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Architekt und Stadtforscher Wolfgang Christ Marktplatz der Emotionen

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Disneyland-Nostalgie?

Deutschlands teuerste Einkaufsstraßen
Platz 10Die Fußgängerzone Grimmaische Straße in Leipzig rangiert mit einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 120 Euro pro Monat auf dem zehnten Platz der teuersten Shoppingmeilen Deutschlands. Quelle: dpa
Platz 9Auf den Nürnberger Einkaufsstraßen Ludwigsplatz / Hefnersplatz / Karolinenstraße liegen die durchschnittlichen Sätze für ein Ladenlokal bei 160 Euro pro Quadratmeter. Quelle: dpa
Platz 8Bekannt für Politklüngel und Hochdeutsch: In Hannover kostet eine Gewerbeimmobilie etwa auf der Georgstraße im Schnitt 195 Euro pro Quadratmeter. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Platz 7 / 6Auf der Königstraße in Stuttgart tummeln sich zur Spitzenzeit 11.335 Personen. Mit durchschnittlich 250 Euro pro Quadratmeter Ladenfläche müssen Händler hier rechnen. Quelle: dpa
Platz 7 / 6Auch auf der Kölner Schildergasse bezahlen Händler 250 Euro für den Quadratmeter Ladenfläche. Quelle: dpa
Platz 5Auf der Spitaler Straße in Hamburg tummeln sich zu Spitzenzeit 9840 Personen. In Sachen Ladenmiete sind bis zu 275 Euro pro Quadratmeter fällig. Quelle: Gemeinfrei
Platz 4Rang vier geht an die Kö in Düsseldorf. Wer hier seinen Laden neben Armani, Gucci oder Chanel platzieren will, legt dafür im Schnitt 285 Euro monatlich pro Quadratmeter hin. Quelle: dpa/dpaweb

Sind solche Center noch als Shopping Center erkennbar?

Immer weniger, Americana at Brand in Glendale bei Los Angeles oder Liverpool One sind im Grunde Stadtquartiere. Es sind zwar immer noch Center, aber zugleich ist Stadt überall präsent. Wir nennen diesen Typ Stadt-Center und sehen darin ein neues Handelsformat für die urbane Mitte. Liverpool zum Beispiel knüpft mit einer teilweise monumentalen Bebauung an die im Krieg zerstörte Baukultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an. Das Quartier ist durchzogen von einem filigranen System von Straßen, Wegen und Plätzen und Grünanlagen, die einzelnen Blöcke tragen individuell gestaltete Fassaden, die Anleihen bei Gründerzeit,  Art déco und Nachkriegsmoderne machen. Stadt und Center tun alles, um nicht mehr als Fremde voreinander da zu stehen.

Reiner Kulissenzauber?

Wenn das auch für die Pariser Oper oder für Alfred Messels großartige Warenhausarchitektur am Leipziger Platz in Berlin gilt, dann kann ich damit leben. Da wird auch Stadt über Geschichte und entsprechende Bildbotschaften inszeniert. Stadt-Center wie das The Grove in Los Angeles arbeiten gezielt mit dem Stilmix der gründerzeitlichen Downtown, mit parzellenartigen Hauseinheiten, axialen Straßenperspektiven, Gassen, mit Brunnen, Denkmälern und Gärten. Was spricht dagegen?

Klingt nach Disneyland-Nostalgie.

Mag sein, aber diese Stadträume gefallen den Menschen. The Grove hat Disneyland in Annaheim mit über 20 Millionen Besuchern als meistfrequentiertes Ziel in Kalifornien abgelöst. Die offenen Center sind in den USA auch Spielplätze des Urbanen. Sie animieren die Bewohner von Suburbia dazu, das Leben in der Stadt wieder Schritt für Schritt als etwas Lebenswertes zu entdecken und die Angst vor baulicher Dichte und – das wundert uns als Europäer sicher – vor ‚der Straße’ zu verlieren.

Im Verlag Dorothea Rohde hat Wolfgang Christ nun mit dem Stadtplaner Franz Pesch eine neue Studie veröffentlicht: „Stadt-Center. Ein neues Handelsformat für die urbane Mitte“ Quelle: Presse

Eine Rückkehr zu den Qualitäten der alten, kompakten Stadt?

Ja, nehmen Sie das Americana at Brand: Da lebt nicht nur die Boulevardkultur auf, es sind auch rund 500 Wohneinheiten oberhalb der Verkaufsflächen als Eigentums- und Mitwohnungen entstanden. Oder Southgate im südenglischen Bath. Die City gehört zum Weltkulturerbe, das Center passt sich durchgehend der Formensprache der bestehenden Stadt aus dem 18. Jahrhundert an, sonst wäre es nicht genehmigt worden. Zwischen den Blöcken sind offene Straßenräume für Fußgänger und Radfahrer, mit Eingängen im Erdgeschoss, die zu den Läden und den insgesamt  hundert Wohneinheiten in den Obergeschossen führen.

Warum wird so etwas in Deutschland nicht gebaut?

Es gibt Ansätze. Etwa die Höfe am Brühl der mfi in Leipzig oder das geplante Stuttgarter Center der ECE, das aus mehreren Blockeinheiten bestehen wird, mit Plätzen dazwischen und zahlreichen Wohnungen in den Obergeschossen.

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