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Bundeskartellamt erlaubt Fusion Protokoll: Diese Fehler trieben Kaufhof in die Arme von Karstadt

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Der Druck steigt

Hamburg, 26. Juli 2017: „Weißer Riese“ nennen die Hamburger das 23-geschossige Hochhaus mit der hellen Außenfassade, in dem der Warenkreditversicherer Euler Hermes residiert. Der Spitzname passt – auch zur Bedeutung des Kreditversicherers, dessen Risikoeinschätzungen im Handel ähnliche Bedeutung haben wie die Bewertungen von Ratingagenturen am Kapitalmarkt. Senken die Bonitätsexperten ihre sogenannten Limits, schrillen bei Lieferanten, die sich gegen Forderungsausfälle absichern, die Alarmglocken. Entsprechend nervös reagiert die Zunft, als der „Spiegel“ vermeldet: „Kreditversicherer lässt Kaufhof fallen“.

Schriftlich hatte Euler Hermes die Kaufhof-Lieferanten darüber informiert, dass ihre Warenkreditversicherungen teils drastisch gekürzt werden. Die Entscheidung basiere auf der Bewertung der vorliegenden Zahlen, erklärt der Versicherer. Die Umsätze erodieren, Kaufhof schreibt Verluste.

Trotzdem trifft die Entscheidung das Management offenbar völlig unvorbereitet. Hektik bricht aus. Eine Telefonkonferenz folgt der anderen. Erst als HBC öffentlich erklären lässt, über eine „globale 2,25-Milliarden-US-Dollar-Kreditlinie“ zu verfügen, legt sich der Sturm – und bricht wenige Tage später mit neuer Wucht los.

Der Investor Land and Buildings, der knapp fünf Prozent an HBC hält, fordert in einem offenen Brief, HBC solle sich aus Europa zurückziehen. HBC-Chef Storch reagiert gereizt: „Unser Bekenntnis zum deutschen Markt und zum europäischen Geschäft ist stärker denn je“, sagt er. Doch allen Treueschwüren zum Trotz, halten sich hartnäckig Verkaufsgerüchte. Und ein Name fällt immer wieder: Benko.

Wien, 20. Juni 2017: Bei einem Einkaufsbummel durch die Innenstadt kommen die Touristen fast unweigerlich an Benkos Immobilienschätzen vorbei. Ob Goldenes Quartier, Hotel Hyatt, Wohn- und Geschäftsbauten auf der Mariahilfer Straße oder Otto Wagners Postsparkasse in Donau-Nähe – Benko hat sich halb Wien gekauft.

Das feudale Hauptquartier des Immobilienunternehmers versteckt sich hinter dem Portal des barocken Palais Harrach. Drinnen: Stuck, Kronleuchter, imposante Freitreppen, schallgedämmte Türen, Deckenfresken und Golddekor an den Wänden. Welch ein Gegensatz zur Spardoktrin, die seit fast drei Jahren bei Benkos deutschen Warenhäusern Tagesordnung ist. Damals übernahm Stephan Fanderl den Chefposten bei Karstadt. Er schloss Filialen und änderte die Ausrichtung des Geschäfts. Weg vom Versuch seiner Vorgänger, jüngere Kundinnen mit mehr Glamour und vermeintlich trendigen Modelabels in die Läden zu lotsen. Hin zu einer lokalen, bodenständigeren Anmutung der Filialen. Seither heißt „Wow Sale“ wieder Schlussverkauf – und die Zahlen bessern sich. Dazu trägt auch eine Vereinbarung mit der Gewerkschaft Verdi bei, durch die Karstadt massiv Personalkosten spart.

Müssen die Kaufhof-Beschäftigten für die Probleme der Kette zahlen?

Ein Modell, das auch Kaufhof reizt. Kaufhof-Chef Link fordert eine „wirtschaftliche Atempause“ und will mit Verdi über einen sogenannten Beschäftigungssicherungsvertrag verhandeln. Die Kaufhof-Mitarbeiter sollen mehr arbeiten, aber weniger verdienen. Andernfalls, so das im Raum stehende Szenario, würden über kurz oder lang Stellen gestrichen. Die Gewerkschaft ziert sich. Eine Tarifkommission muss gebildet, die Bücher müssen geprüft werden. Das dauert. Dabei braucht Link schnelle Erfolge. Denn jenseits des Atlantiks steigt der Druck.

Toronto, 20. Oktober 2017: Kurz vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft wird bekannt, dass HBC-Chef Storch seinen Posten räumen muss. Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, der Verwaltungsrat werfe Storch vor, die Lage in Deutschland und Europa falsch eingeschätzt zu haben. Baker, der den Job nun kommissarisch übernimmt, holt einen neuen Investor an Bord und verkauft eine Prunkimmobilie in New York, versichert aber: „Wir stehen zu HBC Europa.“ Es gebe „keine Pläne, unser Geschäft an irgendjemanden zu verkaufen – Punkt!“.

Kaum eine Woche später wagt sich Karstadt-Eigner Benko aus der Deckung und legt eine Offerte für Kaufhof vor. Die Antwort folgt prompt: HBC teilt mit, ein unvollständiges, nicht bindendes und unaufgefordertes Angebot erhalten zu haben, das nun pflichtgemäß geprüft werde.

Begeisterung klingt anders. Kein Wunder: Baker gilt als eigentlicher Treiber der Europaexpansion. Regelmäßig reist der Milliardär im Privatjet und mit Hündchen Bella im Schlepptau nach Übersee. „Eher würde er im Hochzeitskleid über die Fifth Avenue in New York tanzen, als an Benko zu verkaufen“, heißt es in seinem Umfeld.

Dabei könnten sich die Kanadier mit einem Verkauf auf einen Schlag ihrer drängendsten Probleme entledigen: Rund drei Milliarden Euro bietet Benko. Viel Geld für ein Unternehmen in der Krise.

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