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Art Basel Die große Milliarden-Kunstparty

Die Geschäfte auf der weltweit wichtigsten Kunstmesse laufen blendend. 285 Galerien aus 34 Ländern bieten auf der Art Basel laut Schätzung des Kunstversicherers Axa Art Schätzchen für vier Milliarden Dollar feil.

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Ein Besucher der Art Basel betrachtet ein Kunstwerk des US-amerikanischen Künstlers Gavin Kenyon Quelle: dpa

Keine Frage, die Augen waren groß beim Blick an die Wand: Farbstreifen, in akkurater Abfolge auf zwei Meter Höhe und fast viereinhalb Meter Breite, „Strip“, ein monumentaler Digitaldruck von Gerhard Richter aus dem Jahr 2011 hing da an der Wand des Messestands der New Yorker Galerie Marian Goodman. Davor ein Schweizer Pärchen – er Ende 60, mit leuchtend blauer Stoffhose, Loafers, kariertem Sakko, das weiße Haar nach hinten gekämmt, sie etwas jünger, im hellen Kleidchen, dezenten Goldschmuck um den Hals, Arme und Beine Sonnenbank gebräunt. Ihre Begleitung: ein junger Mann, standesgemäß mit Bart und Glatze. Und einem Smartphone in der Hand. Dirigiert das Pärchen noch ein wenig von rechts nach links – und zack, schon ist es gemacht, das Erinnerungsfoto vor dem Werk des derzeit am weltweiten Kunstmarkt gefragtesten Künstlers. „Kostet 2,2 Millionen“, raunt sie ihrem Liebsten zu und zerrt ihn schon weiter zum nächsten Stand. „Ja, aber wo sollen wir es hinhängen“, murmelt er, „da brauchen wir doch ein größeres Haus.“

Was Sammler bereit sind, für Kunst zu zahlen
Lovis Corinth, „Zinnien“, Quelle: Auktionshaus Nagel
Doppelnischenteppich mit seltener Bordürenornamentik aus der westanatolischen Uschak-Region Quelle: Auktionshaus Nagel
Franz von Stuck, „Der lustige Ritt“ Quelle: Auktionshaus Nagel
 Augsburger Kabinettschrank aus dem Jahre 1650/1660 Quelle: Auktionshaus Nagel
Schrank aus Zitan-Holz aus der chinesischen Ming-Dynastie Quelle: Auktionshaus Nagel
Knüpfpaneel mit zwei Kedschebe-Göls Quelle: Auktionshaus Nagel
Pilgerflasche "Neun Drachen" aus Porzellan Quelle: Auktionshaus Nagel

Wie auch immer die beiden ihr Problem gelöst haben – das kurze Stelldichein während der Preview der weltweit wichtigsten Kunstmesse Art Basel, zu der in den Tagen vor der offiziellen Eröffnung die Einflussreichsten und vor allem Vermögendsten der Kunstszene geladen werden, einen Blick auf die angebotenen Werke zu werfen bevor das gemeine Kunstvolk es tut, zeigt: Das Millionenspiel mit der Kunst ist wieder in vollem Gange. Sieben-, gar achtstellige Höchstpreise werden ohne mit der Wimper zu zucken akzeptiert, monumentale Kunstwerke global etablierter Künstlermarken haben einen Stellenwert wie sonst nur noch epochale Bauwerke wie der Eiffelturm und klassische Luxusgüter wie Sportwagen oder Yachten längst ausgestochen. Sie sind ungeachtet der hohen Preise nicht nur eine ernsthafte Kaufüberlegung wert, man schmückt sich mit ihnen wie mit Trophäen oder Souvenirs.

Und davon sind hier noch bis 22. Juni jede Menge zu bestaunen. 285 Galerien aus 34 Ländern bieten laut Schätzung des Kunstversicherers Axa Art Schätzchen für vier Milliarden Dollar feil, so viel wie noch nie seit Gründung der Messe 1970 und eine Steigerung um knapp 130 Prozent seit 2011. Allein Warren Buffets Privatjet-Service Net Jet meldete für die Messezeit mehr als 100 Flüge nach oder aus Basel.

„Diese Messe ist das Davos der Kunstwelt“, sagt eine Direktorin der Londoner Lisson Gallery in Anspielung an das World Economic Forum, das jedes Jahr im Januar die wichtigsten Staatschefs, Unternehmenslenker und Vordenker zu einem Gedankenaustausch versammelt. „Händler und Sammler treffen sich hier zu einer großen Party.“

Schon zur offiziellen Eröffnung am 19. Juni war das üppige Buffet aber schon reichlich geplündert – viele Gemälde, Skulpturen und Installationen hatten schon in den Tagen zuvor neue Liebhaber gefunden, einige den Weg zur Messe schon gar nicht mehr angetreten, wie etwa ein kleines Selbstporträt von Francis Bacon, das der New Yorker Galerist Paul Gray für 3,5 Millionen Dollar einem neuen Sammler vermachte. „Die Bereitschaft, für Spitzenwerke viel Geld auszugeben, ist hoch“, sagt Gray.

Zögern wird bestraft

Und wer zu lange zögert, den bestraft der Konkurrent – zum Beispiel Sammler aus Miami, Moskau, Mumbai oder Shanghai. Die New Yorker Galerie Andrea Rosen hat wenige Minuten nach Eröffnung der Preview schon drei Viertel ihrer Schätzchen verkauft, darunter eine Installation der amerikanischen Künstlerin Josephine Meckseper für 220.000 Dollar. Die Londoner Skarstedt Gallery meldete am ersten Tag gar Umsätze von mehr als 40 Millionen Dollar, verkaufte unter anderem ein Selbstporträt von Andy Warhol aus dem Jahr 1986 für rund 35 Millionen Dollar, Georg Baselitzs großformatiges Gemälde „Edward vor dem Spiegel“ für drei Millionen Dollar oder Richard Princes „You No Tell – I No Tell“ von 1987 (Siebdrucktinte auf Leinwand) für 2,2 Millionen Dollar. Und auch der Kölner Galerist Buchholz hat die geschätzten 60.000 Euro Kosten für seinen Messestand wohl schon am ersten Tag reingeholt mit dem Verkauf zweier Arbeiten von Isa Genzken, die derzeit im New Yorker Museum of Modern Art mit einer Retrospektive geehrt wird – Gesamterlös 340.000 Euro.

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Unter anderem mit drei kleinformatigen, höchst selten angebotenen Arbeiten von museumswürdiger Qualität aus dem Nachlass des deutschen Konzeptkünstlers Peter Roehr (1944-1968) konnte die Berliner Galerie Mehdi Chouakri punkten: eine serielle weiße Collage aus der Schreibmaschinentypo N fand für 16.000 Euro einen neuen Eigentümer, für eine weitere, gefertigt aus dem Karton für Preisschilder für 80.000 Euro liegen Museumsanfragen vor. So wie auch zwei spektakuläre Werke des Documenta-Künstlers Thomas Bayrle auf dem Stand der Galerie Barbara Weiss: Eine Skulptur aus einem sich ständig bewegenden Scheibenwischer-Anlage eines Audis, unterlegt mit einem Musikloop aus verschiedenen Werken des Komponisten Eric Satie sowie die 200 mal 180 Zentimeter große Acrylzeichnung VW Kristall, die mit dem Logo des Autokonzerns spielt (jeweils 90.000 Euro).

Wem auch das zu viel ist, kann beim Berliner Galeristen Christian Nagel die Reproduktion einer Arbeit der US-Künstlerin Andrea Fraser für lau mitnehmen, die auf einem Stapel in einer Ecke des Messestands : „Index“, eine Infografik, die den weitgehend parallelen Verlauf dreier Kurven zeigt – das Wachstum der 500 größten US-Unternehmen, des Kunstmarkts und des Vermögens der reichsten Amerikaner.

„Leider fragt kaum ein Sammler danach, obwohl es doch genau ihr Thema ist“, sagt Galerist Christian Nagel. „Wahrscheinlich fühlen sie sich einfach ertappt.“

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