Anti-Hitze-Gadgets Warum die Japaner gerade ihre Kleidung aufblasen

Mit diesen Methoden soll die sommerliche Hitzewelle in Japan überstanden werden Quelle: imago images

Mit einfallsreichen Methoden versuchen Japans Stadtbewohner, die sommerlichen Hitzewellen zu überstehen. Der letzte Schrei sind Textilien mit integrierter „Klimaanlage“.

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Als Sony vor drei Jahren in Japan eine Crowdfunding-Kampagne für eine mobile Mini-Klimaanlage startete, kamen binnen einer Woche umgerechnet fast eine halbe Million Euro zusammen. Das „Reon Pocket“ in der Größe eines kleinen Smartphones hängt man sich an zwei Halsbügeln zwischen die Schulterblätter oder steckt es in eine aufgenähte Tasche eines speziellen Unterhemdes. Das Gerät enthält ein thermoelektrisches Peltier-Halbleiterelement, das sich bei Stromdurchfluss auf der Seite abkühlt, die der Hautoberfläche zugewandt ist. Ein winziger Ventilator pustet die Wärme weg, die gleichzeitig auf der anderen Seite des Elements entsteht. Nach Angaben von Sony kann eine volle Akku-Ladung auf höchster Leistungsstufe den Rücken acht Stunden lang kühlen.

Die Nachfrage nach dem Gerät in Japan – in Deutschland wird es bisher nicht offiziell verkauft – ist trotz stolzer Preise von umgerechnet über 100 Euro riesengroß, im April kam bereits die dritte Modellgeneration in die Läden. Denn der Sommer in den Ballungsräumen Tokio und Osaka zieht sich von Juni bis September und quält Millionen von Stadtbewohnern mit Tagestemperaturen von oft weit über 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit. Klimaanlagen in Wohnungen, Häusern, Büros und Geschäften sind daher weit verbreitet. Für unterwegs versprechen innovative und oft preisgünstige Produkte in Drogerien und im Internet allen Schwitzenden eine schnelle Linderung. Ähnliche Waren dürften bald auch in deutschen Regalen liegen, wenn hiesige Sommer immer länger und heißer werden.

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Aktuell sind „klimatisierte Textilien“ der letzte Schrei in Japan. Dabei handelt es sich nicht wie bei Sony um eine „echte“ Klimatisierung mit gekühlter Luft, sondern ein eingenähter Ventilator in Hemden, Jacken, Westen und Hosen bringt Luft zum Zirkulieren, Haut und Stoff trocknen schneller. Das Unternehmen Kuchofuku – was wörtlich „Klimaanlagen-Kleidung“ heißt – erfand solche Textilien bereits vor knapp zwanzig Jahren für Bauarbeiter, Handwerker, Auslieferer und andere Beschäftigte, die im Freien in glühender Hitze arbeiten müssen.

Aber neuerdings erobert diese „Klima-Kleidung“ viele andere Arbeitsbereiche und auch den Freizeitsektor. Dutzende von meist japanischen Unternehmen heizen den Trend mit eigenen Angeboten an. Der Anzugspezialist Aoki zum Beispiel verkauft luftgekühlte Westen für Outdoor-Aktivitäten. Auf speziellen Shopping-Webseiten für „Kucho Fuku“ gibt es solche Waren schon ab umgerechnet 20 Euro zu kaufen. Ihr Umsatz hat sich laut Marktforscher The Sen-I-News in fünf Jahren auf 120 Millionen Euro vervierfacht.

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Auch Erfinder Kuchofuku mischt mit und baut die kleinen Gebläse nun auch in Sitzkissen, Rucksäcke und Betten ein. Als Partner fanden sich bekannte Marken wie Asics, Mackintosh Philosophy und Manatash. „Wenn wir die Hitzewelle mit Klimaanlagen bekämpfen, dann verbrauchen wir mehr Energie“, erklärte der 74-jährige Gründer und Firmenchef Hiroshi Ichigaya gegenüber dem Finanzdienst Bloomberg. „Daher ist es vernünftiger, wenn wir die Kühlung nur für die Stellen verwenden, wo wir sie brauchen.“

Seine rationale Herangehensweise ist nicht untypisch für Japans Umgang mit der steigenden Sommerhitze: Bereits 2005 führte die damalige Umweltministerin Yuriko Koike, heute die Bürgermeisterin von Tokio, eine gelockerte Kleiderordnung für die Sommerzeit als gezielte Maßnahme zum Energiesparen ein. Von Juni bis September sollen alle Angestellten unter dem Motto „Cool Biz“ auf Anzugjacke und Krawatte verzichten und während dieser Monate auch die bis dahin verpönten kurzärmeligen Hemden tragen. Die neue „Arbeitsuniform“ spart erhebliche Mengen an Energie, weil Büro- und Geschäftsräume weniger stark gekühlt werden müssen. Umfragen zufolge machen 60 Prozent aller japanischen Unternehmen mit.

Eingebaute Ventilatoren in die Kleidung funktionieren gerade im feuchtheißen Klima von Japan gut, weil der Luftstrom den Schweiß auf der Haut rascher trocknet und der Körper dann mehr Wärme abführen kann. Die Kehrseite dieser simplen Technik besteht darin, dass die Gebläseluft die Kleidung aufplustert und ihre Träger die klobige und unförmige Gestalt eines Michelin-Männchens annehmen lässt. Dieses Problem weckte jedoch den Ehrgeiz des Textilspezialisten Teijin, der darauf zusammen mit dem Elektrowerkzeug-Hersteller Makita und dem Handelsunternehmen Chikuma doppelt genähte Textilien mit modischem Schnitt entwickelt hat, die trotz laufendem Puster ihre normale Form beibehalten können.

Schon vor dem Siegeszug dieser „klimatisierten Textilien“ entwickelten japanische Unternehmen zahlreiche Methoden, um die Sommerhitze für die leidgeprüften Städter erträglicher zu machen. Das Prinzip Ventilator zum Beispiel erfreut sich auch in der externen Variante großer Beliebtheit: Auf den Bahnsteigen der Metropolen sieht man gerade sehr viele Leute, die mit einem tragbaren Lüfter in der Hand ihr Gesicht kühlen. Manche Geräte versprühen mit Hilfe eines eingebauten Tanks einen feinen Wassernebel.

Die Textilkette Uniqlo vermarket unter dem Namen „Airism“ Kleidungsstücke aus einem besonders schnell trocknenden Textilstoff des Kunststoffspezialisten Toray. Das Material und seine Verarbeitung vermitteln der Haut einen kühlenden Eindruck. Den Erfolg von Uniqlo konterten die Rivalen in Japan mit Unterhemden, Unterhosen und Socken aus anderen Wunderstoffen. Inzwischen sind diese Materialien sogar ins Schlafzimmer einzogen – von Matratzenauflagen bis hin zu Bettlaken und Kissenbezügen versprechen sie ein kühleres Schlaferlebnis. Alternativ besprühen die Japaner ihre normale baumwollene Kleidung aus Dosen mit einer Chemikalie, die auf dem Stoff verdunstet und dabei ein Kältegefühl erzeugt.

Noch profaner wirken die „Body Wipes“ und „Body Sheets“ in den Drogerien – mit diesen baumwollenen Tüchern zum Wegwerfen wischen sich viele Japaner den Schweiß aus dem Gesicht und den Achseln. Sie beseitigen geruchsverursachende Bakterien und hinterlassen ein pudrig-trockenes Gefühl. Viele enthalten Menthol, das für ein prickelndes Frösteln am ganzen Körper sorgt. Ähnlich praktisch sind Gelpads. Aktiviert man sie durch ein kurzes Draufdrücken, beginnt darin eine chemische Reaktion, die der Umgebung Wärme entzieht. Dabei kühlt das Pad so, also ob man einen Eisbeutel auf der Haut hätte. Wer lieber selbst Hand anlegen will, holt sich einen knapp 50 Zentimeter langen Gürtel, den man sich um den Nacken legt. Das passende Gelpack wird im Tiefkühlschrank vorgekühlt und in den Gürtel hineingeschoben. Seine Kälte gibt es am Hals im Laufe einer Stunde wieder ab.

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