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Chronik des Scheiterns Die endlose Karstadt-Seifenoper

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November 2011 bis Februar 2014: Die Rückkehr der Krise

Düsseldorf, 17. November 2011: René Benko rauscht durch das Shoppingcenter Sevens auf der Düsseldorfer Königsallee. In der Rechten ein Glas Wein, grüßt er hier, plaudert dort und bestaunt nebenher die bunte Bühnenshow, mit der an diesem Abend die Wiedereröffnung der Passage gefeiert wird. Seinem Immobilienunternehmen Signa gehört das Haus. Trotzdem verabschiedet sich der Gastgeber schon um kurz nach 21 Uhr: Benko hat Wichtigeres vor in Düsseldorf. Er will den Karstadt-Konkurrenten Kaufhof kaufen und versucht das Management des Mutterkonzerns Metro auf seine Seite zu ziehen.

Und er will seinen Rivalen ausstechen: Auch Berggruen hat Interesse an Kaufhof. Doch der Plan des Karstadt-Eigners, „die beiden großen deutschen Warenhausketten unter einem Dach“ zu vereinen, liefe auf den Abbau Tausender Jobs hinaus. Die Schlagzeilen will sich bei Metro niemand antun. Schnell steuert der Verkauf daher auf den 34-jährigen Österreicher zu. Er wolle investieren und expandieren, statt Kaufhof-Filialen zu schließen, versichert Benko.

Am Ende scheitert der Kaufhof-Verkauf jedoch am Veto des neuen Metro-Chefs Olaf Koch. Der zweifelt daran, dass Benko den Kaufpreis von gut zwei Milliarden Euro stemmen kann. Für den Österreicher hat der Einsatz dennoch Folgen: Er knüpft Kontakt zu Berggruen.

Köln, 23. Mai 2012: Quelle-Erbin Schickedanz will ihr Geld zurück. Vor dem Oberlandesgericht Köln reicht sie eine Schadensersatzklage über rekordverdächtige 1,9 Milliarden Euro ein. Die Summe fordert sie vor allem von Sal. Oppenheim und dem Troisdorfer Immobilienunternehmer Josef Esch, ihrem früheren Vermögensberater. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob die einst reichste Frau Deutschlands im Spiel um Karstadt nur eine Strohfrau der Bankiers war. Madeleine als Marionette?

Folgt das Gericht ihrer Version, wären wohl alle Darlehen, die sie für den Kauf von Arcandor-Aktien aufnahm, Makulatur. Die Anwälte von Sal. Oppenheim und Esch widersprechen denn auch energisch, zumal sich auch die Staatsanwaltschaft Köln für den komplexen Fall interessiert und in mehreren Verfahren dem Beinahe-Zusammenbruch von Sal. Oppenheim nachspürt.

Die Schickedanz-Klage ist nicht der einzige Streit, den die neue Sal.-Oppenheim-Spitze ausfechten muss. Prominente Kunden wie Maxdata-Gründer Holger Lampatz und Mitglieder der Schuhdynastie Deichmann ziehen vor Gericht. Sie fordern Geld zurück, das sie in Immobilienfonds gesteckt hatten, die von Oppenheim und Esch aufgelegt wurden.

Auch Thomas und Cornelie Middelhoff haben groß investiert, pikanterweise auch in Oppenheim-Esch-Fonds, denen Karstadt-Häuser gehören. Mehr als 100 Millionen Euro haben sich die Middelhoffs dafür bei der Bank geborgt. Als sie Zins- und Tilgungszahlungen für ihre Darlehen aussetzen, reagieren die Banker wie bei Häuslebauern, die ihre Kreditraten nicht pünktlich abstottern: Sie frieren die Konten der Middelhoffs ein. Der Zugriff auf rund 23 Millionen Euro Festgeld wird dem Bielefelder Power-Paar versperrt.

Essen, 16. Juli 2012: „AJ’s Coffee Updates“ sind ein festes Ritual bei Karstadt. Einmal im Monat trommelt Kaufhauschef Jennings die Mitarbeiter der Zentrale im Foyer zusammen, um sie bei einem Kaffee über die neuesten Entwicklungen des Geschäfts zu informieren. Diesmal serviert er den Mitarbeitern eine Hiobsbotschaft: 2000 der rund 18 000 Vollzeitstellen fallen weg. Das Wetter habe nicht mitgespielt, Strukturen und Prozesse müssten angepasst werden, begründet er den Stellenabbau. Im Klartext: Die Krise ist zurück.

Jennings Strategie, das Sortiment um hippe Modemarken zu erweitern, zündet nicht, der Umbau der Filialen stockt. „Statt Personalabbau muss dringend mehr Geld in die Modernisierung der Filialen, die Sortimentsstruktur und in Beschäftigte investiert werden“, fordert Verdi, „hier ist auch der Eigentümer in der Pflicht.“ Knapp zwei Jahre nach der gefeierten Übernahme ist Berggruen in den Niederungen des deutschen Handelsgeschäfts angekommen. Berichte, er wolle die Sporthäuser und die Premiumhäuser des Unternehmens mit dem Flaggschiff KaDeWe verkaufen, dementiert er. Er denke nicht an Verkäufe, Karstadt bereite ihm „sehr große Freude“.

Berlin, 22. Dezember 2012: Kurz vor dem Weihnachtsfest geht Immobilienkönig Benko auf Einkaufstour. Vom bisherigen Karstadt-Vermieter Highstreet übernimmt er das KaDeWe und 16 weitere Karstadt-Immobilien für 1,1 Milliarden Euro.

Als Co-Finanzier ist der israelische Diamantenmilliardär Beny Steinmetz mit von der Partie. Auch sonst blitzt und blinkt es im Umfeld von Benkos Immobilienkonzern Signa. Der griechische Reeder und Kunstsammler George Economou und der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking zählen zu den Investoren, Österreichs Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer ziert den Signa-Beirat. Beobachter rätseln, was der Österreicher vorhat. Denn beim zentralen Mieter der Häuser laufen die Geschäfte nach wie vor schlecht. Spätestens als Karstadt-Chef Jennings dem Unternehmen im Mai eine „Tarifpause“ verordnet und wenig später ankündigt, das Unternehmen zum Jahresende zu verlassen, ist klar, wie ernst die Lage bei Karstadt ist. Die Umsätze erodieren in ähnlichem Tempo wie die Glaubwürdigkeit des Eigentümers.

Essen, 16. September 2013: Allen früheren Treueschwüren zum Trotz verkauft Berggruen die Mehrheit am operativen Geschäft der Sport- und Premiumhäuser an Benko. Geld bekommt er nicht, dafür verspricht Benko, 300 Millionen Euro zu investieren. Die Beschäftigten sind alarmiert. Daran ändert auch ein Brief von Berggruen nichts. „Niemand muss sich Sorgen machen“, schreibt er darin an seine „lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Die klassischen Warenhäuser „bleiben vollständig im Besitz von Berggruen Holdings“. Schließlich „sehe ich mich hier in einer besonderen Verantwortung“, er sei sich „absolut sicher: Gemeinsam schaffen wir es“.

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