Amazon Fresh Der härteste Händler der Welt trifft auf den härtesten Markt der Welt

Amazon will die letzte onlinefreie Bastion im deutschen Einzelhandel schleifen und startet ab heute den Verkauf frischer Lebensmittel. Wie die Branche dem Angreifer Paroli bieten will.

So funktioniert Amazons Online-Supermarkt
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Die Bestellung beim neuen Online-Supermarkt kann auch mobil über die Amazon App aufgegeben werden. Quelle: Amazon
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Nach einem kostenlosen Probemonat zahlen Prime-Kunden zusätzlich 9,99 Euro monatlich. Dafür können sie unbegrenzt viele Fresh-Lieferungen ab einem Mindesteinkaufswert von 40 Euro bestellen.
Florian Baumgartner Quelle: Amazon
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Ab heute ist es offiziell: Amazon startet seinen lange erwarteten Lebensmittellieferservice Fresh in Deutschland – und versetzt die Branche in Wallung. Schließlich wird dem US-Online-Primus zugetraut, Bewegung in das milliardenschwere Lebensmittelgeschäft zu bringen, in dem Online-Bestellungen bisher die große Ausnahme sind. Zum Start in Berlin und Potsdam (hier finden Sie die verfügbaren Stadtteile) bietet der Dienst rund 85.000 Produkte an, darunter 6000 Bio-Produkte. Angeboten werden unter anderem Artikel aus dem Sortiment der Biokette Basic, dem Fischspezialisten Nordsee oder dem Anbieter Kochhaus. Für die Lieferung wird pro Monat eine zusätzliche Gebühr fällig.

Schon im Vorfeld hatten Amazons Pläne die Branche in Alarmstimmung versetzt. Alain Caparros, Chef des Supermarktkonzerns Rewe, warnte bereits im vergangenen Jahr vor einer Verschärfung des Verdrängungswettbewerbs durch den neuen Player. „Wahrscheinlich wird nicht nur Staub aufgewirbelt, sondern ein Sturm entfacht“, sagte Caparros damals der WirtschaftsWoche. „Für Amazon ist Deutschland der zweitwichtigste Markt der Welt. Wer glaubt, dass dieses Unternehmen hierzulande nur mal so testet, was geht oder nicht geht, ist naiv“, so Caparros.

Teils wurde bereits über eine Pleitewelle spekulierte. „Angebote wie Amazon Fresh werden das milliardenschwere Lebensmittel-Geschäft über kurz oder lang umpflügen und für zahlreiche Insolvenzen sorgen“, erwartet etwa Christoph Niering, Vorsitzender des Berufsverbands der Insolvenzverwalter in Deutschland (VID).

Der US-Konzern weist derlei Prognosen zurück. „Ich denke, dass es in Deutschland wie auch in den USA genug Platz für mehrere Anbieter und ganz unterschiedliche Formate gibt“, sagte der bei Amazon für das Konsumentengeschäft zuständige CEO Jeff Wilke der WirtschaftsWoche. Außerdem werde Amazon mit vielen Anbietern kooperieren. „Mit Amazon Fresh können Kunden beispielsweise auch Waren lokaler Händler ordern, wir liefern sie dann mit ihrer Bestellung aus“, sagte Wilke.

Amazon setzt auf KI

Damit frische Ware wie Fleisch, Salat oder Gemüse in Top-Qualität beim Kunden ankommt, setzt Amazon unter anderem auf Künstliche Intelligenz. „Heute helfen uns Maschinen bereits dabei, den Frischegrad von Erdbeeren zu bestimmen“, so Wilke. Lebensmittel auszuliefern, sei nicht so einfach. „Wir müssen uns sicher sein, dass sie jederzeit in hoher Qualität beim Kunden ankommen. Sonst funktioniert das ganze Konzept nicht“, sagte Wilke.

Amazon Fresh wird ein Millionen-Geschäft in Deutschland

Dass der Konzern aus Seattle wegen seiner wachsenden Marktmacht Probleme mit Regierungen und Wettbewerbshütern bekommt, glaubt Wilke nicht. „Weltweit geben sehr viele Menschen Geld für Dinge aus, die wir verkaufen“, sagte der Amazon-CEO. Trotzdem habe Amazon im globalen Einzelhandel gerade mal einen Anteil von einem Prozent. Wilke: „Es gibt ganz viel Platz für ganz viele Gewinner, Handel ist kein Fußballspiel, das nur einer gewinnt.

Tatsächlich ist der Vorstoß in den deutschen Lebensmittelmarkt selbst für den Online-Primus riskant. Nirgendwo sonst in Europa ist das Netz von Super- und Verbrauchermärkten, Drogerien und Discountern ähnlich dicht gespannt wie in Deutschland. In kaum einer anderen Region sind die Margen mickriger und die Verbraucher knauseriger.

Das sind Amazons nächste Projekte

Zudem haben die Chefs vieler Handelsketten die Verwerfungen im Buch-, Mode- und Elektronikhandel genau studiert – und wollen Amazon einen heißen Empfang bereiten. Am weitesten ist dabei Rewe – wo man sich die mahnenden Worte des scheidenden Vorstandschefs Caparros in den vergangenen Monaten offensichtlich zu Herzen genommen hat.

Noch bevor Amazon die ersten Bananen zu Berliner und Potsdamer Kunden gekarrt hat, sind die Kölner in 70 deutschen Städten mit einem Lieferangebot präsent. Auch der SB-Warenhausbetreiber Kaufland hat bereits im vergangenen Jahr einen Lieferservice in Berlin gestartet. Neben Rewe und Kaufland liefert auch die Edeka-Tochter Bringmeister dort Lebensmittel aus. In den Ausbau des E-Food-Händler will Edeka-Chef Markus Mosa zudem künftig stärker investieren. Das ist auch nötig. Denn Amazon will den Markt vor allem mit seiner Liefergeschwindigkeit aufmischen. Kunden können demnach bis 23 Uhr bestellen und die Bestellung am nächsten Tag in einem gewählten Zwei-Stunden-Lieferfenster erhalten.


Preislich ist das Angebot dagegen deutlich teurer als der Einkauf im Laden. So ist eine kostenpflichtige Mitgliedschaft beim Kundenbindungsdienst Amazon Prime Voraussetzung, um überhaupt Amazon Fresh nutzen zu können. Zusätzlich kostet der Dienst 9,99 Euro monatlich – mit unbegrenzter Anzahl an Gratis-Lieferungen bei einem Mindestbestellwert von je 40 Euro.

Ob die preissensiblen deutschen Konsumenten angesichts solcher Zusatzgebühren mitspielen, dürfte sich wohl erst in den nächsten Jahren entscheiden. Klar ist, das Rennen um den deutschen E-Food-Markt hat heute erst so richtig begonnen.

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