Details aus Insolvenzakten Warum Neckermann nicht zu retten war

Vor einem Jahr wurde das Aus für den traditionsreichen Versandhändler Neckermann besiegelt. Anhand von Insolvenzakten lassen sich nun die Details des Untergangs rekonstruieren.

Vor einem Jahr, am 14. September 2012, wurde die Einstellung des Geschäftsbetriebs und damit das endgültige Aus für den insolventen Versandhändler beschlossen. Quelle: REUTERS

Wie steht's um das Neckermann-Verfahren? Vor einem Jahr, am 14. September 2012, wurde die Einstellung des Geschäftsbetriebs und damit das endgültige Aus für den insolventen Versandhändler beschlossen. Ein Komplettverkauf war zuvor gescheitert. 25 Investoren hatten Neckermann im Detail durchleuchtet - und letztlich abgewunken.

Zu marode erschien das seit Jahren defizitäre Geschäft, zu hoch die Sanierungskosten etwa für die veraltete IT. Immerhin konnte Insolvenzverwalter Michael Frege von CMS Hasche Sigle noch allerlei Unternehmenswerte versilbern, zeigen nun Unterlagen aus dem Verfahren, die wiwo.de vorliegen. Dabei hatte Frege anfangs  mit erheblichem Gegenwind zu kämpfen. Vor allem der Neckermann-Gesellschafter Sun Capital dürfte kurz nach dem Start des Verfahrens für reichlich Stress gesorgt haben. So gut wie alle Vermögensgegenstände von Neckermann waren an den Finanzinvestor verpfändet.  Egal ob Markenrechte, Internetadressen, Kundendaten oder Kontoguthaben.

Baumarktkette Max Bahr wird zerschlagen
Max BahrDie zahlungsunfähige Pratiker-Tochter Max Bahr wird zerschlagen. Die Übernahme von 73 Märkten durch die Dortmunder Hellweg-Gruppe ist am 15. November offiziell gescheitert. Insolvenzverwalter Jens-Sören Schröder sagte, es sei nicht gelungen, sich mit der ebenfalls insolventen Hauptvermieterin Moor Park MB über die Mietverhältnisse zu einigen. Moor Park vermietet 66 der 73 Standorte, die das Konsortium um Hellweg übernehmen wollte. Damit bleibt von dem ehemaligen Praktiker-Konzern nichts übrig. Die Kette umfasste einmal 315 Märkte und beschäftigte rund 15.000 Mitarbeiter. Die meisten Standorte sind bereits geräumt oder im Ausverkauf und sollen einzeln verwertet werden. Auch die Max-Bahr-Märkte werden nun ausverkauft. Quelle: dpa
PraktikerDie Baumarktkette hat am 11. Juli beim Amtsgericht Hamburg offiziell Gläubigerschutz beantragt. Gespräche über die weitere Finanzierung des Sanierungspakets sind am 10. Juli 2013 gescheitert. Damit ist Praktiker nicht nur überschuldet, sondern auch zahlungsunfähig. Praktiker hätte nach eigenen Angaben frisches Geld gebraucht - rund 30 bis 35 Millionen Euro - nachdem der fest eingeplante Verkauf der drei luxemburgischen Batiself-Baumärkte nach einem Rückzieher des Käufers gescheitert war. Fortwährende Rabattaktionen ("20 Prozent auf alles") brachten den Konzern 2011 an den Rande des Ruins. Es folgt die Sanierung, die vorsah, Praktiker-Märkte auf die Schwestermarke Max Bahr umzustellen. 2012 setzte Praktiker mit seinen 430 Märkten rund drei Milliarden Euro um, das reichte jedoch nicht, um die entstandenen Schulden zu tilgen. 18.000 Mitarbeiter bangen nun um ihre Zukunft. Quelle: dpa
Neckermann Es ist der dritte Pflegefall aus dem Arcandor-Nachlass. 2010 kaufte der amerikanische Finanzinvestor Sun Capital den Versandhändler und strukturiert kräftig um. Das Geschäft mit gedruckten Katalogen wurde eingestampft. 1.400 der 2.500 Stellen in Deutschland fallen dem zum Opfer. Die Mitarbeiter fordern Abfindungen; die Konzernspitze beklagt, dazu fehle das Geld. Nun hat sich Verdi und das Management über den weiteren Abbau von 1380 Arbeitsplätze nicht einigen können. Sun Capital werde keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen, teilte das Unternehmen mit. Damit ist das Unternehmen pleite. Quelle: dpa
Schlecker Ende Februar 2012 meldete der Branchenprimus der Drogeriemärkte Insolvenz an. Bereits im Geschäftsjahr 2010 war der europaweite Umsatz von Schlecker um 650 Millionen Euro auf 6,55 Milliarden Euro gesunken. Auch 2011 wurden sinkende Erlöse erwartet, Zahlen zum Gewinn oder Verlust nannte Schlecker traditionell nicht. Die Mitarbeiterzahl lag Ende 2011 bei über 30.000 in Deutschland und weiteren rund 17.000 im Ausland. Da sich bis Anfang Juni 2012 kein Investor für Schlecker gefunden hatte, musste Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz das endgültige Aus der Drogeriemarkkette verkünden. Die Pleite der Drogeriekette hat nun ein juristisches Nachspiel: Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen Anton Schlecker und 13 weitere Beschuldigte eingeleitet. Es geht um den Verdacht der Untreue, Insolvenzverschleppung und des Bankrotts. Quelle: dapd
KarstadtDer Handels- und Touristikkonzern Arcandor - Hauptaktionäre waren die Privatbank Sal. Oppenheim und die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz - rutscht 2009 in die Pleite. Der Geschäftsbereich Warenhaus mit den Karstadt-Häusern geht für fünf Millionen Euro im Juni 2010 an die Holding des deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen und ist damit vorerst gerettet. Bis 2016 - so Pläne von Dezember 2011, die der WirtschaftsWoche vorliegen - soll der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bis 2016 rund 272 Millionen Euro betragen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 lag der Umsatz bei 3,228 Milliarden Euro. Karstadt schrieb einen ansehnlichen operativen Gewinn (Ebitda) von 103 Millionen Euro. Am 16. Juli gab Karstadt bekannt, 2000 Stellen streichen zu müssen. Quelle: REUTERS
QuelleDas zweite Opfer der Arcandor-Pleite: Von den 50ern bis in die 1990er Jahre stand Quelle als Synonym für den deutschen Versandhandel. Im Juni 2009 kam das Aus. Kein Investor wollte das Versandhaus, das bereits seit 1999 zum Karstadt-Konzern gehörte. Seit August 2011 können Quelle-Fans unter www.quelle.de bei einer Tochter des Otto-Versands bestellen. Die Marke Quelle lebt nur noch im Internet weiter. Quelle: AP
Ein Mann betritt einen IhrPlatz Drogeriemarkt Quelle: dpa
HertieDas Ende der Kaufhauskette war ein Tod auf Raten. Seit Mitte der 80er Jahre gingen die Umsätze zurück. Der Aufkauf durch Karstadt 1994 brachte weitere Einschnitte. 2005 wurden die kleineren Hertie-Häuser verkauft - vier Jahre später die letzten Filialen geschlossen. Der Name "Hertie" stammte übrigens vom Onkel des Firmengründers Oscar Tietz. Da der jüdische Name Tietz im Dritten Reich nicht mehr geführt werden durfte, wurden die Kaufhauskette zu Ehren von Onkle Hermann Tietz in „Hertie“ umbenannt. Quelle: dpa
Woolworth-Filiale Quelle: dpa
Mäc Geiz-Filiale Quelle: Pressebild

Am Wochenende nach dem Insolvenzantrag begannen denn auch hektische Verhandlungen zwischen Frege und den Sun-Capital-Vertretern. Dabei dürfte es vor allem um rund 13 Millionen Euro gegangen sein, die noch auf den Neckermann-Geschäftskonten lagen, aber an Sun Capital verpfändet waren. Die Gespräche scheiterten. Zu Wochenbeginn zog Frege die Notbremse und konnte  mit einer „Ermächtigung“ der Schuldnerin die Banken davon überzeugen, immerhin rund 12,5 Millionen Euro auszuzahlen.

Die erste Runde entschied der Verwalter damit für sich. Beim zweiten Duell punkteten derweil die Amerikaner:  Sie blockten mit ihrem Pfandrecht erst einmal den Versuch ab, die Markenrechte loszuschlagen und handelten Frege die Zusage ab, an den Verkaufserlösen teilweise  beteiligt zu werden. Die Alternative wären offenbar langwierige Anfechtungsstreitigkeiten gewesen, die das Bieterverfahren verzögert hätten.

Der Niedergang von Neckermann.de

Anschließend konnte der CMS-intern "Projekt Alpha II"  getaufte Verkaufsprozess von Namens- und Markenrechten sowie Internetadressen starten. 162 Kandidaten wurden angesprochen, mit 58 Verkaufsgespräche geführt. Am Ende machte der Hamburger Otto-Konzern das Rennen und zahlte insgesamt 4,35 Millionen Euro. Davon entfielen 2,68 Millionen Euro auf die Neckermann-Markenrechte.

Für die zeitlich beschränkte Nutzung der Kundendaten für Werbung und Marketing überwiesen die Hamburger zusätzlich 1,68 Millionen Euro. Mit dem Deal scheinen die Hamburger zufrieden zu sein. Inzwischen schreibe der vor einem halben Jahr neu gestartete Online-Shop Neckermann.de wieder schwarze Zahlen. Das Portal, das als Marktplatz für Otto-Produkte dient, sei "operativ rentabel", sagt eine Sprecherin. Bis zum Jahresende rechnen die Hamburger mit einem zweistelligen Millionenumsatz.

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