WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Bio-Industrie in den USA Kampf ums Gemüseregal

Stirbt der Bio-Laden an der Ecke so wie zuvor der Buchladen? In den USA reißen die Handelsgiganten den Milliardenmarkt mit Obst und Gemüse jetzt an sich. Viele Läden ringen mit der großen Konkurrenz.

Beim US-Biohändler Whole Foods fürchtet man die Konkurrenz durch Walmart nicht. Quelle: ap

San FranciscoDer Nahkampf tobt im Gemüseregal. Giganten wie Walmart reißen den Handel mit Bio-Lebensmitteln an sich. Jährliche Wachstumsraten von über elf Prozent sind zu verlockend. Die traditionellen Anbieter haben ein großes Problem. Sie gelten als teure Alternative für versnobte elitäre Kunden in Vorstädten oder Elite-Nachbarschaften in New York oder San Francisco, wo man vielleicht im Ausnahmefall mal einkauft. Walmart verspricht billige Naturkost für Jedermann. Werden die Ökoketten den Angriff der Killertomaten überleben, oder wird der Gigant an der Öko-Szene scheitern?

Whole Foods macht jetzt Nägel mit Köpfen. Der Marktführer unter den Bio-Ketten in den USA mit über 440 Filialen, gerne als „Whole Paycheck“ verspottet – da, wo man seinen ganzen Monatslohn lässt, eröffnet ein Ladengeschäft in einem der ärmsten Stadtteile von Detroit. Das ist die Stadt, die früher bekannt war als Motorcity und Heimat der größten Autokonzerne der USA. Heute macht sie nur noch Schlagzeilen wegen ihres krachenden Bankrotts und ganzen Straßenzügen mit leeren Fensterhöhlen in verfallenen Ruinen. Die Arbeitslosigkeit ist hier hoch und viele Menschen haben anderes Sorgen als 4,99 Dollar für 10 Eier zu bezahlen, die sie in einem der drei Aldi-Läden der Stadt für 1,99 Dollar bekommen oder für 2,99 Dollar in einem der beiden Trader Joe’s Bio-Läden, die ebenfalls zu Aldi gehören.

Aber es ist eine Botschaft, die Whole Foods mit 14 Milliarden Dollar Jahresumsatz aussenden will: Wir kommen raus aus unserem Bio-Elfenbeinturm, wir sind der Supermarkt für Jedermann. Michael Bashaw, Regionaldirektor Midwest bei Whole Foods, erklärte gegenüber der Washington Post: „Das gängige Vorurteil ist, wir sind ein Laden für weiße, reiche Menschen.“ Das will er ändern.

Denn seit April 2014 rollt der mit 473 Milliarden Dollar Jahresumsatz größte Handelskonzern der Welt, Walmart, den Markt auf, der noch vor zehn Jahren von kleinen, inhabergeführten Ökoläden an der Ecke beherrscht wurden. Der Kauf von ökologisch und biologisch korrekten Lebensmitteln, ohne Pflanzengift gewachsen und ohne manipulierte Gene war eine Lebenseinstellung, kein Einkaufstrip.

Doch aus der romantischen Zurück-zur-Natur-Bewegung mit Wollpullover und Gummistiefeln im aufgeblasenen Ökogarten ist längst eine Industrie mit 35 Milliarden Dollar Jahresumsatz in 2013 geworden. Und laut Organic Trade Association ist keine Abschwächung des Trends in Sicht. Für die kommenden Jahre wird mit einem jährlichen Plus von mindestens elf Prozent gerechnet. Damit ist Bio-Kost zum messbaren Anteil am gesamten US-Lebensmittelmarkt mit 760 Milliarden Dollar geworden.


Ausgehöhltes Biokonzept

Die Gefahr für die alten Marktführer ist real. Mit Wild Oats, einem 1987 gegründeten Öko-Produzenten, hat sich der für Billigangebote bekannte Einkaufsriese mit 11.000 Läden in 27 Ländern einen starken Partner ins Boot geholt. Verglichen mit nationalen Markenanbietern werden die Bio-Produkte zwischen 20 und 40 Prozent günstiger angeboten. 100 Produkte kommen in einer ersten Welle auf den Markt, Wild Oats CEO Tom Casey: „Unsere Kooperation mit Walmart ermöglicht uns erstmals Kostenvorteile aus großen Mengen direkt  an die Verbraucher weiterzugeben.“ Walmarts Stärke in der Optimierung von umfangreichen Lieferketten und Vertriebslogistik ist in der Branche unbestritten. Keiner bringt mehr Waren schneller in die Märkte als er.

Walmart verpflichtet sich gleichzeitig, die Richtlinien des US-Agrarministeriums USDA einzuhalten. Das „National Organic Program“, NOP, regelt seit 2000 die Zulassung von Ökoproduzenten von der Farm bis zur verarbeitenden Industrie in den USA. Die Agentur ist auch für die Einhaltung der Standards verantwortlich. Nur wer die Bedingungen erfüllt, darf das Logo „Organic“ auf seine Verpackung kleben.

Noch ist die Lage für Bio-Anbieter wie Whole Foods oder Trader Joes nicht dramatisch. Das liegt zum einen an dem zunächst beschränkten Produktangebot. Prall gefüllte Regalreihen bei den spezialisierten Anbietern stehen rund 100 einsame Walmart-Bio-Produkte gegenüber. Zum anderen wirkt das Fehlen von Frischprodukten wie Obst, Gemüse und Fleisch in den Giga-Märkten als Bremsklotz. Aber Marktbeobachter sind sich einig: es ist nur eine Frage der Zeit, bis das ausgebaut wird. Zum Beispiel ist ein Frisch-Geschäft über die Webseite walmart.com nach dem Vorbild von Amazons AmazonFresh-Dienst denkbar.

Was aber viele beunruhigt ist die Vorstellung der Handelsriese werde anfangen, die Produktion und Verpackung der Ökowaren ins schwer kontrollierbare Ausland zu verlagern. Nicht nur High-Tech-Firmen wie Apple oder Jeanshersteller lassen gerne in Mindestlohn-Ländern produzieren. Besonders bei abgepackten Lebensmitteln ist die Verlockung groß, hohen amerikanischen Lohnstandards ein Schnippchen zu schlagen. Außerdem, fürchten Kritiker, werde damit der Anspruch ausgehöhlt mit dem Bio-Konzept lokale Anbieter zu fördern und die Konsumenten direkt mit den Erzeugern zu verbinden.


Bio aus Dritte-Welt-Ländern

Denn woher all die Ökolebensmittel kommen sollen ist bei dem Wachstum schwer zu erklären. Der Branchenverband Organic Trade Association warnt vor einer ungenügenden Umstellung amerikanischer Farmen auf Öko-Anbau, um die ständig wachsende Nachfrage zu befriedigen. Vor allem das Angebot an organischem Tierfutter und Getreide sei teuer und knapp, warnt der Verband. Das könnte vor allem bei Molkereiprodukten zu Preiserhöhungen führen.

Das wiederum spielt aber Unternehmen mit gewaltiger Einkaufsmacht wie Walmart in die Hände, schon heute ein bedeutender Verkäufer von organischer Milch. Die aber ist bereits „öko-gewaschen“, beschweren sich Verbraucherschützer wie Cornucopia. Der Verband reichte Beschwerden beim Landwirtschaftsministerium gegen große Walmart-Lieferanten ein, weil die Milcherzeuger angeblich die strengen Auflagen des Bio-Labels missachteten.

Hier sehen Kritiker den nächsten großen potenziellen Angriffspunkt. Seit Jahren würden die Bio-Standards unmerklich Stück für Stück aufgeweicht, monieren sie. Damit bekämen immer größere Teile der industriellen Landwirtschaft einen Bio-Mantel umgehängt. Die  Organic Trade Assiciation beklagt schwammige Begriffe und verunsicherte Verbraucher: „Die Bio-Industrie muss zusammen den Verbrauchern helfen zu verstehen, welche Vorteile ihnen die Zertifizierung bringt. Verbrauchererziehung ist kritisch, wenn es um das weitere Wachstum geht“, warnt Verbandschefin Laura Batcha.

Walmart weiß, wovon die Verbandsfunktionärin redet. Ein erster Angriff auf den Bio-Markt in 2006 war kläglich gescheitert. Unter anderem wurde der Händler dabei erwischt, wie er Bio-Werbung in Regalreihen mit „normalen“ Lebensmitteln aufgehängt hat. Vorwürfe wurden laut, Bio-Lebensmittel würden aus Dritte-Welt-Ländern importiert. Die Vorwürfe wurden alle bestritten.

Aber das alles bedeutet keine Entwarnung für lokale Hersteller und kleine Handelsketten. Denn diesmal hat sich der Gigant aus Bentonville, Arkansas, ja einen Partner geholt, der weiß, wie man es macht.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%