American Apparel US-Modekette kämpft gegen die Pleite

Die US-Modekette American Apparel steht am Abgrund: Die Skandale des exzentrischen Ex-Chefs Dov Charney haben die Marke ramponiert, jetzt drohen teure Rechtsstreits mit ihm, die letzten Geldreserven aufzuzehren.

American Apparel Quelle: dpa

Von der Trendmarke zum Ladenhüter: Vor dem Eingang von American Apparel in Lower Manhattan steht ein großes Schild mit der Aufschrift „Sale“ - die Klamotten, die einst die Hipster-Herzen höherschlagen ließen, werden nun zu Schleuderpreisen angeboten. Einen Block neben dem berühmtem Delikatessenladen Katz's gelegen, müsste das Geschäft eigentlich brummen. Doch das Gefragteste, was American Apparel hier noch zu bieten hat, sind drei Sitzbänke vor der Glasfront, die Passanten zum Ausruhen einladen.

Im Laden selbst ist wenig los. Das Unternehmen, das auch in Deutschland vertreten ist, befindet sich im freien Fall. Die ehemalige Trendmarke ist längst out. Dabei ist die Filiale auf der East Houston Street, der Demarkationslinie zwischen den New Yorker Szenevierteln East Village und Lower East Side, eine Top-Adresse. Stattdessen droht der finanzielle Kollaps. Der Niedergang ist eng mit dem exzentrischen Ex-Chef, Firmengründer und langjährigen Alleinherrscher Dov Charney verbunden.

US-Modeketten unter Druck
American-Apparel-Geschäft in New York: Viele amerikanische Kult-Marken befinden sich in der Krise. So auch American Apparel. Quelle: AFP
Die Umsätze fallen seit 2010, Gewinne verwandelten sich längst in Verluste. Entlassungen und Filialschließungen stehen bevor. Quelle: AFP
Model in einer Abercrombie & Fitch-Filiale in New York: Die übersexualisierten Werbemaßnahmen ziehen nicht mehr bei den Kunden. Die Marke verzeichnete zuletzt das elfte Quartal in Folge sinkende Umsätze. Quelle: ap
Ende 2014 nahm Vorstandschef Mike Jeffries nach 20 Jahren gezwungenermaßen seinen Hut als Chef des Teenie-Labels ab. Heftige Kritik musste er für ein Interview aus dem Jahr 2006 einstecken. „Einige Menschen gehören nicht in unsere Kleidung“, spöttelte er mit Blick auf übergewichtige Kunden und Kundinnen, „und sie passen auch nicht rein.“ Quelle: Reuters
Gap-Filiale in Miami: 175 von 675 Geschäften in Nordamerika sollen geschlossen werden. Die Modekette setzt zudem... Quelle: AFP
...auf die Billigmarke Old Navy, die Umsatz und Gewinn rasant steigern konnte – eher auf Kosten der anderen Marken als der Konkurrenz, fürchten Beobachter und Analysten. Quelle: Reuters
Auch die frühere Exklusiv-Modekette fährt eine ähnliche Strategie. Anfang Juli 2015 verkündete J.Crew in den USA die Eröffnung einer Billigkette namens „J.Crew Mercantile“ für „preisbewusste“ Kunden. Quelle: ap
Der Wunsch, auf allen Preisebenen konkurrieren zu können, sei der „Kuss des Todes“ für Premiummarken – so auch Tommy Hilfiger, wie Branchenexperte Robin Lewis in seinem Blog „The Robinreport“ schreibt. Quelle: ap
Dies sei eine riskante Strategie: Lewis verweist auf die Nobelmarke Coach, die mit superteuren Handtaschen gestartet war und heute 70 Prozent ihres Umsatzes aus den Outlet-Stores beziehe. Haben sich Kunden erst einmal an die billigeren Modelle gewöhnt, gebe es keinen Grund mehr, im Original-Shop das Doppelte zu zahlen. Quelle: Reuters

Der 46-jährige Kanadier machte die Kette groß, bevor er ihr Image mit seinen Skandalen ramponierte. Charney führte das Unternehmen mit Zuckerbrot und Peitsche. Kommentatoren sprachen von einem absurden Regime, das die Gemeinschaftskultur einer Hippie-Kommune mit dem Leistungsdiktat des Rambo-Kapitalismus kombinierte. Eine Zeit lang galt die aggressiv-provokante Anzüglichkeit als chic, dann ging es bergab. Die Beschäftigung Illegaler flog auf, Mitarbeiterinnen warfen ihm sexuelle Belästigung vor.

Im letzten Jahr gelang es American Apparel, Charney loszuwerden. Doch der lässt nicht locker und kämpft mit allen Mitteln um sein Erbe. Zwischen ihm und dem neuen Management tobt eine erbitterte Schlammschlacht. Charney überzieht das Unternehmen mit Klagen, sieht sich diffamiert, und fordert insgesamt über 40 Millionen Dollar (35,8 Mio Euro) Entschädigung. American Apparel veröffentlichte Auszüge aus einem Fundus an kompromittierenden Fotos, E-Mails, SMS und Videos, die Charney auf den Rechnern des Unternehmens gespeichert haben soll.

Die Sammlung sexistischer und rassistischer Ausfälle passt zum Eindruck des obszönen Macho-Chefs, der sich selbst „Bad Daddy“ genannt haben soll, und in einem Interview einst sagte: „Ich bin ein dreckiger Typ, aber die Leute mögen das.“ Das ist über zehn Jahre her, damals lief es noch besser. Im letzten Quartal sank der Umsatz hingegen um 17 Prozent verglichen mit dem Vorjahr auf 134 Millionen Dollar. Ein Grund sei die Schließung von Filialen, teilte American Apparel Anfang der Woche auf Basis vorläufiger Geschäftszahlen mit.

Die Kette verbrennt laufend Geld, von April bis Juni stieg der Verlust im Jahresvergleich von 16,2 auf 19,4 Millionen Dollar. Zunehmend existenzbedrohlich ist mittlerweile der Kassenstand des Unternehmens, das in Los Angeles produziert und mit seinen Anti-Sweatshop-Kampagnen und freizügigen Werbemotiven früher den Nerv des Szenevolks traf. Zum Quartalsende standen nur noch liquide Mittel in Höhe von 13 Millionen Dollar in der Bilanz. Mitte Oktober werden Rechnungen bei Investoren fällig, für die das Geld nicht reicht.

Mit diesen Vokabeln punkten Sie beim Chef
Employer-Branding-CampaignHier geht es um eine Kampagne, bei der Konzepte aus dem Marketing genutzt werden, um eine Firma als Arbeitsgeber attraktiver zu machen. Ziel ist, das Unternehmen stärker als Marke zu etablieren, und damit ein größeres persönliches Interesse möglicher Arbeitnehmer zu erzeugen. Ein Beispiel ist etwa die "Be-Lufthansa"-Kampagne.
Clean-Desk-PolicyMitarbeiter sollen ihren Schreibtisch vor dem Feierabend aufräumen. Unter Umständen müssen sogar alle kleineren Utensilien vom Tisch geräumt werden. Sinn ist, die Büros für Besucher ordentlich zu halten, die Effektivität zu erhöhen und im Fall von gemeinsam benutzten Schreibtischen Rücksicht auf andere Kollegen zu nehmen.
Abusive supervisionHierbei geht es um ein als feindselig wahrgenommenes Verhalten der Führungskraft gegenüber den Mitarbeitern. Das kommt vor, wenn der Chef seine Mitarbeiter anschreit, bloßstellt oder einfach ignoriert.
Supply-Chain-ManagementDie Wörtschöpfungslehre oder auch das Lieferkettenmanagement bezeichnet die gemeinschaftliche Planung, Steuerung und Kontrolle von unternehmensübergreifenden Wertschöpfungssystemen mit Netzwerkstruktur. Sie stehen über Prozesse der Güter-, Finanz- und Informationsflüsse in Beziehung.
PitchEinen Pitch landen bedeutet, dass ein Kunde bei einem Verkaufsgespräch durch Fakten, Produktpräsentation und Markteinschätzung zum Kauf bewegt werden konnte. Oft geht es bei einem Pitch aber auch um eine kurze Präsentation von ersten Ideen, zum Beispiel wenn eine Agentur einen Auftraggeber von sich überzeugen will.
Change ManagementDas "Veränderungsmanagement" fasst alle Prozesse, Tätigkeiten und Verhaltensweisen in einem Unternehmen zusammen, die zu bereichsübergreifenden Veränderungen führen. Geht es dabei um komplizierte oder schwierige Maßnahmen, kann dafür auch ein Unternehmensberater eingestellt werden. 
FYI "For Your Interest" - auf Deutsch "Zu Ihrer/Deiner Information" wird oft als Kürzel in E-Mails verwendet. Die drei Buchstaben ersparen langes Tippen, insbesondere, wenn nicht einmal sicher ist, ob der Anhang auch wirklich von Relevanz ist.
CEODer " Chief Executive Officer" ist der Generaldirektor, also Chef des Unternehmens.
CFODer " Chief Financial Officer" ist der kaufmännische Geschäftsführer.
IncentiveAnreize, die Mitarbeiter motivieren sollen, werden Incentives genannt. Dabei kann es sich um Geld, Reisen, Sachprämien oder auch Veranstaltungen handeln. Besonders bekannt sind sogenannte Incentive-Reisen. Hier steht der Freizeitcharakter zwar im Vordergrund.
Human ResourcesUnter diesem Begriff ist die Personalabteilung zusammengefasst.
Elevator PitchDie höchste Kunst ist es, etwas mit wenigen Worten prägnant und überzeugend beschreiben zu können. Der Elevator Pitch oder auch Elevator Speech, also die "Aufzugrede", soll genau dem dienen. Innerhalb von 30 Sekunden soll ein Gedanke packend beschrieben werden - eben so viel Zeit, wie auch im Aufzug von einem Stockwerk zum nächsten zur Verfügung stünde, um jemanden zu überzeugen.

Die Börse scheint American Apparel schon abgeschrieben zu haben. Mit 13 Cent stürzte die Aktie zuletzt auf ein Rekordtief. Seit Jahresbeginn ist der Kurs um 85 Prozent gefallen. Wegen der hohen Pleitegefahr senkte die Ratingagentur Moody's die Bonitätsnote noch tiefer in den Ramschbereich. American Apparel hatte zuvor gewarnt, Kreditverträge könnten platzen. Der Streit mit Charney hat die Firma bereits in die Hände des Hedgefonds Standard General getrieben, der sie im Insolvenzfall günstig übernehmen könnte.

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