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Billigmode „Jedes Stück, das H&M verbrennt, ist eins zu viel“

H&M vernichtet Kleidung: Eine Greenpeace-Expertin im Interview Quelle: imago images

Der Modekonzern H&M kämpft mit Ladenhütern – Kleidung wird vernichtet. Greenpeace-Expertin Kirsten Brodde über das Recyclingverständnis des Modekonzerns und das Kauf- und Wegwerf-Karussell der Fast-Fashion-Industrie.

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Frau Brodde, die Modekette H&M präsentiert sich in Werbespots gern als besonders nachhaltiges Unternehmen. Stimmt das Bild von den sauberen Schweden?
Was die Recycling-Versprechen angeht, habe ich da meine Zweifel. Tatsächlich wirbt H&M zwar demonstrativ damit, Altkleider einzusammeln und auf Recycling zu setzen. Doch bei den Selbstbelobigungen wird einiges unterschlagen.

Wie kommen Sie darauf?
Das was H&M unter Recycling versteht, hat wenig mit dem zu tun, was die Verbraucher erwarten und noch weniger mit dem, was ihnen in den Werbespots gezeigt wird. Aus einer alten Jeans wird in den allermeisten Fällen eben nicht das Material für eine neue Hose gewonnen. Und aus einem gebrauchten Hemd entsteht in der Regel kein neues. Vielmehr werden die von H&M gesammelten Altkleider, die sich nicht mehr tragen lassen, zu Putzlappen verarbeitet, oder als Füllmaterial für Autositze genutzt. Das ist zwar besser als Kleidung wegzuschmeißen, aber eben kein echtes Recycling, sondern de facto „Downcycling“. Tatsächlich werden nur 0,5 Prozent der eingesammelten Altkleider wieder zu neuen Fasern und neuen Kleidungsstücken verarbeitet.

Was sollte H&M tun?
Die eigentliche Ressourcenverschwendung beginnt ganz am Anfang: bei der Auftragsvergabe. Wie viele andere Modehersteller lässt auch H&M schlicht viel zu viel Kleidung produzieren, von der sie immer weniger loswerden.

Das zeigen auch die Geschäftszahlen: H&M kämpft mit Warenbeständen in Höhe von rund 3,5 Milliarden Euro.
Das ist ein enormer Betrag, vor allem, wenn man überlegt, wie viel Zeit und Arbeitskraft da reingesteckt wurde und welche Umweltressourcen die Herstellung verschlingt. Das Geschäftsmodell von Fast Fashion, also kurzlebige Produkte sehr billig zu verkaufen, hat offenbar seinen Zenit überschritten.
Der Konzern betont, dass unverkaufte Ware nach Preisaktionen meist doch noch Abnehmer findet. Der Rest werde gespendet und recycelt. Vernichtet würde Kleidung lediglich in Ausnahmefällen, etwa wenn bei Tests chemische Rückstände gefunden würden oder die Ware verschimmelt sei.
Fest steht: Jedes Stück, das H&M verbrennt, ist eigentlich ein Stück zu viel. Schadstoffe gehen auch bei der Verbrennung in die Umwelt. Ich frage mich auch, warum H&M erst in Europa feststellt, dass Ware nicht verkehrsfähig ist und vernichtet werden muss. Niemand animiert H&M dazu, mangelhafte Ware rund um die Welt zu schippern und dann hier in Rauch aufgehen zu lassen. Das muss H&M vor Ort und direkt mit den Produzenten lösen. So sieht es auch das Detox-Programm von Greenpeace vor.

Kommt es in der Modeindustrie häufig vor, dass unverkaufte Ware vernichtet wird?
Dieses Phänomen gibt es leider in der gesamten Textilbranche. Auch Luxusmarken vernichten viele Artikel. Sie fürchten um ihr elitäres Image und haben Angst, dass die teuren Markenklamotten auf der Resterampe oder im Secondhand-Handel landen. Zuletzt wurde etwa bekannt, dass die britische Marke Burberry im großen Stil unverkaufte Ware verbrannt hat. Erst nach massiver Kritik hat das Unternehmen eingelenkt. Das zeigt aber, dass es auch anders geht.

Was muss sich ändern?
Die Modeindustrie ist ein einziges Kauf- und Wegwerf-Karussell. Man hat den Eindruck, dass Kleidung nicht mehr wert ist als ein Joghurtbecher oder eine Plastiktüte. Das muss sich dringend ändern. Bekleidung sollte so produziert werden, dass man sie lange tragen kann und sie leicht zu reparieren ist. Viele Jeanshersteller, aber auch Outdoor-Marken überzeugen mit diesem Programm immer mehr Kunden. Solide ist das neue Cool.

Kirsten Brodde ist Textilexpertin bei der Umweltorganisation Greenpeace und Autorin des Sachbuchs "Saubere Sachen".

Klicktipp: Das ZDF-TV-Magazin Frontal21 berichtet Dienstagabend ab 21 Uhr über die Kleidungsvernichtung bei H&M - hier finden Sie den Livestream und später auch das Video zum nachträglichen Anschauen.

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