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Aniko Floppt das Milliardenprojekt von Aldi Nord?

Seit Monaten baut Aldi seine Filialen um. Aber wie gut kommt das wirklich an? Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Vor einem Jahr startete Aldi Nord das teuerste Umbauprogramm der Unternehmensgeschichte. Heller und freundlicher sollen die Läden werden und neue Kunden locken. Doch die Umsätze sinken. Floppt das Milliardenprojekt?

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Die Einkaufskörbe waren gut gefüllt: 167.000 Getränkedosen gingen über die Kassentresen, 58.000 frische Brötchen und 36 Tonnen Eiswürfel – innerhalb von 65 Stunden.

Der Discounter Aldi Nord hatte auf dem diesjährigen Deichbrand-Festival im Juli den nach Unternehmensangaben „größten Aldi aller Zeiten“ aufgebaut. Während nebenan die Toten Hosen und The Killers spielten, waren in der XXL-Zeltfiliale in Cuxhaven-Nordholz 16 Kassen, 12 Backautomaten und neun Leergutautomaten im Einsatz. 200 Mitarbeiter sorgten dafür, dass über die Festivaltage insgesamt 78.000 Bons abgerechnet wurden. Umsatzrekorde dürften trotzdem nicht das Ziel der Festival-Mission gewesen sein. Vielmehr ging es darum, Präsenz in der jungen Zielgruppe zeigen.

Der Händler-Gig fügt sich nahtlos in die Strategie des Unternehmens ein, jüngere Käuferschichten anzusprechen. Aldi hat in den vergangenen Jahren immer mehr Markenprodukte eingelistet, das Bio- und Frischeangebot ausgebaut und sogar eine Online-Plattform für Videospiele eingerichtet.

So sieht Aldi Nord bald aus
Aldi Nord Männer an der Fassade Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Aldi Nord Männer mit Paletten Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Aldi Nord Mann in der Backabteilung Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Aldi Nord Obst- und Gemüseabteilung Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Aldi Nord Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Aldi Nord Kühltheke Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche
Aldi Nord Einkaufswagen Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Zuletzt sorgte indes vor allem ein Projekt für Aufsehen: Aniko. Das Kürzel steht für „Aldi Nord Instore Konzept“. Ende Juli 2017 verkündete der Konzern den Start des größten und teuersten Umbauprogramms der Unternehmensgeschichte. „Aniko ist eine der bedeutendsten unternehmerischen Entscheidungen in der Geschichte von Aldi-Nord“, ließ sich selbst der öffentlichkeitsscheue Sohn des Unternehmensgründers, Theo Albrecht junior, angesichts der Dimensionen zitieren.

5,2 Milliarden Euro wolle die Konzernspitze investieren, um sämtliche Filialen im In- und Ausland frischer, farbenfroher und freundlicher zu gestalten, kündigte der Discounter damals an.

Ein Jahr ist seit der Ankündigung vergangen und in immer mehr Filialen hat Aniko Einzug gehalten: Das Sortiment wurde dort komplett umsortiert. Quergestellte Regale mit Gondelköpfen für Bio-Produkte und Wein brechen in den umgebauten Läden das gewohnte Einkaufsambiente auf. Über den Warenstapeln mit Aktionsartikeln leuchten Displays, dazu gibt es bunte Farbleitsysteme und aufwendiger inszenierte Obst- und Gemüseauslagen. 

Doch kommt die milliardenschweren Modernisierungsoffensive auch bei den Aldi-Kunden an? „Derzeit haben wir mehr als 700 Filialen auf Aniko umgestellt und merken, dass unsere Kunden das neue Konzept sehr gut annehmen“, teilt das Unternehmen mit, ohne auf konkrete Umsatzzahlen einzugehen.

Vertrauliche Daten des Nürnberger Marktforschers GfK, die der WirtschaftsWoche vorliegen, werfen indes Fragen nach dem tatsächlichen Erfolg des Verschönerungsprogramm auf. Laut den GfK-Zahlen hat ausgerechnet Aldi Nord im ersten Halbjahr unter den großen Lebensmittelhändlern am stärksten verloren, lässt man Dauerschlusslicht Real mal außen vor.

Demnach sanken die Lebensmittelumsätze von Aldi Nord im ersten Halbjahr 2018 um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zwar dürfen die Zahlen nicht überinterpretiert werden, da sie sich auf die Güter des täglichen Bedarfs beziehen und Nonfood-Waren außen vor bleiben. Doch andere Händler bestätigen, dass die Tendenz der Daten durchaus korrekt sei.

Und die lässt sich nur so interpretieren: Während Aldi Nord schwächelt, punktet die Konkurrenz. Das Schwesterunternehmen Aldi Süd legte laut den Daten um 3,3 Prozent zu. Erzrivale Lidl verbuchte gar ein Umsatzplus von dynamischen 6,8 Prozent und die Supermarktkette Rewe kam auf stolze Zuwachsraten von 6,7 Prozent.

Floppt Aniko?

Doch wie erklärt sich der Umsatzschwund des Billigheimers? Floppt Aniko?

Nicht unbedingt. Vor allem dürften zahlreiche Filialschließungen zu den Ergebnissen beigetragen haben. 44 Läden wurden im ersten Halbjahr dichtgemacht, dadurch bricht automatisch Umsatz weg. Hinzu kommt: Durch Aniko wurden Hunderte Läden jeweils mehrere Tage für den Filialumbau geschlossen. Da in dieser Zeit weder Brot noch Butter verkauft wurden, dürfte auch dies die Erlöse belastet haben.

Doch diese Effekte erklären den Abstand von Aldi Nord zur Konkurrenz nur teilweise. Womöglich hat auch die Preisentwicklung eine Rolle gespielt.

Laut einer aktuellen GfK-Analyse sind die Durchschnittspreise im ersten Halbjahr 2018 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als drei Prozent gestiegen – „sei es aufgrund von Teuerung, also ‚echten‘ Preiserhöhungen seitens der Hersteller und des Handels, oder aber aufgrund einer höherwertigen Nachfrage infolge der komfortableren finanziellen Lage der privaten Haushalte“, schreiben die Experten. Vor allem bei den Discountern sei dies zu beobachten.

„Der Anstieg der bezahlten Preise liegt im Discountbereich während der ersten sechs Monate des laufenden Jahres um fast anderthalb Prozentpunkte höher als bei den Vollsortimentern“, heißt es in der Analyse. Während bei den Drogeriemärkten und den Supermärkten das Umsatzplus den jeweiligen Preisauftrieb übersteigt, „speist sich der gesamte Umsatzzugewinn bei den Discountern aus den deutlich gestiegenen Preisen“.

Anders als die Wettbewerber hat Aldi Nord davon offenbar nicht profitiert.

Aldi erfindet sich ein bisschen neu

 

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