Bettina Röhl direkt

Der sterbende Handelsriese Karstadt

Bettina Röhl Publizistin

Nach Medienberichten will Nicolas Berggruen Karstadt wieder los werden. Doch Käufer sind offenbar nicht in Sicht. Ein österreichischer Investor will das Kerngeschäft noch nicht einmal geschenkt haben.

Karstadt-Parkhaus Quelle: dpa

Altbundeskanzler Helmut Kohl hatte wahrscheinlich recht, als er sinngemäß einmal sagte, dass die einen als Arbeitsbienen und die anderen als Fettaugen geboren werden und dies ganz unabhängig davon, welche Leistung und welchen Mehrwert der Einzelne tatsächlich zum betrieblichen oder volkswirtschaftlichen Ganzen beiträgt.

Es gibt den hervorragenden Mediziner, der fachlich und menschlich Höchstleistung bringt und dessen Praxis gerade eben so läuft. Und es gibt den Money-Maker-Typen, den Promi-Doktor, der in allen Rankings, die es heutzutage so gibt, ganz oben steht, und der bei genauerem Hinsehen viel heiße Luft, häufige Fehldiagnosen und mangelnde Fürsorge produziert. Und natürlich gibt es auch den Regelfall, dass Leistung und Erfolg eng aneinander gekoppelt sind.

Das Momentum des Erfolgs hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Heiligenschein. Die einen müssen ackern und den Dynamo treten, damit ihr Schein wenigstens ein bisschen leuchtet. Und die anderen können machen, was sie wollen. Sie können den größten Mist bauen, Pleiten, Pech und Pannen produzieren und der Heiligenschein klebt an ihnen wie festgeschweißt.

Karstadts Krisen-Chronik

Die Bankrotterklärung des Nicolas Berggruen

Und es gibt Menschen, die investieren keinen Pfennig. Zum Beispiel für den Erwerb des einst größten Warenhauskonzerns Europas, und sie werden trotzdem, hartnäckig und ganz selbstverständlich, selbst von ihren Kritikern und Feinden "Investor" genannt.

Nicolas Berggruen hat vor vier Jahren Karstadt für lau an sich gebracht, wie auch immer es ihm gelungen ist. Er hat den Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und die Gewerkschaftsbosse und die herbei geeilte Politik, vertreten durch Superministerin Ursula von der Leyen (damals Arbeits-und Sozialministerin), und auch alle sonst Beteiligten und eben auch die Arbeitnehmer von Karstadt derart geblendet, dass sich ausnahmslos alle dem Glauben hingegeben haben, dass der Retter des abgewirtschafteten Kaufhauskonzerns gerade vor ihnen vom Himmel gefallen sei. Der angeblich so selbstlose Berggruen, der Milliardär und Kunstsammlersohn, der Selfmademan-Erbe, philosophierende Think Tanker, der gute Kapitalist und Hollywoodfeten-Veranstalter begann allerdings mit der Zerschlagung von Karstadt, die er aus der Sicht seiner Verhandlungs-und Vertragspartner gerade ausgeschlossen hatte - genau in der Sekunde, als er Karstadt übernahm.

Zuerst hat Berggruen Karstadt den Kopf abgeschlagen. Der Konkursverwalter, von der Leyen und die Gewerkschaften waren zufrieden. Berggruen übernahm nämlich als erstes die vom Karstadtkonzern abgetrennten Namensrechte und sicherte sich damit die Firma Karstadt für lächerliche 5 Millionen Euro, wie es hieß. Dies war die erste Zerlegung des Arcandor-Restkonzerns, die Berggruen ungeniert in aller Öffentlichkeit vornahm.

Eingeführte Namen oder Marken sind allerdings alles andere als Schall und Rauch. Und natürlich erschließt sich jedem spätestens auf den zweiten Blick, dass der konstant Verluste einfahrende, sterbende Handelsriese Karstadt noch weniger wert wäre, wenn er sich nicht mehr "Karstadt" nennen dürfte. Für Berggruen war der Kauf des Namens Karstadt eine sensationelle Entscheidung. Er kassiert, seitdem er Karstadt für nichts übernommen hat, jährlich millionenschwere Lizenzgebühren dafür, dass er Karstadt den Namen Karstadt großzügig auf Zeit überlässt.

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