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Chronik des Scheiterns Die endlose Karstadt-Seifenoper

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März 2014 bis heute: Das Endspiel beginnt

Köln, 13. März 2014: „Die Zeugin Schickedanz bitte auf Saal 210“, schallt es über den Gerichtsflur. Wenig später betritt eine zierliche Frau mit brauner Tasche und grauem Kostüm den Verhandlungsraum im Kölner Landgericht. „Geboren am 20. Oktober 1943“, „Beruf Hausfrau“, beginnt Schickedanz mit zittriger Stimme ihre Aussage im Strafprozess um den Niedergang von Sal. Oppenheim.

Angeklagt sind ihr ehemaliger Vermögensberater Esch sowie Graf Krockow und drei weitere frühere Top-Banker. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Untreue beziehungsweise Beihilfe dazu vor, was die Angeklagten bestreiten. Schickedanz soll als Zeugin Licht ins Dunkel des Falls bringen und Details zu jenem mysteriösen Kredit beisteuern, mit dem sie einst ihr Arcandor-Engagement aufstockte.

Doch die Quelle-Erbin tut sich schwer. „Das kann ich nicht beschwören“, „den genauen Zeitpunkt weiß ich nicht“, „das sollten Sie besser meinen Mann fragen“, lauten ihre Standardantworten.

So verdient Benko sein Geld

Es entsteht das Bild einer in Geschäftsdingen überforderten Frau, die Papiere blanko unterschrieb und den Beratern in ihrer Umgebung blind vertraute. Doch wie glaubhaft ist ihre Darstellung? Auch für Schickedanz steht viel auf dem Spiel, und als naives Opfer hat sie weitaus bessere Chancen, mit ihrer parallel laufenden Milliardenklage gegen die Bank zu punkten denn als toughe Businesslady.

Wie ein Gegenentwurf zur verschüchterten Hausfrau aus Fürth tritt Thomas Middelhoff vor Gericht auf. Ein siegesgewisses Lächeln umspielt die Lippen, während er – wie im Untreue-Prozess vor dem Essener Landgericht – den Ausführungen seines Anwalts lauscht: Flüge im Privatjet? Das sei keine Geldverschwendung, sondern berufliche Notwendigkeit gewesen, erklärt der Jurist. Und das Pendeln per Hubschrauber vom Familienquartier in Bielefeld nach Essen? Absolut sinnvoll, eine Baustelle am Kamener Kreuz hätte den Konzernchef sonst stundenlang aufgehalten.

Essen, 7. Juli 2014: Schon wieder ein Abgang bei Karstadt: Eva-Lotta Sjöstedt schmeißt hin. Kaum fünf Monate hat es Jennings Nachfolgerin an der Spitze des Konzerns ausgehalten, bevor sie feststellt, „dass die Voraussetzungen für den von mir angestrebten Weg nicht mehr gegeben sind“.

Danach geht es Schlag auf Schlag: Im österreichischen Magazin „Format“ bestätigt Signa-Chef Benko, „dass wir zu Hilfe gerufen wurden, um Berggruen als Gesellschafter abzulösen.“ Das Gefeilsche um die Vertragsdetails zieht sich bis Mitte August hin, dann steht fest, dass die Ära Berggruen Geschichte ist.

Für den symbolischen Preis von einem Euro wechselt Karstadt den Besitzer. Finanziell hat sich das Karstadt-Manöver für Berggruen trotzdem gelohnt. Allein für die Nutzung der Namensrechte hat seine Holding jährlich Millionenbeträge vom Unternehmen kassiert. Die versprochenen Investitionen sind nie geflossen.

Nun soll Benko retten, was zu retten ist. Unklar bleibt, was ihn zu dem Schritt treibt. Fürchtet er um den Wert seiner Immobilien, sollte Karstadt erneut in eine Insolvenz taumeln, oder wittert er ein gutes Geschäft? Selbst Karstadt-Veteran Middelhoff schaltet sich in die Spekulationen ein.

Er gehe davon aus, dass Karstadt jetzt Standorte schließen werde und es später zu der lange diskutierten Fusion mit Kaufhof kommen dürfte. Benko sei ein Immobilieninvestor, „er interessiert sich vor allem für die Grundstücke“, sagt Middelhoff.

Dabei hat der frühere Arcandor-Chef eigentlich ganz andere Sorgen. Seine Gläubiger jagen ihn, lassen selbst seine Piaget-Uhr pfänden. Sein ehemaliger Geschäftspartner Roland Berger zwingt ihn zum Offenbarungseid. Um bei dem Termin nicht fotografiert zu werden, türmt Middelhoff hollywoodreif: „Ich bin wie die Katze übers Dach“, berichtete er später nicht ohne Stolz. „Ich musste drei Meter tief auf eine Garage springen und dann noch einmal drei Meter auf die Straße.“

Ganz genau weiß wohl niemand, wessen finanzielle Situation brenzliger ist: die von Middelhoff oder die seines früheren Unternehmens.

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Essen, 11. September 2014: Die Bilder erinnern an das große Warenhausfinale vor fünf Jahren. Wieder warten vor den Karstadt-Standorten Kamerateams und Übertragungswagen, wieder bangen die Mitarbeiter einer Entscheidung entgegen. Als der Aufsichtsrat zur ersten Sitzung unter dem neuen Eigentümer zusammentritt, stimmt Aufsichtsratschef Stephan Fanderl, der neue starke Mann bei Karstadt, die Runde auf eine Radikalsanierung ein. Was bleibt ihm auch übrig: Wenn die Geschäfte weiterlaufen wie bisher, sind die finanziellen Mittel des Unternehmens spätestens im März 2016 aufgebraucht.

In einem ersten Schritt soll Karstadt über 200 Millionen Euro einsparen, mittelfristig noch viel mehr. Stellenstreichungen scheinen damit unausweichlich. Im Raum steht auch die Aufgabe von bis zu 30 der 83 Warenhäuser. Das Problem dabei: Schließungen außerhalb einer Insolvenz seien extrem teuer, sagt Otto Christian Lindemann, Sanierungsexperte der Unternehmensberatung Ebner Stolz.

Acht Stunden debattieren die Aufsichtsräte hinter verschlossenen Türen über das Rettungskonzept, bevor sie sich vertagen. Erst am 23. Oktober wollen sie konkrete Entscheidungen treffen.

Essen, 19. Oktober 2014: Nur wenige Tage vor der entscheidenden Sitzung des Kontrollgremiums machen neue Schreckens-Zahlen die Runde. Ein Viertel aller Karstadt-Häuser steht vor der Schließung, heißt es in Medienberichten. 23 der 83 Warenhausfilialen seien bedroht, weil sie kaum noch eine Perspektive hätten.

Am gleichen Tag wird ein möglicher Sjöstedt-Nachfolger bekannt. Neuer Karstadt-Chef soll offenbar der Aufsichtsratsvorsitzende Stephan Fanderl werden. Der Handelsexperte und ehemalige Rewe-Manager will sich offenbar am Donnerstag in der Sitzung zur Wahl stellen, um den Sanierungskurs voranzutreiben. Dann geht die Endlos-Soap um Karstadt in die nächste Runde. Grablegung oder Wiederauferstehung? Der Titel der nächsten Staffel steht noch nicht fest.

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