Architekt und Stadtforscher Wolfgang Christ Marktplatz der Emotionen

Der Stadtforscher und Architekt Wolfgang Christ über die Renaissance der Mitte, neue Shopping-Center-Architektur und die Baukultur des Konsums in der Digitalmoderne.

The Americana at Brand ist ein großes Outdoor Shoppingcenter in Glendale, California. Quelle: Urban Index Institut

WirtschaftsWoche: Herr Professor Christ, unsere Innenstädte erleben eine Renaissance. Die Bürger entdecken Straßen und Plätze wieder als Bühnen des urbanen Lebens. Eine gute Nachricht für Bürgermeister, Architekten und Handel?

Wolfgang Christ: Ja, das ist eine bemerkenswerte Entwicklung, ein radikaler Paradigmenwechsel hin zu einer neuen urbanen Dichte, wie wir sie aus dem späten 19. Jahrhundert kennen. Vorbild ist die Stadt der Gründerzeit mit ihren Boulevards, Plätzen und Parkanlagen. In dieser Zeit sind die kulturellen Ressourcen angelegt worden, von denen unsere Städte heute noch zehren: Theater, Museen, Schulen, Bahnhöfe und eben auch Warenhäuser. Wer heute „in die Stadt geht“, geht vor allem Einkaufen.

Die besucherstärksten Einkaufsmeilen in Deutschland
Wo shoppen die Deutschen am liebsten? Um diese Frage zu beantworten, untersucht der Immobilienmakler Jones Lang La Salle seit 1999 jedes Jahr die Passantenfrequenz in den Einkaufsstraßen der Bundesrepublik. Das sind die Ergebnisse. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 20: Bahnhofstraße (Hannover)Für die Erhebung wurden möglichst zeitgleich eine Stunde lang die Passanten auf den Einkaufsmeilen gezählt. Die Bahnhofstraße in Hannover eröffnet das Ranking. 7.355 Menschen besuchten die Lage innerhalb von sechzig Minuten. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 19: Sendlinger Straße (München)München bietet die mit Abstand höchste Anzahl an Hochfrequenzspots. Die Landeshauptstadt ist gleich mit fünf Einkaufsmeilen im Ranking vertreten. Eine davon ist die Sendlinger Straße, auf der immerhin 7.470 Passanten gezählt wurden. Foto: Andreas Steinhoff Quelle: Wikipedia
Platz 18: Weinstraße (München)Auch auf dem nächsten Platz landet eine Münchener Einkaufsmeile. Platz 18 belegt die Weinstraße (7.560 Besucher), die in den Marienplatz mündet. Die Fassade der Südwestecke des neuen Rathauses, das an dieser Stelle (auch Wurmeck genannt) liegt, greift in ihrer Gestaltung die Münchner Sage vom Lindwurm auf. Quelle: Wikipedia
Platz 17: Alexanderplatz (Berlin)Nach München kann Berlin die meisten sogenannten Hochfrequenzanlagen vorweisen. Die Hauptstadt schafft es immerhin dreimal in die Top 20. Auf dem Alexanderplatz (7.575 Besucher), wo mit dem Fernsehturm auch Berlins Wahrzeichen steht, dürfen auch Einkaufsmöglichkeiten nicht fehlen. Alleine im Alexa-Einkaufszentrum gibt es 180 Geschäfte. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 16: Tal (München)Das Tal erstreckt sich auf einer Länge von 500 Metern zwischen dem Alten Rathaus am Marienplatz im Westen und dem Isartor im Osten. Den Namen trägt es aufgrund seiner tiefen Lage. Mit 8.190 gezählten Besuchern landet das Tal auf Platz 16 im Ranking. Foto: Maximilian Dörrbecker Quelle: Wikipedia
Platz 15: Kirchgasse (Wiesbaden)Mit 8.370 Besuchern in der Stunde ist die Kirchgasse in Wiesbaden die höchstfrequentierte Einkaufsmeile in der Kategorie der Städte mit 250.000 bis 500.000 Einwohnern. Bundesweit landet sie auf Platz 15. Quelle: Wikipedia
Platz 14: Tauentzienstraße (Berlin)Die seit 1999 jährlich durchgeführte Erhebung ist mit rund 655.000 gezählten Passanten in 170 Einkaufsstraßen die umfangreichste ihrer Art. Platz 14 im Ranking belegt die 500 Meter lange Tauentzienstraße (8.390 Besucher), die als Fortsetzung des Kurfürstendamms eine der teuersten Lagen Deutschlands ist. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 13: Hohe Straße (Köln)Bei den Bundesländern ist Nordrhein-Westfalen das Maß der Dinge. 13 Einkaufsstraßen erzielen Frequenzen oberhalb von 5.000 Passanten pro Stunde. Nur Bayern und Baden-Württemberg können mit acht beziehungsweise sechs Lagen halbwegs mithalten. Die Hohe Straße im Zentrum der Innenstadt von Köln belegt mit 8.625 Passanten Platz 13 im Ranking. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 12: Spitaler Straße (Hamburg)Die Hamburg Spitaler Straße knackt als erstes die 9000er-Marke (9.215 Besucher). Dirk Wichner, Leiter Einzelhandelsvermietung Deutschland bei Jones Lang LaSalle, über den Stellenwert der Passantenfrequenz: „Deutschland ist derzeit eines der weltweit interessantesten Expansionsziele für Handelsunternehmen. Als Indikator für die Umsatzchancen sind die Frequenzen dabei ein wichtiges Kriterium für den bundesweiten Standortvergleich. Gängige Kennziffern wie Spitzenmiete, Zentralität und Kaufkraft gewinnen mit den Frequenzen an Aussagekraft und tragen zum schlüssigen Gesamtbild einer Einkaufsmeile bei.“ Quelle: Wikipedia
Platz 11: Schadowstraße (Düsseldorf)„Trotz der mit jeder Frequenzzählung verbundenen Unwägbarkeiten zeigt sich auch 2013 ein im langjährigen Vergleich stabiles Bild. Fast 90 Prozent der 50 bestfrequentierten Straßen waren auch im Vorjahr Bestandteil dieser Gruppe“, so Wichner weiter. Ein bisschen mehr Kontinuität wünschen sich wohl auch die Eigentümer der Geschäfte auf der Düsseldorfer Schadowstraße (9.250 Besucher). Seit den 1990ern lässt sich hier ein Passantenrückgang feststellen. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 10: Königstraße (Stuttgart)Die Top-Ten eröffnet die 1,2 Kilometer lange Königstraße in Stuttgart mit 9.380 gezählten Besuchern. In den 25 Städten mit den höchsten Ladenmieten führt Jones Lang LaSalle ergänzend eine Zählung unter der Woche durch. Die Erhebung am frühen Donnerstagabend zeigt, dass die Besucherzahlen am Samstag durchschnittlich um rund die Hälfte über den Spitzenwerten unter der Woche liegen. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 9: Georgstraße (Hannover)Auf der Georgstraße in Hannover wurden 9.850 Besucher gezählt. Die Haupteinkaufsstraße im Stadtteil Mitte der niedersächsischen Landeshauptstadt landet damit auf dem neunten Platz im Ranking. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 8: Mönckebergstraße (Hamburg)Die Hamburger Mönckebergstraße folgt mit 9.855 Passanten auf Rang 8. Gemeinsam mit der Spitalerstraße, die spitz auf die Mönckebergstraße zuläuft, bildet sie den Hauptzugang in die Hamburger Innenstadt. Quelle: Wikipedia
Platz 7: Schlossstraße (Berlin)Die Berliner Schlossstraße ist der Aufsteiger des Jahres. Mit 10.225 Passanten katapultiert sich die Lage auf Rang 7 und profitiert von zugkräftigen Neuanmietungen und Shopping-Centern. Quelle: Wikipedia
Platz 6: Zeil (Frankfurt)Nur in wenigen Metropolen werden auch wochentags Frequenzen oberhalb von 5.000 Passanten je Stunde erzielt. Spitzenreiter ist hier eindeutig die Frankfurter Zeil, die auch unter der Woche mehr als 10.000 Passanten pro Stunde anzieht. Dennoch gehört sie zu den Verlierern: Der Vorjahressieger belegt in diesem Jahr mit 10.965 Passanten nur Rang 6. Quelle: Handelsblatt Online
Platz 5: Kaufingerstraße (München)Die Kaufingerstraße grenzt westlich am Marienplatz an und ist Teil der großen West-Ost-Achse der historischen Altstadt Münchens. 10.980 Besucher wurden hier in der Stunde gezählt. Damit landet die Einkaufsmeile im Ranking auf Platz 5. Quelle: Wikipedia
Platz 4: Flinger Straße (Düsseldorf)Während die Düsseldorfer Schadowstraße Jahr für Jahr weniger Passanten zählt, gehört die Flinger Straße zu den Gewinnern. Sie verbessert sich um zwei Plätze und belegt damit den vierten Rang (11.790 Besucher). Quelle: Wikipedia
Platz 3: Schildergasse (Köln)Mit 11.910 Besuchern pro Stunde ist die Kölner Schildergasse laut der Studie die drittmeistbesuchte Einkaufsstraße in Deutschland. Einige Meter unter der Lage wurden zahlreiche Belege dafür geborgen, dass der Ursprung der Einkaufsmeile in der Römerzeit liegt. Quelle: dpa/Picture Alliance
Platz 2: Neuhauser Straße (München)Die Neuhauser Straße in München belegt mit stündlich 11.920 gezählten Passanten Rang 2. Auch wenn einige Lagen deutlich zulegten, insgesamt blieben die bundesweit gezählten Besucher (655.000) hinter den Zahlen des Vorjahres (690.000) zurück. Dirk Wichner: „Unser Zählergebnis deckt sich durchaus mit Stimmen aus dem Handel, die trotz anhaltend guter Konsumnachfrage leicht rückläufige Frequenzen in ihren Shops beobachten. Die Euro-Krise sorgt für unsichere Rahmenbedingungen, die nicht spurlos am Handel vorübergehen. Bislang schlägt sich dies aber nicht in rückläufigen Handelsumsätzen oder einer abnehmenden Flächennachfrage nieder.“ Quelle: dpa/Picture Alliance

Und trotzdem wird immer wieder infrage gestellt, ob ein Shopping Center in die Mitte der Stadt oder eines Stadtteils gehört.

Ich glaube, darin drückt sich ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Tradition und Moderne aus. Unsere Altstädte sind ja immer Marktplätze gewesen, der Handel hat über Jahrhunderte den Fortschritt in die Mitte der Stadt getragen. Aber mit dem Warenhaus und erst recht mit dem Shopping-Center sind abgeschlossene, geradezu autistische Großformate ins urbane Zentrum gekommen, deren Flächenverbrauch kaum vereinbar ist mit der Feinmaschigkeit der traditionellen Stadt. Das mobilisiert immer noch Widerstand. Und in einer Zeit des beschleunigten Wandels wird die Mitte zu einem emotionalen Anker, den es zu verteidigen gilt. Eigentlich erwarten wir, dass in der Innenstadt alles so bleibt, wie es ist.

Das Vordringen der Shopping-Center wird vor allem als Angriff auf den Einzelhandel verstanden...

...und gleichzeitig legen darin ­– wohl aus guten Gründen – die Versicherungen oder Fondsgesellschaften von Sparkasse und Volks-und Raiffeisenbank bevorzugt die Ersparnisse und Rentenbeiträge ihrer Kunden an. Es ist an der Zeit, ein altes Vorurteil auf den Prüfstand zu stellen. Richtig ist: Heute werden neun bis zehn Prozent des Einzelhandelsumsatzes in Shopping-Centern generiert. Und zwar von unabhängigen Einzelhändlern, die Center für ihre Verkaufsstrategie nutzen. Projektentwickler addieren im Grunde die Vorgaben der Unternehmen, die sie auf ihre Plattform aufnehmen. Damit das funktioniert, brauchte es bisher mindestens zwei große Frequenzbringer, in Deutschland waren das anfangs Warenhäuser, dann vor allem Elektromärkte und Textilwarenhäuser. Dazwischen tummelten sich rechts und links der Mall die kleineren Läden.

Stadtforscher und Architekt Wolfgang Christ im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Urban Index Institut

Dieses Konzept ist passé?

Es ist brüchig geworden. In den Niederlanden, vor allem aber in den USA und Großbritannien  ist man deshalb auf der Suche nach neuen Ankern. Immer mehr weiche Faktoren prägen die Shopping Center: Die großen Verkaufsflächen bleiben, doch es entstehen Plätze und parkähnliche Anlagen, die das Gemeinschaftsgefühl ansprechen. Nach dem Motto „Alle unter einem Dach“ wird das Center, auch wenn ein Dach gar nicht mehr angeboten wird, zum Treffpunkt: vormittags für die Rentner, Jugendlichen und Familien, nachmittags und abends dann für die Zwanzig- bis Vierzigjährigen, die mit ausgefeilten Gastronomiekonzepten, üppig ausgestatteten Kinopalästen und immer neuen Events gelockt werden. Die Anker des postmodernen Shopping Center sind Marktplätze der Atmosphären und Emotionen.

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