Berentzen Der Schnapshersteller verpasst sich eine Saftkur

Der Finanzinvestor Aurelius schafft bei dem traditionsreichen Spirituosenhersteller Berentzen im zweiten Anlauf die Wende – mit einer Orangenpresse.

Berentzen, Schübel, Haselünne, Saftpresse Quelle: dpa

Noch wüten Bagger und Abrissbirne auf dem Areal in Haselünne, wo bis vor wenigen Jahren Schnaps destilliert und produziert wurde. Vor drei Wochen fiel das Wahrzeichen, der Brennereiturm, mit seinem roten Schriftzug und dem zwei Meter großen „B“. Die Bürger der emsländischen Kleinstadt blicken auf Schutt und Staub – eine Szenerie mit Symbolcharakter: Der Spirituosenhersteller Berentzen verabschiedet sich zunehmend vom Schnaps und verordnet sich eine Saftkur.

Nach Jahren des Niedergangs, an deren Tiefpunkt 2008 der Verkauf des 250 Jahre alten Familienunternehmens an den Münchner Finanzinvestor Aurelius stand, ist Berentzen kaum wiederzuerkennen. Vor allem der neue Geschäftsbereich Citrocasa – eine Maschine, die auf Knopfdruck frisch gepressten Orangensaft herstellt – liefert eine Wachstumsstory, die Investor Aurelius für den Apfelkorn-Erfinder dringend braucht.

Der Umsatz stieg 2015 zwar nur um 3,3 Prozent auf 158 Millionen Euro, der Gewinn vor Steuern und Zinsen aber um 47 Prozent auf 7,6 Millionen Euro. „Wir sind heute kein problembehafteter Hersteller von Traditionsspirituosen mehr, sondern ein breit aufgestelltes Getränkeunternehmen“, sagt Vorstandschef Frank Schübel.

,,So viel Alkohol steckt in ... "

Über Jahrzehnte lebte Berentzen gut von Schnäpsen, ging 1994 sogar an die Börse und kaufte wie im Rausch Hochprozenter: Strothmann-Doppelkorn, Bommerlunder, Stonsdorfer, Hansen-Rum. Doch der sinkende Schnapskonsum in Deutschland bereitete dem Größenwahn ein Ende. Multis wie Diageo (Smirnoff), Brown-Forman (Jack Daniels) oder Bacardi drückten zudem ihre Weltmarken in den Markt – und Berentzen an den Rand. Der Umsatz brach ein, der Familienclan auseinander und Berentzen 2008 fast zusammen.

In dieser Phase übernahm Aurelius die Emsländer für kleines Geld. Der erste Rettungsversuch, das Unternehmen mit selbst entwickelten Whisky- und Rummarken global expandieren zu lassen, scheiterte. Daraufhin holte Aurelius den Konsummarkenexperten Schübel an die Lünne, der zuvor für Nestlé und die Müller-Milch-Tochter Weihenstephan gearbeitet hatte. „Für mich war die oberste Priorität, zuerst den Heimatmarkt in Ordnung zu bringen“, sagt der 50-Jährige.

Story für den Kapitalmarkt

Dazu zählte im ersten Schritt, das schwindende Spirituosengeschäft zu halten. Zu diesem Zweck konzentrierte Schübel das Unternehmen auf seine Kernmarken Puschkin Vodka und Berentzen. Gleichzeitig setzte er auf reduzierten Alkoholgehalt und neue Mixgetränke wie Apple Bourbon und Spice Apple für junge Leute mit kleinem Geldbeutel und/oder ländlichem Gemüt – „lieber Schützenfest als Nobeldisco“, wie Schübel sagt. Dadurch gelang es ihm bei Fruchtlikören, den Marktanteil sogar zu steigern, von 10 auf 15 Prozent.

Die wertvollsten Spirituosenmarken der Welt
Jägermeister Quelle: PR
10. YangheDas chinesische Unternehmen Yanghe aus Suqian ist mit Baijiu bekannt geworden. Der chinesische Schnaps wird aus Getreide, meist Hirse, hergestellt. Entfernt ähnelt er damit Wodka und Kornbrand. Markenwert 2015: 1,521 Mrd. Dollar Marken-Rating 2015: AA- Quelle: Screenshot
Wuliangye Quelle: Screenshot
Absolut Vodka Quelle: PR
Bacardi Quelle: AP
Jack Daniels Quelle: PR
Smirnoff Quelle: REUTERS

Doch das reicht nicht aus, um auf Dauer Erfolg zu haben, weiß Schübel. „Wenn Sie ein Unternehmen führen, das 90 Prozent seiner Erlöse mit alkoholischen und zuckerhaltigen Getränken macht, bekommen sie gesellschaftspolitisch ein Akzeptanzproblem“, sagt er. „Deshalb war uns klar: Für den Kapitalmarkt brauchen wir eine andere Story.“

Und die heißt Citrocasa. Die Maschine, die Orangen vor den Augen der Konsumenten presst und den Saft abfüllt, ist eine Erfindung eines österreichischen Ehepaars aus Linz. 2014 kaufte Berentzen deren Unternehmen für 17 Millionen Euro. Abnehmer sind Hotels, Kantinen, Bars und Supermärkte.

Deutschlands beliebteste Spirituosen

Berentzen hat zwei Maschinentypen im Programm, eine ab 3000 Euro für die Gastronomie und eine bis zu 10 000 Euro teure Maschine für den Lebensmittelhandel. Dazu verkauft Berentzen Plastikflaschen, die die Verkäufer individuell mit eigenem Logo oder Schriftzug gestalten können. Und Berentzen sorgt auch für die Lieferung der Orangen aus Spanien oder Südafrika.

Probleme in türkischen All-inclusive-Hotels

„Hardware, Software, Merchandising, damit kennen wir uns vertrieblich aus“, meint Berentzen-Chef Schübel. Knapp 2000 Citrocasa-Maschinen konnte er 2015 verkaufen. Die brachten 17 Millionen Euro Umsatz, fast ein Drittel mehr als 2014. Unter dem Strich sind das schon mehr als zehn Prozent des Gesamtumsatzes von Berentzen – und für Aurelius ein guter Zeitpunkt, sich zurückzuziehen. Die Münchner trennten sich in den vergangenen Wochen schlückchenweise von mehr als 30 Prozent der Aktien und halten nun noch knapp 19 Prozent. Das Geschäft läuft so gut, dass Schübel gerade die Citrocasa-Fertigung in China erweitert. „Wir müssen jetzt das Wachstum managen“, sagt er.

Da tut er gut daran. Denn ausgerechnet dort, wo Schnaps von Berentzen bis vor Kurzem noch in Strömen floss, haben die Emsländer Probleme: in den All-inclusive-Hotels in der Türkei. 2014 lieferten sie knapp eine Million Flaschen ihrer billigen Handelsmarken dorthin. Doch die Terroranschläge haben die Türkei-Buchungen einbrechen lassen – und damit auch den Konsum von Berentzen-Schnaps all inclusive.

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