Chronik des Scheiterns Die endlose Karstadt-Seifenoper

2009 rauschte Karstadt in die erste Pleite. Nun ist der Traditionskonzern wieder ein Sanierungsfall. Warum der Neuanfang misslang und wer dabei welche Rolle spielte.

Karstadt: Ein Wirtschaftsdrama, das in all seinen Facetten mühelos jeder Vorabend-Soap Konkurrenz machen könnte. Quelle: dpa (4), imago, bloomberg - Montage: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche Online

2009 legte die Warenhauskette die größte Pleite der deutschen Wirtschaftsgeschichte hin. Fünf Jahre später ist das Handelshaus wieder ein Sanierungsfall und steht vor tiefen Einschnitten. Die vermeintlichen Retter entpuppten sich als Blender, frühere Konzerngranden verspielten Ruf und Vermögen. Wie konnte es so weit kommen? Rekonstruktion eines aufhaltsamen Abstiegs.

Karstadts Krisen-Chronik

Juni 2009 bis August 2010: Nahtoderfahrungen

Essen, 8. Juni 2009: Applaus brandet auf, als Karl-Gerhard Eick auf die rote Klappleiter steigt. Hunderte Karstadt-Mitarbeiter, die sich im Halbkreis um das Tor vor der Hauptverwaltung des Konzerns versammelt haben, schauen auf ihren übermüdeten Chef. Das Jackett hat er abgelegt, die Krawatte gelöst.

Eick klatscht kurz mit, als wolle er sich selbst anfeuern, greift dann zum Megafon. „Wir kämpfen bis zur letzten Minute“, ruft er den Leuten zu, die trotzig ihre Plakate schwenken. „Es geht um 56 000 Arbeitsplätze“, steht darauf und „Das Warenhaus lebt“. Es ist das letzte Aufbäumen. Am Abend entscheidet die Bundesregierung, dass es keine Staatshilfen für den Konzern geben wird: Die größte Pleite der deutschen Wirtschaftsgeschichte beginnt.

Wohl niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, welche Wucht der Arcandor-Crash entfalten wird. Der Absturz wird Tausende Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze kosten, Gerichte und Staatsanwaltschaften über Jahre hinweg beschäftigen. Vor allem aber wird damals das Fundament für eine Neuauflage des Karstadt-Niedergangs gelegt.

Die Hauptdarsteller in der Kaufhaus-Soap
Karl-Gerhard Eick Quelle: dpa
Nicolas Berggruen Quelle: dpa
Andrew Jennings Quelle: dpa
René Benko Quelle: dpa

Ein Wirtschaftsdrama nimmt seinen Lauf, das in all seinen Facetten mühelos jeder Vorabend-Soap Konkurrenz machen könnte: Da verarmt eine milliardenschwere Erbin, da entpuppt sich der vermeintliche Retter des Konzerns als windiger Blender, ein ehemaliger Vorstandschef wird von seinen Gläubigern über die Dächer gejagt.

Ein ebenso glamouröser wie geheimnisvoller Investor betritt die Bühne. Was er mit Karstadt vorhat – ob er den Laden fusionieren, filetieren oder sanieren will –, wird sich bei einer Aufsichtsratssitzung an diesem Donnerstag entscheiden. Es geht um Pleite oder Rettung, Scheitern oder Leuchten – wie so oft bei Karstadt.

Nach dem Insolvenzantrag im Sommer 2009 herrscht auf den Fluren der Essener Konzernzentrale eine Mischung aus Angst und Aufbruchstimmung. Eick und der vom Gericht eingesetzte Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg wollen den Konzern als Ganzes retten. Doch dafür müssen die Großaktionäre – Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz und das Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim – noch einmal Geld ins Unternehmen investieren.

Die Komparsen in der Kaufhaus-Soap um Karstadt

Köln, 11. Juni 2009: Matthias Graf von Krockow hastet in den Sitzungssaal des Bankhauses Sal. Oppenheim. Er kommt 20 Minuten zu spät zur Sitzung des Aktionärsausschusses. Als der bullige Sal.-Oppenheim-Frontmann seine Entschuldigung vorbringt, beginnen selbst die unbedarfteren Teilnehmer der Runde zu ahnen, wie es nach der Arcandor-Pleite um die Bank steht: Die Finanzaufsicht BaFin macht Druck. Am nächsten Tag soll von Krockow bei der BaFin zum Rapport antreten und sich zu den Arcandor-Risiken äußern, vor allem zu den Darlehen der Bank an Arcandor-Aktionärin Schickedanz.

Dass die Quelle-Erbin die Kredite je zurückzahlen kann, glaubt wohl keiner der Anwesenden. Sie habe „wahnsinnig viel“ verloren, barmt Schickedanz in einem Interview wenige Wochen nach der Krisensitzung der Bankiers. Sie lebe jetzt von 600 Euro im Monat und bestelle beim Italiener um die Ecke allenfalls mal eine Pizza.

Dass Sal. Oppenheim die eigenen Probleme in den Griff bekommt, geschweige denn in der Lage ist, Geld in die Rettung von Arcandor zu pumpen, wird immer unwahrscheinlicher. Der insolvente Konzern bricht auseinander, und Vorstandschef Eick wird nicht mehr gebraucht.

Die größten Baustellen von Karstadt
Der neue Karstadt-Eigentümer René Benko übernimmt ein Unternehmen in der Krise. Die Karstadt-Warenhäuser schreiben rote Zahlen und kämpfen mit sinkenden Umsätzen. Ein Teil der Probleme ist auf den Strukturwandel im deutschen Einzelhandel zurückzuführen. Andere Schwierigkeiten sind hausgemacht. Welche Herausforderungen erwarten den Immobilieninvestor. Quelle: dpa
Übermächtige KonkurrenzDie Warenhäuser in Deutschland haben in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt massiv an Marktanteilen verloren. Denn Konkurrenten wie H&M, Zara und zuletzt Primark haben sich mit preiswerten, schnell wechselnden Kollektionen einen immer größeren Teil des Einkaufsbudgets der Verbraucher gesichert. Außerdem geht der Siegeszug der Einkaufszentren zulasten der Warenhäuser. „Alles unter einem Dach“ gibt es dort in der Regel in weitaus größerer Auswahl als in den Warenhäusern. Quelle: dpa
Schwaches Online-GeschäftDer Online-Handel ist zurzeit der mit Abstand größte Wachstumsträger im Einzelhandel. Doch auch hier kann Karstadt bislang mit der Konkurrenz nicht mithalten. Im Gegenteil: Während die meisten Online-Anbieter im vergangenen Weihnachtsgeschäft zweistellige Zuwachsraten verzeichneten, schrumpften die Verkäufe des Essener Unternehmens über das Internet. Quelle: dpa
Unklare MarkenpositionierungDer bis Ende 2013 amtierende Karstadt-Chef Andrew Jennings versuchte Karstadt mit der Brechstange ein jugendlicheres Image zu verpassen. Er wollte den Konzern stärker auf Mode ausrichten, setzte auf neue trendige Marken und gab ganze Sortimentsbereiche wie etwa Elektronik auf. Das verschreckte die ältere Stammkundschaft. Doch neue Zielgruppen wurden dennoch nicht im erhofften Umfang erreicht. Quelle: dpa
Verunsicherte MitarbeiterDie Unsicherheit der vergangenen Jahre und der schleichende Personalabbau in den Filialen ist an den Karstadt-Mitarbeitern nicht spurlos vorübergegangen. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert vor allem den bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen: „Die Beschäftigten sind von diesem angeblich sozialen Investor Berggruen bitter getäuscht worden“, sagt Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Wenn Benko die Karstadt-Mitarbeiter auf einem harten Sanierungskurs mitnehmen will, muss er das Vertrauen der Beschäftigten zurückgewinnen. Quelle: dpa
Großer InvestitionsstauDie meisten Handelsexperten sind sich einig, dass bei Karstadt in den letzten Jahren viel zu wenig investiert wurde. Heinemann schätzt den Investitionsstau sogar auf mindestens 1,5 Milliarden Euro. Soviel Geld wäre nach seiner Auffassung nötig, um das Unternehmen zukunftsfähig auszurichten - im stationären, wie im Internethandel. Quelle: ZB

Fürth, 20. Oktober 2009: Ein knorriger alter Herr mit korrekt gebundener Krawatte und dunklem Anzug betritt das Kasino der Quelle-Hauptverwaltung. Insolvenzverwalter Görg ist gekommen, um das Ende des Versandhauses zu verkünden. „Das ist eine besonders schlimme Art der Pleite“, sagt Görg. 7000 Menschen verlieren ihre Arbeit. Zuvor war auch der letzte Kaufkandidat abgesprungen, das Aus der Wirtschaftswunder-Ikone mit ihren bibeldicken Konsumwälzern ist damit besiegelt.

Gut eine Woche später endet auch in Köln eine Ära: Eine Bank geht in die Knie. Nach 220 Jahren verliert Sal. Oppenheim die Unabhängigkeit und wird zu einem Anhängsel der Deutschen Bank.

Eine Milliarde Euro investieren die Frankfurter in die vage Hoffnung, künftig im Geschäft mit Deutschlands Superreichen zu reüssieren. Nebenbei übernehmen sie milliardenschwere Risiken. Im Hintergrund arbeiten Anwälte bereits an Klageschriften, die Sprengstoff bergen.

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