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Beate Uhse Gefangen in der Schmuddelecke

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Deal mit sich selbst

Mitten in dieser brenzligen Situation verspielt das Management selbst auch noch jedes Vertrauen. Als Beate Uhse über die Restrukturierung der Anleihe verhandelte, versprach die Firma den Gläubigern ein Gutachten von Wirtschaftsprüfern. Die Experten sollten beurteilen, ob es sich lohnt, das Geschäft fortzuführen. Bislang ist das Gutachten nicht erschienen, viele Anleger warten darauf, und in der Finanzszene munkeln die Ersten bereits, die Erotikfirma habe einfach nicht das Geld, um die Prüfer zu bezahlen. Nach Recherchen der WirtschaftsWoche im Unternehmen dürfte die Wahrheit viel schlichter sein: Als die Anleiherestrukturierung scheiterte, bestand aus Beate-Uhse-Sicht kein Grund mehr, das Gutachten fertig zu stellen – was der Konzern so nie kommuniziert hat.

Noch merkwürdiger ging es Ende September zu. Da verkaufte Beate Uhse die Tochterfirma Beate Uhse New Media. Die bündelt das sogenannte „Entertainment-Geschäft“, das etwa aus Pornoangeboten besteht. Der Käufer ist die Schweizer tmc Content Group AG, an der Beate Uhse selbst mit 27 Prozent beteiligt ist. Weitere zehn Prozent gehören einem Luxemburger Unternehmen namens A.J.L. Associates S.A. Einer der Geschäftsführer ist nach WirtschaftsWoche-Recherchen Gerard Cok, der Beate-Uhse-Aufsichtsratschef. Weitere 35 Prozent gehören der niederländischen Letni B.V., deren Anteilsscheine der Consipio Holding B.V. zugerechnet werden. Dieses Unternehmen hält rund 30 Prozent der Beate-Uhse-Aktien und wird Aufsichtsratschef Cok und seiner Familie zugerechnet. Der Clan hat anscheinend einen Deal mit sich selbst gemacht.

Beate Uhse begründet den Verkauf der Sparte damit, dass sich das Unternehmen so besser auf den Online- und Offlinehandel konzentrieren kann. Dabei hatte der Konzern im Geschäftsbericht 2015 noch angekündigt, das Entertainment-Engagement auszubauen. Im aktuellen Halbjahresbericht vermeldet er, dass er die Onlineangebote „moderner und ansprechender“ gestaltet habe. Das Unternehmen hat wohl kurz vor dem Verkauf noch mal Geld in die Sparte investiert.

Neuer Chef ist branchenfremd

Mancher Beobachter glaubt deshalb, dass es sich eigentlich um einen Notverkauf handelt, um an Geld zu kommen. Andere Firmenkenner vermuten, dass die Familie Cok günstig ein gutes Stück aus dem Unternehmen herausfiletieren wollte. Abwegig ist das nicht: Die Beate Uhse New Media erzielte 2015 einen Gewinn von rund einer Million Euro. In den ersten sechs Monaten 2016 waren es rund 260 000 Euro, im Gesamtjahr wären das rund 500 000 Euro. Nach WirtschaftsWoche-Recherchen soll der Kaufpreis bei rund 1,5 Millionen Euro gelegen haben. Er beträgt also das Dreifache des Gewinns – das ist selbst für ein schwächelndes Unternehmen wenig.

Ende September präsentierte Beate Uhse Nathal van Rjin als neuen Vorstandsvorsitzenden. Der Exchef der niederländischen Rabobank besäße „höchste Qualifikationen im Change-Management“, schreibt der Konzern in einer Mitteilung. Ein ausgewiesener Handelskenner ist er nicht.

Van Rjin muss den Sanierungskurs fortführen, er muss den Onlineshop richtig ans Laufen kriegen und mit den Filialen verzahnen. Dafür müsste er viel investieren, doch die Finanzlage dürfte sich weiter zuspitzen. 2019 wird die Anleihe mit einem Volumen von 30 Millionen Euro fällig. Zudem muss das Unternehmen jährlich die Zinsen von 2,3 Millionen Euro stemmen. Das Eigenkapital reicht ungefähr aus, um zwei dieser Zahlungen zu leisten. Wie will der Erotikriese den Rest des Geldes auftreiben, wenn das Geschäft nicht schlagartig boomt? Die WirtschaftsWoche hat diese Frage und etliche weitere an den Konzern gerichtet, der jedoch keine einzige beantworten wollte.

Die Unternehmensgründerin Beate Uhse sagte einmal dem längst untergegangenen „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“: „Wenn etwas nicht geht, sage ich: Schluss, aus, vergiss es.“ Bis zu dieser Einsicht ist es offenbar ein langer, trauriger Weg.

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