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Amazon Warum ausgerechnet jetzt, Herr Bezos?

Fast 30 Jahre lang stand Jeff Bezos an der Spitze von Amazon. Quelle: dpa

Der letzte große Internet-Mogul der Neunziger zieht sich zurück: Warum der Amazon-Gründer Jeff Bezos ausgerechnet jetzt die Macht an Cloud-Computing-Chef Andy Jassy übergibt.

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Man sollte gehen, wenn es am schönsten ist, empfiehlt ein Sprichwort. Im Englischen heißt es: „Leave on a high note.“ Oder in den Dimensionen von Jeff Bezos: Wenn das eigene Unternehmen einen Rekordumsatz von 125 Milliarden Dollar schafft. Nicht in einem Jahr, sondern im Quartal. Das hat Amazon am Dienstag vermeldet, inklusive der überraschenden Nachricht, dass Bezos sich im Sommer aus dem Tagesgeschäft zurückzieht und Andy Jassy das Ruder überlässt. Der ist bislang Chef der Cloud-Computing-Sparte.

Leaving on a high note: Das rauschende Weihnachtsgeschäft von 2020, das nicht nur Paketdienste in die Knie zwang, sondern bei Amazon Web Services auch die Rechenzentren des Konzerns zum Glühen brachte, brachte Amazon in der Tat einen kräftigen Schub. Auch das Gesamtjahr kann sich sehen lassen. 386 Milliarden Dollar hat der Konzern im Corona-Krisenjahr 2020 weltweit umgesetzt, 38 Prozent beziehungsweise 106 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahr. 21,3 Milliarden Dollar blieben davon als Gewinn.

Nun also will der Mann kürzertreten, der all das geschaffen hat. Jeff Bezos kündigte 1994 seinen Job an der Wall Street, zog nach Seattle und Amazon zunächst als Buchhändler auf – aus der Garage seines Hauses. Mittlerweile beschäftigt sein Konzern 1,3 Millionen Mitarbeiter. Amazon, so Bezos, sei derzeit so erfinderisch wie nie zuvor. „Es ist die optimale Zeit für eine Übergabe.“

Für Bezos persönlich ist es auch ein guter Zeitpunkt. Denn der Wind ist rauer geworden. Wie sehr, spürte der Ausnahme-Unternehmer im Juli 2020: Bei der Anhörung im US-Kongress wegen der Machtfülle von Big Tech schlug ihm regelrecht Feindseligkeit entgegen. Der Demokrat David Cicilline, einflussreicher Antitrust-Experte, provozierte den Amazon-Chef mit einer Zeugenaussage, die den Internet-Giganten mit einem Drogenhändler verglich. Gemeint war der Vorwurf, dass Amazon seine unabhängigen Händler auf seine Plattform zieht, mit deren Geschäftspotenzial berauscht und sie dann bis zur Selbstaufgabe schuften lässt, sogar selbst Konkurrenz macht. Ein lieber anonym bleibender Wagnisfinanzierer beschrieb Amazon als eine Sonne, mit der man sich nur wohlfühlen könne, wenn man genügend Abstand einnehme. Denn sobald Amazon ein lukratives Geschäftsfeld entdeckt, macht es der unersättliche Konzern lieber gleich selbst.

Die Biden-Administration hat es sich nun ebenso wie die europäischen Wettbewerbshüter auf die Fahnen geschrieben, die Macht von Amazon einzudämmen. Und auch im Umfeld von Donald Trump, der persönlich keinen Alkohol anrührt, haben wohl die Sekt-Korken geknallt: Mit Bezos zieht sich einer der Intimfeinde des Ex-Präsidenten zurück. Die „Washington Post“, die Bezos persönlich erwarb, wie er mehrmals betonte, prosperierte mit der Berichterstattung über die Kapriolen von Trump.

Vielleicht hat Bezos damals, im Sommer 2020, im stundenlangen Verhör mit den Kongressabgeordneten innerlich geseufzt: „Hätte ich es doch nur Larry nachgemacht!“ Der Google-Gründer Larry Page hatte sich im Dezember 2019 überraschend von der Spitze von Alphabet, dem Mutterkonzern von Google, zurückgezogen. Statt Page, der sich stets erfolgreich gegen einen Auftritt in Washington wehrte, wurde sein Nachfolger Sundar Pichai von den Abgeordneten geröstet. Pichai muss sich nun nicht nur mit einer Antitrust-Klage des US-Justizministeriums herumschlagen, sondern auch mit einem zunehmend innerlich zerrissenen Unternehmen. Dessen Mitarbeiter sich gleichsam in die goldenen Zeiten zurücksehnen, wo allzu laute Kritik nicht im Handumdrehen den Rauswurf provozierte. Und schon die Idee, eine Gewerkschaft zu gründen, als Scherz galt.

Bei Amazon wiederum brodelt der Konflikt zwischen hochbezahlten Managern und Entwicklern und seinen unter immensem Zeitdruck schuftenden Lagerarbeitern seit Jahren. Die Unternehmenskultur von Amazon ist so berühmt wie umstritten. „Day One“ heißt Bezos' Philosophie, also immer so zu handeln, als ob das Unternehmen an Tag 1 stehe, gerade gestartet sei und um sein Überleben kämpfen müsse. Sogar seinen Glaspalast in Seattle, wo Bezos im sechsten Stock residiert und zur körperlichen Fitness lieber die Treppen als den Fahrstuhl nimmt, hat er nach der Maxime benannt. Tag 1 bedeutet aber auch, dass sich jeder Amazon-Mitarbeiter stets aufs Neue beweisen muss, sich nicht auf Lorbeeren ausruhen darf. Das hört sich edler an, als es in der Praxis ist.



Mit Bezos zieht sich nun der letzte große Internet-Mogul der Neunzigerjahre aus dem Tagesgeschäft zurück. Der Mann, der den „Dot“ – den Punkt – in „Dot.com“ brachte. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin sind seit Herbst 2019 abgetaucht, beschäftigen sich mit fliegenden Autos oder der Familie. Ebay-Gründer Pierre Omidyar überließ schon kurz nach Gründung das Tagesgeschäft seinem Weggefährten Jeff Skoll, der es wenig später an Meg Whitman übergab. Yahoo-Gründer Jerry Yang versuchte noch, sein Unternehmen zu retten, bevor er ihm 2012 endgültig den Rücken kehrte. Jack Ma, Chef des chinesischen Internet-Konzerns Alibaba Group, verließ die Spitze seines Imperiums im Herbst 2019. Wo er sich momentan aufhält, weiß nur das chinesische Politbüro.

Elon Musk ist zwar auch ein Kind der Internet-Generation der Neunziger. Doch richtig bekannt wurde er erst nach der Jahrhundertwende mit Space X und Tesla. Erst vor ein paar Tagen hat er betont, dass er noch eine Weile Chef von Tesla bleiben werde.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg stieg ebenfalls erst nach der Jahrhundertwende auf. Es gab Gerüchte, dass er den Chefposten an seine Mentorin Sheryl Sandberg übergeben würde. Aber dafür ist er zu machtbewusst und auch noch zu jung. Zuckerberg ist gerade einmal 36 Jahre alt.

Jeff Bezos ist derweil im Januar 57 Jahre alt geworden. Langweilig dürfte ihm in Zukunft kaum werden. Wie Elon Musk hat er eine große Leidenschaft für die Raumfahrt entwickelt: Mit seinem Unternehmen Blue Origin will er den Weltraumtourismus erobern, obwohl ihm Musk dabei derzeit scheinbar einen Schritt voraus ist. Außerdem bleibt Bezos seinem Konzern als Verwaltungsratschef erhalten. Er will sich künftig auf Innovation konzentrieren. Und natürlich auch auf die Verteidigung seines Lebenswerks inklusiver mehrerer Antitrust-Klagen.

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Das Alltagsgeschäft geht nun in die Hände von Andy Jassy über, Bezos Nachfolger auf dem Posten als Vorstandschef. Jassy ist ein Eigengewächs und seit über zwanzig Jahren bei Amazon. Er war neben Handelschef Jeff Wilke einer der Stellvertreter von Bezos. Seit der Konzern im Sommer bekanntgab, dass Wilke im ersten Quartal 2021 in den Ruhestand gehen würde, galt Jassy endgültig als Kronprinz. Sein bisheriger Verantwortungsbereich, die Cloud-Sparte Amazon Web Services zählt zu den erfolgreichsten Umsatztreibern des Konzerns.

Dass Jeff Bezos die Macht so schnell übergibt, kommt überraschend. Für Überraschungen aber waren er und sein Konzern ja schon immer gut.

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