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Baselworld 2017 Uhren-Industrie sucht ihre Antwort auf die Smartwatch-Herausforderung

Erst winkten Schweizer Uhren-Hersteller bei der neuen Smartwatch-Konkurrenz ab. Jetzt tasten sie sich verstärkt in diesen Markt vor. Dabei spielt auch die Hoffnung auf junge Käufer mit, die das schwächelnde Luxus-Geschäft neu beleben sollen.

Die beliebtesten Uhren 2016
Auf Platz 10 der umsatzstärksten Uhren landete bei Chronext eine Rolex. Das ist kaum eine Überraschung, denn die Schweizer Marke aus Genf, dominiert den Markt der mechanischen Uhren. Zwar mögen Unternehmen wie Patek Philippe, die in Sichtweite von Rolex ihre Manufaktur haben, teurere und kompliziertere Uhren produzieren, an der schieren Zahl der Uhren, die Rolex jährlich herstellt kann sich jedoch kein Luxusuhrenhersteller messen. Modelle, die seit Jahrzehnten existieren werden gepflegt. So wie die Explorer II, deren Grundform mit den markanten runden Indizes und dem weißen Zifferblatt schon 1971 entstand. Aus der Entfernung unverwechselbar als Rolex zu erkennen - auch das eines Erfolgsrezepte der Schweizer. (Alle Fotos von Marco Woyczikowski) Quelle: PR
Die Oyster Submariner in Schwarz ist so etwas wie die Brot- und Butteruhr der hochwertigen mechanischen Uhren. Heerscharen von jungen aufstrebenden Beratern investieren ihr erstes Geld in eine Submariner. Damit tätigen sie auch eine Wertanlage, denn die Preise für dieses beliebte Modell bleiben auch im Sekundärmarkt stabil. 1953 als Taucheruhr vorgestellt, hat sie in den nun mehr als 60 Jahren ihres Daseins kaum an Anziehungskraft verloren. Was der Submariner ebenfalls gelang - der Sprung ans Handgelenk von Frauen. Das durchaus große Modell mit Stahlarmband bringt einiges an Gewicht mit sich, was in den vergangenen Jahren dennoch zahlreiche Frauen nicht davon abgehalten hat, diese Uhr zu tragen. Quelle: PR
1963, in den Zeiten vor ferngesteuerten Aggregaten, Traktionskontrolle und anderen technischen Hilfsmitteln in Rennwagen, brachte Rolex die Daytona auf den Markt, speziell für Rennfahrer. Das Modell mit den drei kleinen Kreisen und der sogenannten Tachymeter-Skala gehört zu den aufwändigeren Uhren aus dem Rolex Programm. Der Chronograph stoppt die Zeit, das gilt im mechanischen Uhrenbau als Komplikation. Mit diesen beiden Informationen soll der Rennfahrer Durchschnittsgeschwindigkeiten pro Stunde errechnen könne. Auch wenn das vermutlich kaum einer seiner Besitzer tut - das Modell gehört weiterhin zu den beliebtesten Uhren bei Chronext. Quelle: PR
Neben Seglern, Tauchern und Rennfahrern, sind es vor allem die Piloten, auf die es die Uhrenunternehmen abgesehen haben. In den frühen Tagen der Fliegerei war die Armbanduhr wichtiges Instrument. Große Ziffern, großes Zifferblatt, gut abzulesen - das zeichnet sämtliche Vertreter dieses Genres aus, denen allen die Optik eines Fliegerinstruments gemein ist. Die Schaffhausener Marke IWC, die neben Lange & Söhne und Jaeger-LeCoultre zum Luxuskonzern Richemont gehört, pflegt ihr maskulines Image gerne mit Fliegeruhren, wie diesem Chronograph. Quelle: PR
Spätestens mit Platz 6 der umsatzstärksten Uhren des E-Commerce-Unternehmens Chronext ahnt der Betrachter, dass vor allem maskuline Stahlmodelle mit klarer Optik und massivem Auftritt beliebt sind. Same same but different - denn die Seamaster Planet Ocean nutzt die Lünette nicht für ein Tachymeter sondern einer klassischen 60 Minuten-Anzeige. Die lässt sich drehen und der Taucher - für den die Uhr gedacht ist - weiß, wie lange er schon unter Wasser ist. Die Planet Ocean ist darüber hinaus ein sogenannter Chronometer, eine Uhr, die besonders exakt geht und dies in einer Prüfung nachweisen muss. Wer mag, kann diesen Chronometer mit auf einen Tauchgang von 600 Metern nehmen, ohne dass die Garantie erlischt. Zur Erinnerung: Sporttaucher stoppen meist bei 40 Meter, Apnoetaucher gehen bis zu rund 200 Meter tief und bei 600 sind es schon nur noch wenige Fische, mit denen man die Freude über die Haltbarkeit der Uhr teilen könnte. Quelle: PR
Kaum eine Innovation der Uhrenbranche bereitet solches Kopfzerbrechen wie die Smartwatch, sei sie von Apple, Samsung oder anderen Anbietern. TAG Heuer hat mit der "Connected" einen Versuch gestartet, die Fans hochwertiger Uhren und moderner Kommunikationstechnologie mit einem ähnlichen Modell zu bedienen. Denn die Schnittmenge beider Gruppen ist größer als den Herstellern der mechanischen Uhren lieb sein kann. Quelle: PR
Allen Smartwatches mit ihren funkelnden Displays geht eine Faszination ab, die in der Welt der analogen Zifferblättern schon immer die Nutzer begeistert hat: Fluoreszierende Ziffern oder Indizes. Die Omega Seamaster mit ihren großflächigen Indizes weckt den Spieltrieb seines Nutzers, die Uhr unter Licht zu halten und sie anschließend in der hohlen Hand, unter der Bettdecke oder der Schreibtischplatte glühen zu sehen. Heute sind die Uhren auch sicher - in der Frühzeit der Verwendung von selbstleuchtenden Materialen strahlten diese leicht radioaktiv. Quelle: PR

Die traditionellen Uhren-Hersteller wagen sich nach anfänglicher Zurückhaltung nun doch tiefer ins Smartwatch-Geschäft vor. Zur wichtigsten Branchenmesse Baselworld präsentiert auch die Edel-Marke Montblanc ihre erste Computer-Uhr, von TAG Heuer gibt es die zweite Generation seines Modells Connected und der Gigant Swatch mit Marken wie Tissot will sogar eine eigene Technologie-Plattform als Gegengewicht zu Apple und Google entwickeln. Vor allem die Schweizer Hersteller hoffen vor dem Hintergrund eines fortlaufenden Geschäftsrückgangs, so jüngere Kunden zu gewinnen, die sonst vielleicht gar keine Uhr mehr tragen würden.

Die erste Reaktion aus der Schweiz auf die tragbaren Mini-Computer an ihrem angestammten Platz am Handgelenk war eher frostig. Er glaube nicht an eine Revolution, sagte Swatch-Chef Nick Hayek in einer oft zitierten Bemerkung vor vier Jahren. Es sei eben schwer, ein iPhone durch ein Terminal am Handgelenk zu ersetzen, allein schon wegen der Größe des Displays. Knapp zwei Jahre nach dem Start der Apple Watch, die aus dem Stand zum Marktführer wurde und es auch bleibt, ist klar: Die Computer-Uhren schafften es zwar nicht, „das nächste große Ding“ nach dem Smartphone zu werden. Aber sie werden nicht mehr weggehen.

Nach Schätzungen des Marktforschers IDC wurden im vergangenen Jahr gut 49 Millionen smarte Uhren verkauft. Bis 2021 rechnen die Experten mit einem Anstieg auf über 150 Millionen Geräte. Die Berechnungen sind schwierig: Von den Unternehmen selber gibt es bestenfalls vage Hinweise auf Absatzzahlen.

Das sind die neuen Luxusuhren-Trends
Swiss Mad Watch Quelle: Thorsten Firlus für WirtschaftsWoche
Das zum Richemont-Konzern gehörende Unternehmen Baume & Mercier deckt in der Gruppe das Einstiegssegment der Luxusuhren ab. Diese Automatikuhr mit Stahlband soll die sportlich maskuline Kundschaft ansprechen. Der Preis liegt je nach Ausführung des Armbandes bei rund 2000 Euro. Quelle: PR
Der Namensgeber, Unternehmensgründer nach der Wende und Mit-Inhaber, Walter Lange, verstarb am 16. Januar. Die Entwicklung des Tourbograph pour le Mérite hat Lange, der bis zum Schluss im Unternehmen präsent war, noch verfolgen können. Der Tourbograph erhält seinen Namen aus zwei seiner Komplikationen, die verbaut wurden: Dem Tourbillon und dem Chronograph. Dazu kommt noch ein ewiger Kalender. 684 Teile sind im Uhrwerk verbaut. Der Preis für eines der 50 Modelle, die gefertigt werden: 480.000 Euro. Quelle: PR
Das Unternehmen MB&F möchte keine Uhren, sondern Skulpturen für den Arm entwerfen, die zudem die Zeit anzeigen. Für das Modell Aquapod haben sich die Gestalter an einem der unbeliebtesten und gleichzeitig faszinierendsten Tiere orientiert: Der Qualle. Das gewölbte Gehäuse soll im Profil einer aufsteigenden Qualle ähneln. Zugleich versprechen die Entwickler eine gute Ablesbarkeit. In Höhe des weißen Dreiecks auf der Unterseite der Halbkugel ist die Zeit abzulesen - in diesem Fall 8 Uhr und 35 Minuten. Der Preis für die Uhr: sechsstellig. Quelle: Thorsten Firlus für WirtschaftsWoche
Schwärzer als die Nacht - das ist nur eine der Besonderheiten der Luminor Panerai Lab-ID Luminor 1950 Carbotech. Das Zifferblatt ist ein extremes Tiefschwarz. Das Gehäuse besteht aus einer Carbonmischung, darin steckt auch der Clou: Die Carbonteile benötigen im Gegensatz zu herkömmlichen mechanischen Uhren keinen Schmierstoff mehr. Die Uhr ist damit wartungsfrei, da keine Fette enthalten sind. Panerai plant, für die Uhr eine Garantie von 50 Jahren auszuloben. Der Preis liegt bei 50.000 Euro. Quelle: PR
Drei Mitglieder einer neuen Familie. Die Schweizer Marke Jaeger LeCoultre bringt neben exorbitant teuren Preziosen dieses Jahr auch ein Friedensangebot in der Welt der Luxusuhren auf den Markt. Zwischen 6000 bis 10.000 Euro liegen diese Modelle, beginnend bei einer einfachen Dreizeiger-Uhr mit Datum über eine Weltzeituhr bis zu einem Chronographen. Nach Jahren des teurer, teurer, teurer, besinnen sich die Uhrenhersteller wieder derjenigen, die weder das Geld eines Kleinwagens, Wagenparks oder Villa in eine mechanische Luxusuhr investieren möchten. Quelle: Thorsten Firlus für WirtschaftsWoche
Von günstig oder Friedensangebot kann bei diesem Modell des Herstellers Richard Mille keine Rede sein. Die Uhr wurde in Kooperation mit dem Rennsportstall McLaren entwickelt und kostet mehr als eine Million Euro. Sie ist dafür extrem leicht dank des Graphen-Gehäuses, eines Werkstoffs, den Richard Mille in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern anfertigen konnte. Das Ergebnis ist der Superlativ "leichteste Uhr mit Tourbillon und Schleppzeiger-Chronograph". Der Schleppzeiger-Chronograph erlaubt die Messung von Zwischenzeiten, der Tourbillon stammt aus der Welt der Taschenuhren und soll größere Genauigkeit bringen. Dabei dreht sich die Unruh in einem Käfig einmal die Minute um die eigene Achse. Bei Taschenuhren, die meist die ganze Zeit in einer Lage aufrecht in der Tasche ruhten, glich das Tourbillon den Einfluss der Schwerkraft aus - in einer Armbanduhr soll es vor allem der Beweis großer uhrmacherischer Fähigkeiten sein, denn der Zusammenbau gilt als sehr kompliziert. Quelle: PR

Zudem schwanken auch die Schätzungen allein schon wegen der Definition, was eine Smartwatch ist. Geht es wie beim Smartphone darum, dass auf ihr Apps laufen können? Oder zählt schon, wenn sie Schrittzähler und andere Chips integriert hat? So kam ein weiterer IT-Marktforscher, Strategy Analytics, für das vergangene Jahr auf die deutlich geringere Absatzzahl von rund 21 Millionen Smartwatches - mit einem Marktanteil von 55 Prozent für Apple. Vor allem mit der zweiten Version der Apple Watch, die stärker auf Fitness und Sport ausgerichtet wurde, zogen die Verkäufe im Weihnachtsgeschäft an.

Für die traditionellen Hersteller sind Computer-Uhren eine Herausforderung allein schon wegen einer Besonderheit ihres Geschäfts: Den absoluten Großteil der verkauften Uhren machen günstige Modelle aus. Der Löwenanteil des Geldes wird aber mit den wenigen teuren Luxus-Uhren verdient. Alles, was in diesen Hochpreis-Bereich schneidet, trifft die Hersteller direkt ins Mark.

Die Zahlen sprechen für sich: Von den im vergangenen Jahr exportierten 25,4 Millionen Schweizer Uhren kosteten knapp zwei Drittel weniger als 200 Franken. Aber bei den Erlösen war das Bild genau umgekehrt: Fast zwei Drittel der Erlöse von insgesamt 18,2 Milliarden Franken wurden mit den nur 1,4 Millionen Uhren gemacht, die über 3000 Franken kosteten.

So war die Erleichterung in der Schweizer Industrie kaum zu überhören, als Apple mit seiner über 10.000 Euro teuren goldenen Luxus-Version der Watch grandios scheiterte und sie nach gut einem Jahr leise vom Markt nahm. Doch der vergebliche Vorstoß von Apple in das Highend-Segment kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei den Uhrenherstellern gerade nicht rund läuft. Eine Erhöhung der Luxus-Steuer in China, weniger kauffreudige Touristen in europäischen Metropolen und der starke Franken ließen die Erlöse der Schweizer Hersteller im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent fallen.

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