Cebit, Hanseboot Wenn Messen sterben

Die Messewirtschaft boomt. Doch längst nicht alle Standorte können von den Rekordumsätzen profitieren. Zwischen den Messestädten ist ein Konkurrenzkampf um Aussteller und Besucher entbrannt.

Während die Düsseldorfer Sportboot-Messe Aussteller-Rekorde feiert, muss die Konkurrenzmesse in Hamburg schließen. Quelle: dpa

DüsseldorfWenn Werner Dornscheidt am Samstag in Düsseldorf die „Boot“ eröffnet, hat er eigentlich allen Grund zur Freude: Der Chef der Düsseldorfer Messe kann einen Aussteller-Rekord verkünden, 1900 Unternehmen aus fast 70 Ländern stellen auf der „Boot“ maritime Neuheiten vor. Die Messe hat sich längst zum wichtigsten Branchentreff für Yachten und Sportboote entwickelt. Dornscheidt sieht dennoch keinen Anlass zu ungebrochener Euphorie: „Wenn die ein oder andere Veranstaltung nicht mehr stattfindet, kann ich mich nicht darüber freuen“, sagt er – und meint die Konkurrenz-Veranstaltung „Hanseboot“ in Hamburg.

Sie dient Dornscheidt als mahnendes Beispiel: Im vergangenen Oktober wurde die Messe eingestellt – nach jahrelangem Rückgang der Aussteller- und Besucherzahlen. Zwischen 2008 und 2016 habe die Hanseboot ein Drittel ihrer Besucher verloren, sagt Bernd Aufderheide, Chef der Hamburger Messe.

Auch die Zahl der Aussteller sei in einem ähnlichen Umfang gesunken. „Es war absehbar, dass die Kosten die Umsätze übersteigen würden. Es fehlte die wirtschaftliche Perspektive“, begründet Aufderheide das Aus für die „Hanseboot“. Die Werften hätten sich nach der Wirtschaftskrise bei knapperen Budgets für einen Branchentreff entscheiden müssen – und räumt er ein: „Für viele hatte dabei der Auftritt auf der Leitmesse Priorität.“

Das Beispiel zeigt: Zwar läuft in wirtschaftlich guten Zeiten auch das Messegeschäft rund. Doch längst nicht alle Standorte können im gleichen Maß davon profitieren. Zwischen den Messestädten ist ein Konkurrenzkampf um Aussteller und Besucher entbrannt.

Das bestätigen auch Zahlen des Branchenverbandes Auma. So setzten die deutschen Messegesellschaft 2016 den Rekordbetrag von 3,9 Milliarden Euro um. Doch nicht in jeder Messestadt kam dieser Aufschwung an: Während München, Düsseldorf und Berlin ihre Umsätze zuletzt kräftig steigern konnten, stagnierte das Geschäft in Deutschlands Messe-Hauptstadt Frankfurt. In Hannover ging der Umsatz um 20 Millionen auf rund 300 Millionen Euro zurück. Der Umsatz der Kölner Messe brach gar um 50 Millionen auf 274 Millionen Euro ein.

„Die Konkurrenz zwischen den Messe-Standorten ist in Deutschland besonders stark ausgeprägt“, sagt auch Klaus-Heiner Röhl, Experte für Messewirtschaft am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Während in anderen europäischen Ländern einige wenige Messe-Standorte üblich seien, führe die föderale Struktur in Deutschland zu einer großen Konkurrenz. „Viele Kommunen halten ihre Messen für unverzichtbar“, sagt Röhl.

Und tatsächlich: Für viele Regionen sind Messen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie sorgen für ausgelastete Hotels und volle Restaurants. Wie das Ifo-Institut kürzlich im Auftrag des Branchenverbandes Auma berechnet hat, fließen für jeden Euro, den die Messe Düsseldorf umsetzt, weitere 6,70 Euro in die Region. Bei einem Umsatz von 440 Millionen macht das rund 2,4 Milliarden Euro.

Kein Wunder also, dass viele Kommunen ihren Messegesellschaften gerne aushelfen: „Viele Messen haben Subventionsbedarf“, sagt der IW-Forscher Röhl. Das gelte weniger für den Betrieb als vielmehr für Investitionen, etwa in neue Ausstellungsflächen. Doch selbst Subventionen und politischer Druck helfen nicht immer: So konnte die Leipziger Messe 2008 nicht verhindern, dass die wichtigste deutsche Videospielmesse, heute „Gamescom“, nach Köln abwandert. Wolfgang Thierse, SPD-Urgestein und damals Vizepräsident des Bundestages, sprach damals von einem „Schlag gegen den Aufbau Ost“.

Doch die Revierkämpfe der Messestädte gehören keineswegs der Vergangenheit an: So setzt Düsseldorf der traditionsreichen Kunstmesse „Art Cologne“ seit Ende 2017 die „Art Düsseldorf“ entgegen. Die Landeshauptstadt machte sich nicht einmal die Mühe, einen anderen Namen für die Konkurrenzveranstaltung zu wählen. In Köln sahen sie das gar nicht gern: Der Direktor der „Art Cologne“, Daniel Hug, warf den Rivalen aus Düsseldorf „Kolonialismus“ vor.

Dass der Wettbewerb nicht nur im Inland hart ist, sondern auch die Konkurrenz im Ausland nicht schläft, erfährt die „Cebit“ ein ums andere Jahr. Seit 2008 sind die Besucherzahlen der Technikmesse um mehr als die Hälfte eingebrochen. Strömten zu Hochzeiten knapp 500.000 Menschen durch die Hallen in Hannover, waren es 2017 nur noch 200 000. Die Tech-Elite tummelt sich derweil auf der „Consumer Electronics Show“ in Las Vegas.

Damit der „Boot“ ein ähnliches Schicksal wie der „Cebit“ oder dem Konkurrenten „Hanseboot“ erspart bleibt, setzt Petros Michelidakis auf eine Mischung aus Fachbesuchern und Hobby-Wassersportlern. Ein Tauchturm und eine künstliche Welle für Wakeboarder sollen Familien anlocken. Doch besonders wichtig seien der Austausch zwischen Bootsbauern und Händlern und die Abschlüsse mit vermögenden Yachtfans, sagt Michelidakis: „Wir sind definitiv eine Verkaufsmesse.“

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