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Chef-Wechsel bei Amazon Deutschland Der Weihnachtsmann dankt ab

Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber (r.) wird zum Jahresende seinen Posten räumen. Es übernimmt der 47-jährige Rocco Bräuniger. Quelle: PR

Nach mehr als 20 Jahren an der Spitze von Amazon in Deutschland räumt Ralf Kleber den Chefsessel und beendet seine bemerkenswerte Karriere bei dem Online-Riesen. Auch sein Nachfolger ist ein Amazon-Veteran.

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Das Foto auf seiner elektronischen Zugangskarte wirkt wie ein Bild aus Jugendjahren. Das Haar ist dunkler, das Gesicht etwas schmaler. Seit dem Start von Ralf Kleber vor nunmehr 22 Jahren bei Amazon wurde das Foto nicht ausgetauscht. In ein paar Monaten wird er die Karte wohl abgeben müssen.

Kleber, Amazons „Country Manager“ für die deutschsprachigen Länder, wird im Januar seinen Posten an den 47 Jahre alten Rocco Bräuniger übergeben, der bislang für das europäische Konsumgütergeschäft verantwortlich ist. Bis Mitte 2022 wird er noch bei Amazon bleiben, um den Übergang zu begleiten. Dann ist Schluss.

Es ist eine Zäsur für den Onlinegiganten. Kleber hat Deutschland zu Amazons wichtigstem Auslandsmarkt gemacht. Insgesamt spielte seine Truppe zuletzt rund 30 Milliarden Euro Umsatz ein. Dieses Jahr dürften es noch mehr werden. Allein im Weihnachtsgeschäft wird der Konzern wieder Millionen Pakete ausliefern, auf denen der zu einem breiten Lächeln gekrümmte Pfeil zu sehen ist. Im Grunde ist Kleber damit der „echte“ Weihnachtsmann der Deutschen.

Als er bei dem US-Konzern begann, konnte davon noch keine Rede sein. Damals bekam Amazon gerade die ersten Ausläufer der aufziehenden Dotcom-Krise zu spüren. Das US-Anlegermagazin „Barron’s“ veröffentlichte einen Artikel mit dem Titel „Amazon.bomb“. Handelsriesen wie Walmart und Barnes & Noble würden das Start-up zertreten, warnte das Finanzblatt.

In Deutschland hatte die Firma zu diesem Zeitpunkt gerade losgelegt und sich mit zwei Dutzend Leuten „in einem relativ tristen Gebäude in Halbergmoos“ bei München einquartiert, erinnert sich vor einiger Zeit der frühere Amazon-Manager Georg Hesse. Der US-Konzern war damals „der Underdog“. Er wurde allenfalls als „reiner Buchhändler wahrgenommen“.

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    Kleber startet damals als Finanzchef bei Amazon Deutschland, hat zu diesem Zeitpunkt aber bereits einige berufliche Stationen hinter sich. Er wächst in Kaiserslautern auf. Sein Vater ist Werkzeugmacher bei einem Industriebetrieb, seine Mutter Verkäuferin im Einzelhandel. Der Sohn interessiert sich vor allem für Fußball, spielt selbst im Verein und pilgert, wann immer es geht, zu den Spielen des 1. FC Kaiserslautern. Bis heute ziert ein Vereinsschal der „Roten Teufel“ Klebers Büro. Nach dem Abitur beginnt er an der Berufsakademie Mannheim ein duales Studium der Betriebswirtschaft, tauscht alle paar Monate den Hörsaal mit einem Praxiseinsatz beim Nähmaschinenhersteller Pfaff. Lange hält es ihn dort nicht.

    Kurz nach seinem Abschluss wechselt er zur damaligen Kaufhof-Tochter Reno, die nach dem Mauerfall wie im Rausch neue Filialen eröffnet. Nach zwei Jahren im Controlling zieht Kleber weiter zum Luxusmodelabel Escada nach München, bevor er bei Amazon anfängt. Im Februar 2002 übernimmt er die Geschäftsführung und wird zum Gesicht des US-Konzerns in Deutschland. Ein Gesicht, das das Publikum zunächst kaum zu sehen bekommt.

    Zu viel passiert in den ersten Jahren, zu stark fordert das Wachstum die Organisation. Nicht nur Bücher und CDs, sondern auch Elektronikartikel, Spielzeug, Bekleidung und Haushaltswaren bietet Amazon nach und nach an. Später öffnet der Konzern die eigene Plattform für unabhängige Anbieter und wird zum Onlinemarktplatz.

    Kleber muss den Überblick behalten, sich mit der Zentrale abstimmen, Überzeugungsarbeit leisten. Etwa wenn sich die Programmierer in den USA mal wieder darüber wundern, dass die deutschen Kunden lieber per Rechnung zahlen, als die Kreditkarte zu zücken. Doch er erarbeitet sich das Vertrauen von Seattle – und das seiner Münchner Mitarbeiter. Ex-Kollegen loben Klebers „strikten Fokus auf das Geschäft“ und seine uneitle Art. Mit Diego Piacentini, der jahrelang für das internationale Endkundengeschäft Amazons verantwortlich war, hat Kleber zudem konzernintern einen gewichtigen Unterstützer. Den braucht er spätestens, als Amazon Deutschland 2013 in die Schlagzeilen gerät. Eine Fernsehdokumentation über die Unterbringung von Leiharbeitern sorgt für Aufregung und bringt Amazon in Erklärungsnot. Seither tritt Kleber öfter auf, gibt regelmäßig Interviews, gern auch mal garniert mit Sticheleien gegen die Gewerkschaft Verdi. „Wenn Glatteis ist, juckt uns das weit mehr, als wenn Verdi zum Arbeitskampf aufruft“, kommentierte er schon vor Jahren Streiks, mit denen Verdi Amazon in die Tarifbindung zwingen will.

    Die Gewerkschaft macht bis heute Front gegen Amazon und wirft dem Konzern die Ablehnung von Tarifverträgen vor. Umweltinitiativen kritisieren zudem den durch Amazon mitverursachten Verpackungsmüll und die Zerstörung neuwertiger Ware. Der Konzern wies die Vorwürfe stets zurück.

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    Der künftige Chef Bräuniger betonte indes, Amazon sei sich seiner Verantwortung bewusst: „Dazu gehört der sehr faire und gute Umgang mit allen Beschäftigten sowie unser Versprechen, bis 2040 klimaneutral zu arbeiten.“ Bleibt der 47-Jährige bis zu diesem Zeitpunkt im Amt, hätte er selbst Amazon-Veteran Kleber übertrumpft. Bräuniger steht seit mehr als 15 Jahren in Diensten des Online-Riesen und kennt die Deutschland-Zentrale bestens: Der ehemalige Unternehmensberater startete in München seine Amazon-Karriere und baute während der vergangenen Jahre das Amazon-Geschäft in Australien auf.

    In der Branche gilt Kleber denn auch als einer der Förderer des Managers.

    Mehr zum Thema: Im Podcast Chefgespräch erzählt Otto-Group-Chef Alexander Birken, wie es um das Weihnachtsgeschäft in Zeiten von Lieferengpässen bestellt ist, wie er die soziale Marktwirtschaft upgraden würde und warum er nicht an den Tod der Innenstädte glaubt.

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