China schwächelt Deutsche Luxushersteller liebäugeln mit Japan

Deutsche Hersteller reagieren auf die sinkende Nachfrage in China, nachdem Peking die Hatz auf Korruption und Protz bei Parteikadern eröffnet hat - und bauen ihre Präsenz in Japan aus.

Pflicht zum eigenen Flagship-Store: Leica verkauft Kameras in Japan mithilfe traditionell gekleideter Geishas. Quelle: Leica

Die Schmuckmanufaktur Wellendorff aus dem Badischen Pforzheim scheut keinen Aufwand. Wer in der Bar des Fünf-Sterne-Hotels Ritz-Carlton in Tokio einen Cocktail „Wellendorff“ genießt, erhält ein Champagnerglas, auf dessen Rand eine Mischung aus Goldstaub und Zucker schimmert. Dazu gibt es die eindrucksvolle Aussicht aus dem 45. Stock auf das Lichtermeer von Japans Hauptstadt.

Mit dem kostenlosen Drink wirbt Wellendorff für die Schmuckboutique, die das Unternehmen Anfang Oktober im Erdgeschoss des Hotels offiziell eröffnet. Die Ringe aus der Wellendorff-Kollektion tragen den gleichen Namen wie die für den Cocktail verwendeten Zutaten Hibiskus, Lavendel und Vanille. „Mit kleinen, persönlichen Dingen wollen wir den großen Unterschied machen“, sagt der für Japan zuständige Geschäftsführer Peter Kesselmann.

Die 30 deutschen Top-Luxus-Marken
Rang 30: Escada (15)* Escada erwirtschaftet nach Jahren der Krise wieder einen positiven Cashflow. 2009 hatte Megha Mittal, die Schwiegertochter des indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal, das Münchner Modehaus aus der Insolvenz herausgekauft. Heute setzen Escadas Designer unter anderem auf kräftige Farben, große Blumenaufdrucke und Metalltöne. Kritiker loben die Stücke als prächtig und stylisch. Das Modehaus konzentriert sich zurzeit vor allem auf die Märkte USA, Deutschland, Spanien, Russland, Japan und China. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 116 (144)* Trend seit 2011: ⇘ ** * in Klammern: 2011 ** Trendanzeige ab 5 Punkten Der Luxusmarkenindex basiert auf einer Befragung von 163 Branchenexperten zu den drei Kriterien relativer Preisabstand des Luxusmarkenanbieters zu einem Mainstream-Markenanbieter, absolute Preishöhe und Anziehungskraft einer MarkeQuelle: Biesalski & Company und Brand Networks Quelle: dpa
Rang 29: Hotel Adlon (25) 1907 eröffnete das Hotel Adlon am Berliner Boulevard Unter den Linden und beherbergte im Laufe der Jahre viele berühmte Gäste, darunter Thomas Alva Edison, Henry Ford, John D. Rockefeller, Walther Rathenau, Gustav Stresemann und Aristide Briand. Durch die schlechte Finanzlage seines Investors, der Fundus-Gruppe, geriet das Hotel zuletzt oft in die Schlagzeilen. Laut einer Schätzung der Ratingagentur Moody’s sollte das Hotel am Brandenburger Tor im Vorjahr nur noch 182 Millionen Euro wert sein.  Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 117 (121) Trend seit 2011: NEU Quelle: dpa/dpaweb
Rang 28: Nymphenburg (-)Die Porzellan Manufaktur Nymphenburg kooperiert schon seit Jahren mit namhaften Künstlern wie dem Niederländer Joep van Lieshout, dem Franzosen Saâdane Afif oder dem deutschen Schmuckdesigner Patrik Muff. Er lässt Schriftsteller Texte zu seinen Porzellanvasen schreiben und gibt der traditionsreichen bayerischen Marke so ein hippes Image. Zählt doch die klassische Sammeltasse nicht zu den angesagtesten Objekten bei der Generation Facebook. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 118 (-) Trend seit 2011: NEU
Rang 27: Tobias Grau (-) Betriebswirt und Designer Tobias Grau ist bekannt für seine Leuchten in Tropfenform. 1984 entwickelte er seine erste Leuchtenkollektion, 1992 baute er sie zusammen mit seiner Frau Franziska zu einer Leuchtenmarke aus. 150 Mitarbeiter beschäftigt Grau heute. Rund 95 Prozent der Fertigung erfolgt heute in Deutschland, die Endmontage in der Nähe von Hamburg. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 119 (-) Trend seit 2011: NEU Quelle: Screenshot
Rang 26: Schloss Elmau (-) Dietmar Müller-Elmau, Chef des Hotels Schloss Elmau in Oberbayern, wurde 1954 auf dem Schloss geboren und führt heute das Fünf-Sterne-Hotel. Neben seiner Lage ist es bekannt für seine renommierten klassischen Konzerte. Über 17 Millionen Euro Umsatz machte das Nobelhotel 2010. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 120 (-) Trend seit 2011: NEU
Rang 25: Wempe (30) Als der gelernte Uhrmacher Gerhard Diedrich Wilhelm Wempe am 5. Mai 1878 mit 21 Jahren und einem Startkapital von 80 Mark den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, ahnt er noch nicht, dass er den Grundstein für ein internationales Uhren- und Juwelen-Imperium schafft. Heute zählt Wempe über 700 Mitarbeiter, unterhält 30 Niederlassungen und ist einer der größten und umsatzstärksten Händler von Luxusuhren und Schmuck in Europa. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 125 (118) Trend seit 2011: ⇗ Quelle: Presse
Rang 24: Marktex (33) Die Möbelmanufaktur aus Kronberg im Taunus ist das Reich von Ettore Palmiota. Er ist Inhaber und kreativer Kopf von Marktex. Typisch für die Schränke und Sideboards sind grafische Elemente wie gerade Linien, Quadrate und Andreaskreuz. Palmiota bevorzugt Pinienholz, gerne im Kontrast zu Nussbaum, aber auch Kirschholz und Eiche. Bei den Polsterstoffen dominieren Naturmaterialien wie Wolle und Leinen.  Martex-Möbelhäuser gibt es in Berlin, Hamburg, Köln, Kronberg, Mannheim und München. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 126 (114) Trend seit 2011: ⇗ Quelle: Screenshot

Die Ladeneröffnung durch Wellendorff in Japan markiert eine Trendwende für die deutschen Luxushersteller. Edle Autos, Kameras, Schreibgeräte oder Taschen made in Germany feiern gerade Verkaufsrekorde in Nippon. Die expansive Wirtschaftspolitik von Premierminister Shinzo Abe, auch Abenomics genannt, hat das Inselland aus seinem Dornröschenschlaf nach Finanzkrise und Tsunami-Katastrophe geweckt. Die Abwertung des Yen trieb die Firmengewinne nach oben, und der starke Anstieg der Aktienkurse fachte die Konsumfreude der Vermögenden im Inland an. Damit gehört Japan trotz rasch alternder Bevölkerung laut einer neuen Studie der Unternehmensberatung McKinsey aktuell zu den „gesündesten“ Luxusmärkten der Welt.

Luxusnation Japan

McKinsey-Konkurrent Bain erwartet beim Absatz von Nobelwaren in Japan deshalb in diesem Jahr ein währungsbereinigtes Plus von neun bis elf Prozent, so viel wie in keiner anderen Weltregion. Der Jahresauftakt verlief vielversprechend. In den Monaten vor der Erhöhung der Verbrauchsteuer im April konnten einige Marken ihren Umsatz mehr als verdoppeln, und die Absatzdelle danach ist schon überwunden. „Wir haben in Japan ein Rekordjahr hingelegt“, sagt Jérôme Lambert, Chef der angeschlagenen Hamburger Edelmarke Montblanc, die zum Schweizer Luxusgüterimperium Richemont gehört. Nicht nur Schreibgeräte, auch die eigenen Uhren und Lederwaren entwickelten sich hervorragend.

Die Inselnation leuchtet für die Luxusproduzenten umso heller, je klarer wird, dass beim Nachbarn China die Zeiten des rasanten Wachstums vorbei sind. 2011 war der Umsatz der Branche im Reich der Mitte noch um 20 Prozent nach oben geschossen. Die Konsumenten kauften schnell und zahlten hohe Preise. Doch seit seinem Machtantritt vor zwei Jahren greift Staatspräsident Xi Jinping gegen Korruption durch, um den Unmut im Volk über zur Schau gestellten Reichtum von Beamten und Kadern zu dämpfen.

Staatsbedienstete müssen sich nun einschränken, um nicht in Ungnade bei der Parteiführung zu fallen: Sie müssen sich bei den offiziellen Gelagen zurückhalten, dürfen nicht mehr allzu üppige Geschenke annehmen und müssen auch auf Bestechungsgeld und die anschließenden Einkäufe in Luxustempeln verzichten. Dadurch ist der Absatz von Uhren aus der Schweiz, Bordeaux-Weinen und Cognac aus Frankreich sowie Mode aus Italien eingebrochen. Dior, Cartier und andere veranstalteten Sonderverkäufe für ausgewählte Kunden, um ihre Lager zu leeren. Daraufhin stagnierte der Luxusumsatz in China 2013 inflationsbereinigt auf dem Niveau des Vorjahrs, 2014 verläuft bisher ähnlich.

Der unerwartete Tiefschlag erinnert die erfolgsverwöhnte Branche nun daran, dass Japan nach den USA weiterhin der weltgrößte Luxusmarkt ist. „Den japanischen Markt zu vernachlässigen wäre daher falsch, zumal wir weitere Potenziale sehen“, sagt Montblanc-Chef Lambert. Der japanische Kunde sei ein Connaisseur, der Sammlerstücke und Maßanfertigungen hoch schätze.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%