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Architekt und Stadtforscher Wolfgang Christ Marktplatz der Emotionen

Der Stadtforscher und Architekt Wolfgang Christ über die Renaissance der Mitte, neue Shopping-Center-Architektur und die Baukultur des Konsums in der Digitalmoderne.

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The Americana at Brand ist ein großes Outdoor Shoppingcenter in Glendale, California. Quelle: Urban Index Institut

WirtschaftsWoche: Herr Professor Christ, unsere Innenstädte erleben eine Renaissance. Die Bürger entdecken Straßen und Plätze wieder als Bühnen des urbanen Lebens. Eine gute Nachricht für Bürgermeister, Architekten und Handel?

Wolfgang Christ: Ja, das ist eine bemerkenswerte Entwicklung, ein radikaler Paradigmenwechsel hin zu einer neuen urbanen Dichte, wie wir sie aus dem späten 19. Jahrhundert kennen. Vorbild ist die Stadt der Gründerzeit mit ihren Boulevards, Plätzen und Parkanlagen. In dieser Zeit sind die kulturellen Ressourcen angelegt worden, von denen unsere Städte heute noch zehren: Theater, Museen, Schulen, Bahnhöfe und eben auch Warenhäuser. Wer heute „in die Stadt geht“, geht vor allem Einkaufen.

Die besucherstärksten Einkaufsmeilen in Deutschland
Wo shoppen die Deutschen am liebsten? Um diese Frage zu beantworten, untersucht der Immobilienmakler Jones Lang La Salle seit 1999 jedes Jahr die Passantenfrequenz in den Einkaufsstraßen der Bundesrepublik. Das sind die Ergebnisse. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 20: Bahnhofstraße (Hannover)Für die Erhebung wurden möglichst zeitgleich eine Stunde lang die Passanten auf den Einkaufsmeilen gezählt. Die Bahnhofstraße in Hannover eröffnet das Ranking. 7.355 Menschen besuchten die Lage innerhalb von sechzig Minuten. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 19: Sendlinger Straße (München)München bietet die mit Abstand höchste Anzahl an Hochfrequenzspots. Die Landeshauptstadt ist gleich mit fünf Einkaufsmeilen im Ranking vertreten. Eine davon ist die Sendlinger Straße, auf der immerhin 7.470 Passanten gezählt wurden. Foto: Andreas Steinhoff Quelle: Wikipedia
Platz 18: Weinstraße (München)Auch auf dem nächsten Platz landet eine Münchener Einkaufsmeile. Platz 18 belegt die Weinstraße (7.560 Besucher), die in den Marienplatz mündet. Die Fassade der Südwestecke des neuen Rathauses, das an dieser Stelle (auch Wurmeck genannt) liegt, greift in ihrer Gestaltung die Münchner Sage vom Lindwurm auf. Quelle: Wikipedia
Platz 17: Alexanderplatz (Berlin)Nach München kann Berlin die meisten sogenannten Hochfrequenzanlagen vorweisen. Die Hauptstadt schafft es immerhin dreimal in die Top 20. Auf dem Alexanderplatz (7.575 Besucher), wo mit dem Fernsehturm auch Berlins Wahrzeichen steht, dürfen auch Einkaufsmöglichkeiten nicht fehlen. Alleine im Alexa-Einkaufszentrum gibt es 180 Geschäfte. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 16: Tal (München)Das Tal erstreckt sich auf einer Länge von 500 Metern zwischen dem Alten Rathaus am Marienplatz im Westen und dem Isartor im Osten. Den Namen trägt es aufgrund seiner tiefen Lage. Mit 8.190 gezählten Besuchern landet das Tal auf Platz 16 im Ranking. Foto: Maximilian Dörrbecker Quelle: Wikipedia
Platz 15: Kirchgasse (Wiesbaden)Mit 8.370 Besuchern in der Stunde ist die Kirchgasse in Wiesbaden die höchstfrequentierte Einkaufsmeile in der Kategorie der Städte mit 250.000 bis 500.000 Einwohnern. Bundesweit landet sie auf Platz 15. Quelle: Wikipedia

Und trotzdem wird immer wieder infrage gestellt, ob ein Shopping Center in die Mitte der Stadt oder eines Stadtteils gehört.

Ich glaube, darin drückt sich ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Tradition und Moderne aus. Unsere Altstädte sind ja immer Marktplätze gewesen, der Handel hat über Jahrhunderte den Fortschritt in die Mitte der Stadt getragen. Aber mit dem Warenhaus und erst recht mit dem Shopping-Center sind abgeschlossene, geradezu autistische Großformate ins urbane Zentrum gekommen, deren Flächenverbrauch kaum vereinbar ist mit der Feinmaschigkeit der traditionellen Stadt. Das mobilisiert immer noch Widerstand. Und in einer Zeit des beschleunigten Wandels wird die Mitte zu einem emotionalen Anker, den es zu verteidigen gilt. Eigentlich erwarten wir, dass in der Innenstadt alles so bleibt, wie es ist.

Das Vordringen der Shopping-Center wird vor allem als Angriff auf den Einzelhandel verstanden...

...und gleichzeitig legen darin ­– wohl aus guten Gründen – die Versicherungen oder Fondsgesellschaften von Sparkasse und Volks-und Raiffeisenbank bevorzugt die Ersparnisse und Rentenbeiträge ihrer Kunden an. Es ist an der Zeit, ein altes Vorurteil auf den Prüfstand zu stellen. Richtig ist: Heute werden neun bis zehn Prozent des Einzelhandelsumsatzes in Shopping-Centern generiert. Und zwar von unabhängigen Einzelhändlern, die Center für ihre Verkaufsstrategie nutzen. Projektentwickler addieren im Grunde die Vorgaben der Unternehmen, die sie auf ihre Plattform aufnehmen. Damit das funktioniert, brauchte es bisher mindestens zwei große Frequenzbringer, in Deutschland waren das anfangs Warenhäuser, dann vor allem Elektromärkte und Textilwarenhäuser. Dazwischen tummelten sich rechts und links der Mall die kleineren Läden.

Stadtforscher und Architekt Wolfgang Christ im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Urban Index Institut

Dieses Konzept ist passé?

Es ist brüchig geworden. In den Niederlanden, vor allem aber in den USA und Großbritannien  ist man deshalb auf der Suche nach neuen Ankern. Immer mehr weiche Faktoren prägen die Shopping Center: Die großen Verkaufsflächen bleiben, doch es entstehen Plätze und parkähnliche Anlagen, die das Gemeinschaftsgefühl ansprechen. Nach dem Motto „Alle unter einem Dach“ wird das Center, auch wenn ein Dach gar nicht mehr angeboten wird, zum Treffpunkt: vormittags für die Rentner, Jugendlichen und Familien, nachmittags und abends dann für die Zwanzig- bis Vierzigjährigen, die mit ausgefeilten Gastronomiekonzepten, üppig ausgestatteten Kinopalästen und immer neuen Events gelockt werden. Die Anker des postmodernen Shopping Center sind Marktplätze der Atmosphären und Emotionen.

Disneyland-Nostalgie?

Deutschlands teuerste Einkaufsstraßen
Platz 10Die Fußgängerzone Grimmaische Straße in Leipzig rangiert mit einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 120 Euro pro Monat auf dem zehnten Platz der teuersten Shoppingmeilen Deutschlands. Quelle: dpa
Platz 9Auf den Nürnberger Einkaufsstraßen Ludwigsplatz / Hefnersplatz / Karolinenstraße liegen die durchschnittlichen Sätze für ein Ladenlokal bei 160 Euro pro Quadratmeter. Quelle: dpa
Platz 8Bekannt für Politklüngel und Hochdeutsch: In Hannover kostet eine Gewerbeimmobilie etwa auf der Georgstraße im Schnitt 195 Euro pro Quadratmeter. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Platz 7 / 6Auf der Königstraße in Stuttgart tummeln sich zur Spitzenzeit 11.335 Personen. Mit durchschnittlich 250 Euro pro Quadratmeter Ladenfläche müssen Händler hier rechnen. Quelle: dpa
Platz 7 / 6Auch auf der Kölner Schildergasse bezahlen Händler 250 Euro für den Quadratmeter Ladenfläche. Quelle: dpa
Platz 5Auf der Spitaler Straße in Hamburg tummeln sich zu Spitzenzeit 9840 Personen. In Sachen Ladenmiete sind bis zu 275 Euro pro Quadratmeter fällig. Quelle: Gemeinfrei
Platz 4Rang vier geht an die Kö in Düsseldorf. Wer hier seinen Laden neben Armani, Gucci oder Chanel platzieren will, legt dafür im Schnitt 285 Euro monatlich pro Quadratmeter hin. Quelle: dpa/dpaweb

Sind solche Center noch als Shopping Center erkennbar?

Immer weniger, Americana at Brand in Glendale bei Los Angeles oder Liverpool One sind im Grunde Stadtquartiere. Es sind zwar immer noch Center, aber zugleich ist Stadt überall präsent. Wir nennen diesen Typ Stadt-Center und sehen darin ein neues Handelsformat für die urbane Mitte. Liverpool zum Beispiel knüpft mit einer teilweise monumentalen Bebauung an die im Krieg zerstörte Baukultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an. Das Quartier ist durchzogen von einem filigranen System von Straßen, Wegen und Plätzen und Grünanlagen, die einzelnen Blöcke tragen individuell gestaltete Fassaden, die Anleihen bei Gründerzeit,  Art déco und Nachkriegsmoderne machen. Stadt und Center tun alles, um nicht mehr als Fremde voreinander da zu stehen.

Reiner Kulissenzauber?

Wenn das auch für die Pariser Oper oder für Alfred Messels großartige Warenhausarchitektur am Leipziger Platz in Berlin gilt, dann kann ich damit leben. Da wird auch Stadt über Geschichte und entsprechende Bildbotschaften inszeniert. Stadt-Center wie das The Grove in Los Angeles arbeiten gezielt mit dem Stilmix der gründerzeitlichen Downtown, mit parzellenartigen Hauseinheiten, axialen Straßenperspektiven, Gassen, mit Brunnen, Denkmälern und Gärten. Was spricht dagegen?

Klingt nach Disneyland-Nostalgie.

Mag sein, aber diese Stadträume gefallen den Menschen. The Grove hat Disneyland in Annaheim mit über 20 Millionen Besuchern als meistfrequentiertes Ziel in Kalifornien abgelöst. Die offenen Center sind in den USA auch Spielplätze des Urbanen. Sie animieren die Bewohner von Suburbia dazu, das Leben in der Stadt wieder Schritt für Schritt als etwas Lebenswertes zu entdecken und die Angst vor baulicher Dichte und – das wundert uns als Europäer sicher – vor ‚der Straße’ zu verlieren.

Im Verlag Dorothea Rohde hat Wolfgang Christ nun mit dem Stadtplaner Franz Pesch eine neue Studie veröffentlicht: „Stadt-Center. Ein neues Handelsformat für die urbane Mitte“ Quelle: Presse

Eine Rückkehr zu den Qualitäten der alten, kompakten Stadt?

Ja, nehmen Sie das Americana at Brand: Da lebt nicht nur die Boulevardkultur auf, es sind auch rund 500 Wohneinheiten oberhalb der Verkaufsflächen als Eigentums- und Mitwohnungen entstanden. Oder Southgate im südenglischen Bath. Die City gehört zum Weltkulturerbe, das Center passt sich durchgehend der Formensprache der bestehenden Stadt aus dem 18. Jahrhundert an, sonst wäre es nicht genehmigt worden. Zwischen den Blöcken sind offene Straßenräume für Fußgänger und Radfahrer, mit Eingängen im Erdgeschoss, die zu den Läden und den insgesamt  hundert Wohneinheiten in den Obergeschossen führen.

Warum wird so etwas in Deutschland nicht gebaut?

Es gibt Ansätze. Etwa die Höfe am Brühl der mfi in Leipzig oder das geplante Stuttgarter Center der ECE, das aus mehreren Blockeinheiten bestehen wird, mit Plätzen dazwischen und zahlreichen Wohnungen in den Obergeschossen.

Deutsche Projekte

Die Architekturbranche bittet zur Werkschau
Büro- und Wohnhaus in StarnbergBauherr: Markus Heckl, Starnberg Architektur: Bembé Dellinger Architekten und Stadtplaner GmbH Das futuristische Gebäude hat 447 Quadratmeter Nutzfläche und kann von Interessierten am Samstag, den 29. Juni 2013, um 14 und 16 Uhr besichtigt werden. Der Treffpunkt ist die Leopoldstraße 2b in 82319 Starnberg. Quelle: Bembé Dellinger Architekten und Stadtplaner GmbHFotografie: Johannes Hiller
Wohnungsbau Menterschwaige, München-HarlachingBauherrin: KLAUS Wohnbau GmbH, Augsburg | München Architektur: Blaumoser Architekten | Stadtplaner, Albert Blaumoser, Starnberg, Das organisch geformte Terrassenhaus mit zwölf einzelnen Wohnungen hat eine Gesamtfläche von 1.845 Quadratmetern. Besichtigt werden kann das Mehrparteienhaus am Samstag, den 29. Juni um 17 Uhr in der Harthauser Straße 87, 81545 München. Quelle: Blaumoser Architekten |Stadtplaner Fotograf: Burkhard Franke
Wohnhaus in der Goldbergstraße, München-SollnBauherrin: Private Häuser Wohnbau GmbH, München Architektur: SPP Sturm, Peter + Peter Architekten + Ingenieure, Christine Peter, Christian Peter, München Das Gebäude in der Goldbergstraße 7 in 81479 München beherbergt insgesamt acht Wohnungen mit Garten, Balkon oder Atrium und Dachgarten, die am Samstag, den 29. Juni um 14 Uhr besichtigt werden können. Quelle: SPP Sturm, Peter + PeterFotografie: Simone Rosenberg
Energetische Sanierung einer Grundschule mit Turnhalle, München-Sendling-WestparkBauherrin: Landeshauptstadt München, Referat für Bildung und Sport, Baureferat Hochbau (Projektleitung), München Architektur: Volker Thun, Bettina Armbruster, München Bei dieser Grundschule in München wurden Kastenfenster rekonstruiert, Zugänge und Farbkonzept neu interpretiert und Bauteile modernisiert. Das Ergebnis können sich Besucher am Samstag, den 29. Juni von 14 bis 15.30 Uhr sowie von 16 bis 17.30 Uhr, ansehen. Treffpunkt ist jeweils der Haupteingang der Schule (rote Tür) in der Werdenfelsstraße 58, in 81377 München. Quelle: Volker Thun, Bettina Armbruster, MünchenFotografie: Eliser Wiedemann
Betriebsgebäude für einen LKW-Handel, OberschleißheimBauherr: Ludwig Füchsl GmbH, Oberschleißheim Architekt: PALAIS MAI Architekten GbR, München Dieses schwarze Betriebsgebäude für einen Gebraucht-LKW-Händler steht inmitten einer mehrere Hektar großen Kiesfläche. Interessierte können das Kunstwerk am Samstag, den 29. Juni, von 13 bis 15 Uhr in der Hicklstraße 7 in 85764 Oberschleißheim besichtigen. Quelle: Palais MAI Architekten GbRFotograf: Edward Beierle
Einfamilienhaus Aletshausen - OT WinzerBauherren: König/Bär, Winzer Architektur: Jakob Architekten, Ulrike Jakob, Armin Jakob, Krumbach, Landschaftsarchitektur König, Melanie König Das Thema dieses Wohngebäudes in der Hauptstraße 56, 86480 Aletshausen, ist das Wohnen in und mit der Natur. Besichtigungstermine sind am Samstag, 29. Juni, und Sonntag, 30. Juni, jeweils um 11 Uhr. Quelle: JAKOB architekten GbRFotografie: Georg Drexel
Kinderkrippe WörthseeBauherrin: Gemeinde Wörthsee Architektur: Füllemann Architekten GmbH Die Kinderkrippe in der Schluifelder Straße 12 in 82237 Wörthsee ist ein Passivhaus-Holzbau, der sich nach Süden zur Landschaft hin öffnet. Besichtigt werden kann das Gebäude am Sonntag, den 30. Juni von 10 bis 12 Uhr. Quelle: Füllemann Architekten GmbHFotografie: Achim Füllemann

Warum sperren sich die Projektentwickler in Deutschland gegen eine stärkere Öffnung der Center hin zum öffentlichen Raum?

Weil die Grundstücke oft zum spekulativ höchsten Preis erworben werden, die Verkaufsfläche entsprechend maximiert werden muss und sie angesichts der relativ niedrigen Renditen im Einzelhandel die Wirtschaftlichkeit dieser offenen Strukturen in Zweifel ziehen. Und weil mit den deutschen Städten keine so enge strategische Partnerschaft zustande kommt, wie das in Großbritannien und in den USA der Fall ist.

Was machen die britischen Städte anders?

Sie verstehen den Handel als das stärkste Vehikel, um die Innenstädte zu entwickeln. Da werden frühzeitig Leitbilder entwickelt, die sich dann auch im Projekt des Developers wiederfinden. Städte wie Liverpool oder Bath wussten von Anfang an: Wir wollen ein gegliedertes Quartier, das Wohnen, Arbeiten und Einkaufen verbindet und attraktiv ist für die night economy, so dass die City auch nachts lebt. Außerdem müssen die Städte das Grundstück, das ihnen oft ganz oder zum Teil gehört, nicht zum Höchstpreis an den Projekt-Entwickler verkaufen. Im Gegenteil, es kann in Erbpacht gegeben werden, wobei die Pachtsumme vom Umsatz der Einzelhändler abhängt. Wenn die kein Geld verdienen, geht auch die Stadt leer aus. Das motiviert die öffentliche Seite zusätzlich und entlastet den Center-Entwickler. In einem Fall in den USA baute der Developer eine neue Downtown auf einem brachgefallenen Centerareal, das die Kommune für 1 Dollar abgegeben hat.

Das SouthGate Shoppingcenter in Bath, Somerset, England. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Urban Index Institut

Und wenn es Immobilienbesitzer gibt, die nicht verkaufen wollen?

Dann können sie enteignet werden, vorausgesetzt, das Projekt ist im öffentlichen Interesse! Das heißt: Die Stadt tritt dem Projektentwickler als starker, durchsetzungsfähiger Partner gegenüber, der den gesamten Planungsprozess im Griff hat, die Bürger permanent mitreden und – das ist entscheidend – mit entscheiden lässt. Und wenn dann auch noch genügend Verkaufsfläche dazu kommt, in Bath etwa rund fünfzigtausend Quadratmeter, und ein effizientes Planungs- und Baurecht greift, dann vergehen vom Auftrag bis zur Fertigstellung nur fünf, sechs Jahre. Zum Vergleich: In Deutschland dauert so etwas gut zehn Jahre.

Haben die deutschen Städte ihre Hausaufgaben nicht gemacht?

Sie haben oft weder ein Leitbild für die Gesamtstadt, noch einen konkreten Masterplan für die Innenstadt. Sobald ein Projektentwickler Interesse an einem Grundstück anmeldet, führt das zu einer merkwürdigen Zweikampfsituation, bei der die Städte sich tendenziell in der schwächeren Position fühlen, weil sie erst dann beginnen, ihre eigene Position zu klären. Viel gescheiter wäre es, selber bei Zeiten Perspektiven zu entwickeln, die zeigen, warum es sich lohnt, in der Innenstadt zu investieren, welche begleitenden Maßnahmen und Projekte von Seiten der Stadt, aber auch von Privaten zu erwarten sind. Das gäbe dem Investor, der garantiert mit oft 100 und mehr Millionen Euro die größte Summe von allen aufbringen muss, die notwendige Sicherheit, dass sich sein Investment in einem kontrollierten städtebaulichen Umfeld entwickelt und sich Qualität auch in der Rendite widerspiegeln wird.

Die Unverwechselbarkeit einer Stadt

The Americana at Brand, Glendale, Kalifornien. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Urban Index Institut

Ihr Urban INDEX Institut hat im Auftrag des Projektentwicklers ECE für die ostwestfälische Stadt Minden einen Rahmenplan entwickelt, der Innenstadt und Centerentwicklung zusammenführt. Warum braucht Minden so einen Center?

Weil die Stadtverordneten das nahezu einstimmig angesichts des aktuell leerstehenden Karstadt-Warenhauses und weiterer dringend modernisierungsbedürftiger Handelsimmobilien drum herum so beschlossen haben. Es gibt in Minden zahlreiche leerstehende Wohnungen in der Altstadt, der Einzelhandel verliert Verkaufsflächen und Umsatz. Es gibt immer weniger Läden des mittleren und gehobenen Bedarfs und ganze Warengruppen sind nicht adäquat vertreten. Die benachbarte Händlerschaft wartet darauf, dass es endlich losgeht, denn ein Center würde ihnen die Gewähr bieten, dass die Laufkundschaft zurückkehrt. Im Moment sieht es so aus, als würde das Vorhaben scheitern, weil die Immobilien, die der Entwickler erwerben muss, um das Projekt zu entwickeln, wohl zu teuer sind.

Wo kaufen die Mindener stattdessen ein?

Viele wohl in anderen Städten und natürlich auf der grünen Wiese. Die Stadt ist von Fachmarkt-Centern umgeben. Hinzu kommt der wachsende Anteil des Online-Handels, der auch Minden verändern wird. Denn alles, was digitalisiert werden kann, wird in Zukunft digitalisiert werden, auch im Handel. Das heißt für unsere Städte und für den Einzelhandel, dass sie nur dann eine Chance haben, wenn sie Qualitäten anbieten, die nicht digitalisierbar, also exklusiv sind: Atmosphäre, Authentizität, Aura.

The Grove in Los Angeles, Kalifornien. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Urban Index Institut

Was ist authentische Handelsarchitektur im Zeitalter der Digitalisierung?

Das ist die große Herausforderung, vor der wir stehen! Genau darum geht es ja: Was ist nach dem Warenhaus und dem Shopping Center die erfolgversprechende Baukultur des Konsums der Zukunft? Was wird von beiden Typologien bleiben? Städte leben von der Unverwechselbarkeit ihrer Lage, ihrer Geschichte und Geschichten. Alles spiegelt sich in Architektur und Städtebau. In Minden haben wir versucht, diesen Stadtwert als eine einzigartige analoge Qualität mit Hilfe des Rahmenplans herauszuarbeiten.

Was sieht dieser Rahmenplan vor?

Das Außergewöhnliche ist sicherlich, dass wir uns vor allem darum bemühen, das Center als Quartiersbaustein und Impulsgeber für die ‚Renaissance der Mitte’ in Minden zu positionieren. Wir führen die vorhandene und die zukünftig benötigte Stadtqualität der gesamten Innenstadt vor Augen. Eine Wohnungsbauoffensive auf den innerstädtischen Brachflächen gehört dazu. Straßen und Wege sollen wieder zum Bummeln einladen. In Bristol hat man gezeigt, wie das geht: Das neue Fuß- und Radwegenetz schafft eine perfekte Anbindung aller Stadtteile an die Innenstadt. Ein Shopping Center sollte einen Wandel zum Besseren im weitesten Sinne auslösen.

Vom Sein und Nicht-Sein unserer Städte

Die beliebtesten Einkaufsstraßen Deutschlands
Trotz Online-Boom gehen die Deutschen immer noch gern klassisch auf Einkaufsstraßen shoppen. Das zeigt die alljährliche Passantenfrequenz-Zählung von JLL. Am Zähltag (Samstag, 14. April 2018) besuchten zwischen 13 und 16 Uhr insgesamt 718.880 Passanten die Shoppingmeilen, das sind nur etwa 4000 weniger als 2017 und fast 240.000 Menschen pro Stunde. Kann die Frankfurter Zeil ihren Titel als beliebteste Einkaufsstraße 2017 verteidigen? Quelle: dpa
Rang 10: Schadowstraße, DüsseldorfDie Düsseldorfer Schadowstraße hat sich wieder gefangen. Nachdem sie 2017 einen deutlichen Frequenzrückgang zu beklagen hatte, verbesserte sie sich in diesem Jahr um 665 auf 9130 Besucher pro Stunde. Im Bild die Eröffnung des C&A-Flagship-Stores. Quelle: obs
Rang 9: Königstraße, StuttgartDie Königstraße legt noch deutlicher zu: Stuttgarts meistfrequentierte Einkaufsstraße steigert sich um 1690 auf 9.145 Passanten pro Stunde. Quelle: dpa
Rang 8: Hohe Straße, KölnDie Kölner Hohe Straße lockt pro Stunde 9.435 Einkäufer an,, zu Spitzenzeiten waren es mal 12.795. Damit ist sie nur auf dem zweiten Platz unter den Kölner Top-Shopping-Lagen. Quelle: dpa
Rang 7: Flinger Straße, DüsseldorfDie Flinger Straße in Düsseldorf ist dagegen etwas abgerutscht: Nach dem dritten Platz 2017 reiht sie sich in diesem Jahr weiter hinten ein. 9670 Passanten wollten hier stündlich einkaufen. Quelle: dpa
Rang 6: Westenhellweg, DortmundDortmunds Westenhellweg war 2013 noch absoluter Spitzenreiter mit 12.950 Passanten, stürzte bis 2017 aber auf den neunten Rang ab. Nun reicht es wieder für den sechsten: Mit 10.180 Einkäufern pro Stunde nähert die Ruhgebiets-Shoppingmeile dem Trubel alter Tage wieder an.
Rang 5: Georgstraße, HannoverDie Georgstraße in Hannover, lockte 2015 noch 10.430 Menschen pro Stunde, damals ergab das Rang Vier. Nach einigen schwächeren Jahren hat sie ihren alten Wert nun sogar übertroffen: 10.985 Shoppende pro Stunde. Trotzdem reicht es damit in diesem Jahr nur noch für Platz Fünf. Quelle: dpa

Aber auch die britischen Innenstädte sind durch den Online-Handel in die Defensive geraten.

Richtig, sogar ungleich stärker als bei uns, in England investiert kaum noch jemand in neue Läden. Einer von sieben Läden steht leer. 40 Prozent der noch vorhandenen gelten als in ihrer Existenz bedroht. Die Lage ist dramatisch. Der Premierminister kümmert sich persönlich darum. Aber gerade die Beispiele in Liverpool, Bath und Bristol zeigen, dass sich Stadtqualität gegen Online behaupten kann. Überall da, wo es den Städten gelingt, ihre analoge Identität zu bewahren oder zu rekonstruieren, hat Einzelhandelsqualität eine Zukunft. Handelskultur muss sich wieder in Stadtkultur einschreiben. Wenn Handel erst einmal verschwunden ist, kommt er nie wieder in die Innenstadt, dann sind tausend Jahre Stadtidentität dahin. Da können sie noch so viele Starbucks bauen oder Urban-Gardening-Projekte anleiern. Ohne den Handel sind unsere Städte tot. Dessen ist man sich in Großbritannien mittlerweile – anders als bei uns – bewusst.

Das Liverpool ONE in Liverpool, United Kingdom. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Urban Index Institut

Wenn es um Sein und Nicht-Sein unserer Städte geht – warum wird so wenig darüber debattiert?

Das frage ich mich auch. Wir diskutieren seit Jahren über Gentrifizierung, ökologisches Bauen, den Klimawandel und die Energiewende, aber ein Diskurs um Urbanität und Stadtentwicklung, um die Frage, wie wir eigentlich leben wollen, kommt nicht wirklich in Gang. Dabei liegt der Schlüssel zu vielen ernsten Themen in einer ‚Stadtwende’.

Handel



Was meinen Sie damit?

Der Streit über Shopping Center wäre produktiver, wenn wir über den doch vergleichsweise begrenzten Raum hinaus zum Beispiel alle Handelsformate auf den Prüfstand ihrer Stadtverträglichkeit stellen würden. Dann käme heraus, dass 9 Millionen Quadratmeter  Centerfläche auf rund 2 bis 3 Millionen Quadratmeter  Grundstücksfläche passen, 35 Millionen Quadratmeter Fachmarktflächen aber rund 100 Millionen Quadratmeter  Land verbrauchen. Das sind 100 Quadratkilometer! Nur, die sind eher am Ortsrand und in der Zwischenstadt. Da schaut aber keiner hin. Und schön ist es da auch selten.

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