Bahnstreik: „Kunden mussten teilweise eine Woche länger auf ihre Lieferungen warten“
Der Hauptbahnhof Berlin während eines Streik der GDL am 23. Januar 2024 in Berlin.
Foto: imago imagesWirtschaftsWoche: Herr Bredack, was halten Sie von den Forderungen der GDL?
Jan Bredack: Grundsätzlich ist es in Ordnung, dass zwei Parteien, die sich streiten, gegenseitige Forderungen aufstellen und diese formulieren. Trotzdem sind die Forderungen der GDL meines Erachtens vollkommen aus der Zeit gefallen und überzogen, auch im Kontext zu anderen Branchen, zu anderen Arbeitnehmern und anderen Tarifverträgen. Außerdem hat die Bahn bereits einen anständigen Tarifabschluss mit den anderen Bahn-Beschäftigten abgeschlossen, wieso müssen jetzt die Lokführer als elitärer Kreis noch eine Schippe, beziehungsweise einen ganzen Bagger, drauflegen? In einer Zeit, in welcher viele Firmen in die Pleite gehen, ums Überleben kämpfen und generell eine depressive Stimmung im Land herrscht? Da passt es für mich nicht, einen Arbeitskampf mit so einer Härte und mit solchen Konsequenzen zu führen.
Klingt als würden Sie keine Sympathie mit den Lokführern empfinden.
Nein, dafür sind die Forderungen nicht zeitgemäß. Wenn Krankenschwestern, Pflegekräfte oder Erzieherinnen aus Kindergärten oder aus Klimagründen gestreikt wird, verstehe ich das und habe da auch mehr Sympathie und Verständnis.
Wie wirkt sich der dieses Mal sehr lange Streik auf Ihr Unternehmen aus?
Es geht mir weniger um die Länge des Streiks, sondern eher darum, dass wiederholt drei Tage vorher ein Streik angekündigt wird. Wir haben einen neuen Produktionsstandort am Rand von Berlin, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen in der Regel mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit, das ist auch von uns gewollt und gehört zu unserer nachhaltigen Firmenphilosophie: Wir unterstützen das, indem wir allen ein BVG-Ticket finanzieren und sie mit E-Rollern ausgestattet haben, damit sie auch den Weg zum und vom Bahnhof einfach zurücklegen können. Fahren die Bahnen nicht, dann können die Mitarbeitenden auch nicht mehr zur Produktion kommen. Es hat dazu geführt, dass wir zwei Tage lang Kundenaufträge nicht bedienen konnten, für ein Unternehmen unserer Größe ist das wirklich existenzbedrohend.
Wie haben Sie reagiert?
Es blieben uns zwei Möglichkeiten: Entweder wir lassen die Produktion ruhen oder wir versuchen irgendwie, die hundert Angestellten in der Produktion zu uns zu bekommen. Wir haben deswegen Busse und Fahrer organisieren müssen, die morgens um sechs Uhr in die Stadt reinfahren müssen, um die Leute abzuholen und wieder wegzubringen, da sie im Schichtsystem arbeiten. Bei dem letzten Bahnstreik kamen auch noch die streikenden Bauern hinzu, sodass durch die ganzen Traktoren nicht mal die Straßen befahrbar waren. Diese Fülle an Dingen sind schwer für ein Unternehmen, sie sind nicht vorhersehbar und maximal störend für den Betriebsablauf, wir haben zwei Tage verloren, bis wir den Fahrdienst organisieren konnten. Ich selbst habe ein ganzes Wochenende mit meiner Familie in der Produktion gearbeitet, um die Versäumnisse nachzuarbeiten. Wir können uns nicht leisten, dass unsere Kunden, also der gesamte deutsche Einzelhandel, uns abspringen. Wir kommen in Deutschland gerade aus einer tiefen Krise, viele Firmen mussten wie wir auch Leute entlassen und lange kämpfen und jetzt kommt das.
Können Sie den Verlust, den Sie durch den Streik erlitten haben, schon beziffern?
Das kann ich noch nicht sagen, aber das kostet alles Geld. Wir konnten die Aufträge weitestgehend bedienen, aber mit sehr viel mehr Aufwand persönlichem Einsatz. Die Kunden mussten teilweise eine Woche länger auf ihre Lieferungen warten.
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