzsichtigkeit eines solchen Arguments vor Augen zu führen.

Erstaunlich ist, dass die Franzosen von klein auf in keinster Weise dazu erzogen werden, den Schwächsten als Maßstab zu betrachten. Schon im Kindergarten werden Dreijährige darauf trainiert, verantwortungsvolle Bürger einer Gemeinschaft zu sein. Mit Bauklötzen in der Ecke vor sich hin zu pusseln, kommt nicht in Frage. Stattdessen werden Gedichte auswendig gelernt und Zahlen eingeübt. Grundschüler, die nach dem ersten halben Jahr Musikunterricht stolz "Bruder Jakob" auf dem Klavier klimpern können, müssen sich niederbügeln lassen, weil dem Spiel "Charakter" fehle. Karriere macht meist nur, wer es auf eine der Elite-Universitäten schafft. Aber wenn es Ernst wird, hebt Vater Staat seine schützende Hand. Wozu dann vorher die ganze Schinderei?

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%