Deutscher Einzelhandel Karstadt ist ein trauriges Einzelschicksal

Das Karstadt-Drama rückt die gesamte Branche ins Krisenlicht – zu Unrecht. Die Horrornachrichten aus Essen überdecken, dass der deutsche Einzelhandel insgesamt gut aufgestellt ist.

Karstadt-Schriftzug Quelle: dpa

Egal ob neuer Investor, Filialschließungen, Sparmaßnahmen, Fusionsgerüchte mit Kaufhof oder – wie heute – Stellenstreichungen im großen Stil. Kein Tag ohne neue Karstadt-Schlagzeilen. Bei dem Essener Handelsdenkmal ist einfach immer was los.  

Doch so dramatisch der nun schon seit mehr als 15 Jahren andauernde Niedergang des Warenhausunternehmens für die Beschäftigten auch ist, die mediale Beschäftigung mit Karstadt steht in krassem Widerspruch zur wirtschaftlichen Relevanz des Unternehmens – und erzeugt ein falsches Bild von der Branche. Denn tatsächlich ist Karstadt für den Einzelhandel in etwa so wichtig wie die finanziell havarierte MS Deutschland für das Schicksal der maritimen Wirtschaft.

2,7 Milliarden von 450 Milliarden

400.000 Handelsbetriebe in Deutschland erwirtschafteten 2013 rund 450 Milliarden Euro Umsatz – Karstadt steuerte ganze 2,7 Milliarden Euro bei. Drei Millionen Beschäftigte arbeiten in der Branche, 0,57 Prozent davon sind Karstadt-Mitarbeiter. Doch in Punkto Medienpräsenz schafft es das desolate Unternehmen selbst echte Branchenschwergewichte in den Schatten zu stellen.

Der Hamburger Supermarktgigant Edeka zum Beispiel, immerhin der größte Arbeitgeber des Landes, erzielt den 17-fachen Umsatz von Karstadt und beschäftigt mehr Auszubildende als Karstadt überhaupt Mitarbeiter hat. Trotzdem wird das Unternehmen – zumindest im Vergleich zu Karstadt - kaum wahrgenommen.

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Karstadt ist nicht der Einzelhandel

Das Ärgerliche dabei: Die ewigen Hiobsbotschaften aus Essen erwecken den Eindruck, als befände sich die gesamte Zunft im Sinkflug. Doch Tatsache ist: Die Probleme von Karstadt sind hausgemacht und haben wenig bis gar nichts mit der Branchensituation zu tun – ein Blick auf den Rivalen Kaufhof genügt. Im Ausland gelten deutsche Handelsunternehmen vielfach als Angstgegner und Vorbilder zugleich. Aldi und Lidl heizen derzeit den britischen Lebensmittelanbietern ein. Rossmann und dm erobern den europäischen Drogeriemarkt. Auch Händler wie Fielmann, Gerry Weber, Deichmann, Tom Tailor, Peek & Cloppenburg oder die Douglas-Parfümerien sind gut unterwegs.

In Summe schlägt sich der deutsche Einzelhandel damit gar nicht so schlecht, zumal wenn man bedenkt, welch tiefgreifende Veränderungen die Branche in den vergangenen Jahren erschüttert haben. Auf die zentralen Marktveränderungen durch den Online-Handel haben die großen stationären Player reagiert. Ob immer schnell genug und ausreichend sei dahin gestellt. Doch die Richtung stimmt.

Keine Frage, die Branche hat ihre Hausaufgaben gemacht (auch wenn sich über die Benotung streiten lässt). Karstadt ist ein trauriges Einzelschicksal.

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