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Baumarktkette Dauerfehde gefährdet Praktiker-Sanierung

Streitereien zwischen Großaktionär und Aufsichtsrat halten die angeschlagene Baumarktkette seit Monaten in Atem – und gefährden die Sanierung. Raufen sich die Kontrahenten nicht kurz vor der Hauptversammlung zusammen, droht ein Stellungskrieg mit fatalen Folgen.

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Konzern in Schieflage - Die großflächige Umstellung von Praktiker-Märkten auf die Schwestermarke Max Bahr soll die Geschäfte wieder ins Lot bringen Quelle: dpa

Wer derzeit die Hamburger Stellenbörsen durchforstet, stößt auf ungeahnte Jobperspektiven: Ausgerechnet die kriselnde Baumarktkette Praktiker fahndet im großen Stil nach neuen Mitarbeitern. Vom Arbeitsrechtler bis zum Zentraleinkäufer hat das Unternehmen reihenweise Stellen für den neuen Konzernsitz in Hamburg ausgeschrieben. Noch verwunderlicher: Auch am Altstandort im saarländischen Kirkel herrscht offenbar akuter Personalbedarf. Ab „sofort“ werden auf der Praktiker-Homepage Leute für EDV und Rechnungswesen gesucht.

Das Jobwunder bei der Selber-Mach-Truppe spiegelt weniger die neu erwachte Einkaufslust heimischer Heimwerker wider denn die Sanierungsflops der Vergangenheit. Mitten in der größten Krise des Konzerns hatten Vorstand und Aufsichtsrat den kühnen Plan gefasst, die Zentralen von Praktiker und der Schwestermarke Max Bahr künftig in Hamburg zu vereinen.

Schon in Schönwetterzeiten hätte das Projekt in der Belegschaft wohl für wenig Begeisterung gesorgt. In der gegenwärtigen Krise führte es zum Boykott. Nur ein Bruchteil der mehr als 700 Praktiker-Zentralmitarbeiter wollten nach Hamburg wechseln, heißt es bei der saarländischen Verdi-Dependence. Wichtige Posten müssen jetzt in Hamburg mühsam neu besetzt werden. Ende Mai ruderte der Konzern wieder zurück. 180 Mitarbeiter sollen jetzt weiter von Kirkel aus IT und Rechnungswesen steuern.

Praktikers' letzte Chance

Einmal Hamburg und zurück – die Umzugsposse wirkt fast schon symptomatisch für den Zustand des Konzerns. Umsätze und Erträge der blau-gelben Heimwerkertruppe barsten in den vergangenen Jahren wie Balsaholz unterm Vorschlaghammer. 760 Millionen Euro Umsatz verlor Praktiker seit 2007. Im vergangenen Jahr verbuchte der Konzern einen Jahresfehlbetrag von einer halben Milliarde Euro.

Übersicht zur Praktiker-Aktie (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Längst erinnert der Konzern mehr an eine rumpelige Werkzeugkiste denn an ein wohlsortiertes Handelshaus. Unternehmensberater von McKinsey, Boston Consulting und Roland Berger sollten Praktiker in den vergangenen Monaten neu sortieren, jagten die Kette aber erst in die eine, dann wieder in die andere Richtung. Nun sucht der Konzern in der Umstellung Dutzender Praktiker-Filialen auf die Schwestermarke Max Bahr sein Heil, will eine neue Führungsspitze installieren und stellt Auslandsgesellschaften auf den Prüfstand. Es könnte endlich der große Befreiungsschlag werden – oder aber das letzte Aufbäumen einer siechen Filialkette.

Morgen- oder Schleckerdämmerung? Wenn sich am kommenden Mittwoch die Praktiker-Aktionäre zur Hauptversammlung in Hamburg treffen, wird die Frage im Raum stehen. Denn bis zuletzt schürte vor allem eine Dauerfehde zwischen dem Praktiker-Großaktionär, der österreichischen Privatbank Semper Constantia, und dem Management des Konzerns Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der Kette.

Vorsichtige Annäherung

Die größten Baumärkte in Deutschland
Platz 10: EMV-ProfiEMV-Profi ist ein Einkaufs- und Marketingverbund. Die unter dem Dach der Marke laufenden Baumärkte sind selbstständig; 2007 waren es 274. Gegründet wurde der Verband im Jahr 1997. Die Gesamtverkaufsfläche beträgt 540.000 Quadratmeter. Umsatz 2011 in Deutschland: 0,8 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr hat EMV-Profi um 5,3 Prozent zugelegt (Umsatz 2010:0,76 Milliarden Euro). Quelle: Presse
Platz 9: EurobaustoffUmsatz 2011: 0,92 Milliarden Euro Die Kette erwirtschaftet ihren gesamten Umsatz in Deutschland. Gegenüber 2010 ist Eurobaustoff kräftig gewachsen. Der Umsatz stieg um 13,6 Prozent gegenüber Vorjahr (2010: 0,81 Milliarden Euro) Quelle: Presse
Platz 8: Hellweg/Baywa*Umsatz 2011: 0,93 Milliarden Eruo - ein Plus von 4,5 Prozent gegenüber 2010. *Proforma-Zahlen (Hellweg hat 2012 einen Teil des Baywa-Geschäftes übernommen) Quelle: dpa/dpaweb
Platz 7: Globus Holding Umsatz 2011: 1,38 Milliarden Euro Globus erwirtschaftet fast seinen gesamten Umsatz in Deutschland und konnte gegenüber Vorjahr leicht wachsen (2010: 1,36 Milliarden Euro) Quelle: Screenshot
Platz 6: ToomUmsatz 2011: 2,41 Milliarden Euro Toom gehört zum Rewe-Konzern. Die Kette konnte ihren Umsatz in den vergangenen beiden Jahren solide steigern (2010: + 3,9 Prozent; 2011: +2,1 Prozent) Filialen im In- und Ausland: 370 Mitarbeiterzahl: 14.500 Werbeslogan: "Der Baumarkt" Quelle: Presse
Platz 5: ZeusUmsatz 2011: 2,63 Milliarden Euro - ein Plus von 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr (2010: 2,36 Milliarden Euro) Quelle: Presse
Platz 4: HornbachUmsatz 2011: 3,50 Milliarden Euro Zwei Drittel des Umsatzes macht Hornbach in Deutschland (2,05 Milliarden), im Vergleich zum Vorjahr ist Hornbach um 5,4 Prozent gewachsen (Umsatz 2010: 3,2 Milliarden) Eigentümer: Kingfisher, Familie Hornbach, Streubesitz Werbeslogans: "Es gibt immer was zu tun" - "Mach es fertig, bevor es Dich fertig macht" - "Wie viel Wahnsinn steckt in Dir?" Quelle: dpa

Wahlweise in der Öffentlichkeit oder vor Gericht beharkten sich die Kontrahenten: auf der einen Seite Praktiker-Interimschef Kay Hafner und Aufsichtsratsvorsitzender Kersten von Schenck, auf der anderen die größte Aktionärin, Semper-Fondsmanagerin Isabella de Krassny. Erst jetzt, kurz vor der Hauptversammlung, scheinen beide Seiten auf vorsichtigem Annäherungskurs. Was bleibt ihnen auch übrig? Die möglichen Folgen eines Stellungskriegs um die Finanzierung des Umbauprogramms wären für den Konzern und seine rund 20.000 Mitarbeiter fatal. Inzwischen lässt sich der Vorstand nach Informationen der WirtschaftsWoche vom Insolvenzrechtsspezialisten Helmut Balthasar, Partner der Kölner Kanzleigruppe Görg, beraten. Das Finanzierungskonzept, das einen Hochzinskredit und eine Kapitalerhöhung vorsieht, „ist alternativlos“, sagt Hafner.

Hobbybastler statt Profis

De Krassny hatte ab Herbst 2011 für Semper Constantia rund fünf Prozent der Heimwerker-Papiere eingesammelt. Eine zypriotische Gesellschaft mit dem klangvollen Namen Maseltov kaufte weitere zehn Prozent der Anteile. Bei Maseltov sollen ebenfalls Semper-Kunden engagiert sein. Die Investorenschar setzte darauf, dass sich der Konzern nach dem Abgang des langjährigen Vorstandschefs Wolfgang Werner schnell wieder berappelt. Doch Werner hatte die Kette mit Rotstiftaktionen der Sorte „20 Prozent auf alles“ offenbar allzu nachhaltig in die Verlustzone rabattiert.

Sein Nachfolger, der Berliner Sanierer Thomas Fox, so die Erwartung in Wien, würde Praktiker wieder auf Kurs bringen. Doch auch Fox’ Kurs schlug fehl. Für sein 300 Millionen schweres Reparaturprogramm fand sich schlicht kein Finanzier.

Die Verantwortung für das Desaster verortet de Krassny auch beim Aufsichtsrat um den Frankfurter Juristen Kersten von Schenck. „Wenn der einen Funken Anstand hat, sollte er zurücktreten“, polterte de Krassny bereits im Februar in Richtung von Schenck. Für den diplomatischen Dienst hat sich de Krassny damit nicht qualifiziert. Doch tatsächlich agierten die Praktiker-Kontrolleure in den vergangenen Jahren mitunter eher wie Hobbybastler denn wie Profihandwerker.

Umstellung auf Max Bahr

Jahrelang trugen sie die Preisstrategie von Altvorstand Werner mit, obwohl Handelsexperten wie Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg schon seit 2008 warnten: Praktikers „Rabatt-Logik hat sich erschöpft“. Intern soll Finanzvorstand Thomas Ghabel, der das Unternehmen 2010 verließ, frühzeitig Alarm geschlagen haben. Er forcierte schon damals in Grundzügen ein Konzept, wie es jetzt umgesetzt werden soll: die großflächige Umstellung von Praktiker-Märkten auf Max Bahr. Denn während das Image von Praktiker tiefe Kratzer aufweist, glänzt das der norddeutschen Schwestermarke noch immer wie frisch gebohnertes Parkett.

Raus aus der Krise

Während das Image von Praktiker immer tiefere Risse bekommt, steht die Schwestermarke Max Bahr nach wie vor hoch im Kurs Quelle: Pressebild

Wie die Max-Bahr-Offensive im Detail aussehen soll, ist nun Gegenstand der Diskussionen. De Krassny beantragte jüngst, fast alle Kapitalvertreter im Aufsichtsrat auf der Hauptversammlung durch eigene Kandidaten ersetzen zu lassen. Nach dem Wachwechsel im Kontrollgremium – so ihr Plan – sollte der frühere Obi-Deutschland-Chef Andreas Sandmann den Konzern als Vorstandschef aus der Krise führen. Doch die Praktiker-Granden stoppten den Antrag wegen Form- und Fristfehlern. Nun könnten sich die Parteien auf einen Kompromiss einigen und de Krassny womöglich einzelne Sitze in dem Gremium zubilligen.

Inhaltlich sind sich die Kontrahenten trotz der atmosphärischen Störungen ohnehin erstaunlich nah. Seit dem Abgang von Sanierer Fox verfolgt die Praktiker-Führung ein Konzept, das der Frankfurter Roland-Berger-Partner und Baumarktspezialist Sascha Haghani entworfen hat. Läuft es nach diesem Plan, werden in den kommenden eineinhalb Jahren rund 120 Praktiker-Läden auf Max Bahr umgeflaggt. Bereits im August startet die erste Umbauwelle für eine Handvoll Märkte. Im September soll dann „die erste umgebaute Filiale in Lüneburg neu eröffnen“, kündigt Hafner an. Für all jene Praktiker-Märkte, die nicht auf Max Bahr umgerüstet werden, soll ab Jahresende eine Lösung forciert werden. Sie sollen „mit einem deutlich reduzierten und fokussierten Sortiment“ wieder auf Kurs gebracht werden, so Hafner.

Wer übernimmt das Steuer?

Auch der „Spark“ getaufte Vorstoß von Großaktionärin de Krassny zielt auf Max Bahr als neue Kernmarke. Als sie Anfang Juni ihr Konzept potenziellen Investoren im Hamburger Übersee-Club vorstellte, hieß es allerdings, dass nur 60 bis 80 Märkte auf Max Bahr umgestellt würden. Für kleinere Praktiker-Märkte sieht das Spark-Modell dagegen ein Franchisekonzept vor.

In Arbeit
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In beiden Varianten müssen sich die Mitarbeiter auf eine neue Führungsriege einstellen. Die Österreicher bauen auf Ex-Obi-Manager Sandmann, einen Sanierungsspezialisten sowie einen Einkaufsexperten. Roland Berger hat ebenfalls ein Team mit Baumarktexpertise geschmiedet. Als Kandidaten für die Berger-Crew gelten in der Branche Thomas Heinitz, der bis Ende Juni bei der Kooperation Zeus/Hagebau unter Vertrag stand, und Werner Carl, Leiter der Baumarktsparte des Agrar- und Baustoffhändlers BayWa. Beide arbeiteten bereits in der Vergangenheit für Max Bahr.

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