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Die Zahlenfrau
Girokonto bei Amazon Quelle: AP

Haben wir bald alle ein Girokonto bei Amazon?

Eine neue Studie zeigt: 61 Prozent der Deutschen würden ein Konto bei Händlern wie Amazon, Lidl oder dm eröffnen. Wozu brauchen wir dann noch eine Bank?

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Kennen Sie die chinesischen „Super-Apps“ wie WeChat oder Alipay? Hier erhalten Kunden alle möglichen Services aus einer Hand, neben Shopping-Deals und Bahntickets auch Finanzdienstleistungen wie Kontos oder eine Anlageberatung. So oder so ähnlich könnte das auch bald bei uns in Europa aussehen, wie eine neue Studie der Solarisbank zeigt.

Denn auch hier zeichnet sich ab, dass die Komfortwünsche des Verbrauchers zu- und mögliche Sicherheitsbedenken rund um Finanzdienstleistungen abnehmen. Immer mehr Kunden können sich vorstellen, Finanzprodukte von ihren Lieblingsmarken zu beziehen, die zwar mit Finanzen nichts am Hut haben, aber mit Kundenorientierung, Bequemlichkeit und Schnelligkeit punkten. Wenn wir künftig ein Konto bei Amazon eröffnen oder einen Kredit bei Ikea abschließen – welche Rolle bleibt dann für Banken?

Bezahlen, Geld leihen, Investieren – Finanzprodukte ohne Bankkontakt

Integrierte Finanzdienstleistungen, die in der Fachsprache „Embedded Financial Services“ heißen, sind nicht ganz neu, aber gewinnen in letzter Zeit massiv an Bedeutung. Einige Beispiele sind:

  • Embedded Payments

    Kunden zahlen direkt per Klick auf der Website, zum Beispiel bei Amazon, oder unsichtbar über eine App, wie etwa beim Ridesharing-Dienst Uber. Nach der Fahrt muss niemand mehr seine Geldbörse oder Kreditkarte zücken, denn die Fahrtkosten inklusive Trinkgeld werden im Hintergrund über die App abgewickelt.

  • Embedded Card Payments

    So etwas bietet zum Beispiel PayPal an. Durch die Verknüpfung von PayPal- und Bankkonto können Nutzer mit ihrer Cash-Card direkt auf ihr Paypal-Guthaben zuzugreifen – egal, ob bei der Kartenzahlung im Geschäft oder am Geldautomaten.

  • Embedded Lending
    Das Beantragen eines Darlehens oder einer Kreditkarte bei der Bank wird überflüssig: Geld leihen kann man sich direkt beim Online-Kauf. Anbieter wie Ratepay oder Klarna machen es Verbrauchern möglich, ohne weiteren Aufwand eine Finanzierung in Form einer Ratenzahlung in Anspruch zu nehmen. Im B2B-Bereich können Händler dank eingebetteter Kreditangebote von Anbietern wie Banxware ihre Liquidität schnell und unkompliziert sicherstellen.
  • Embedded Investment
    Banken, Börse, Broker – Geld zu investieren ist vielen Verbrauchern immer noch zu kompliziert. Mit Embedded Investment funktioniert das mit einem Klick. In den USA gibt es bereits Anbieter, die es Kunden ermöglichen, beim Online-Shopping den Rechnungsbetrag aufzurunden und diese Kleinstbeträge automatisch zu investieren.
  • Embedded Insurance

    Günstiger, schneller und bedarfsgerechter als beim Versicherungsmakler – das schreiben sich die Anbieter von Embedded Insurances auf die Fahnen. Beim Autohersteller Tesla zum Beispiel kann man beim Fahrzeugkauf gleich die passende Versicherung abschließen.

Kunden profitieren – die Finanzbranche muss umdenken

Innovative IT und ausgeklügelte digitale Vernetzungen sorgen nicht nur dafür, dass Kunden Zeit und Nerven sparen. Sondern auch für massive Änderungen in der Wahrnehmung von Kunden, wer für ihre Finanzen zuständig ist. Die Unternehmen und Marken, bei denen Kunden ohnehin schon vieles erledigen, ersetzen zunehmend den klassischen Finanzdienstleister, der dadurch mehr und mehr aus dem Bewusstsein der Kunden gerät. Auch wenn viele, vor allem ältere Menschen weiterhin ihre Geldgeschäfte bei den bekannten Geldhäusern abwickeln – eine neue Generation von Verbrauchern wird Banking weniger mit einer Deutschen Bank oder Sparkasse in Verbindung bringen, sondern vielleicht mit Nike, H&M, Apple oder Amazon.



Banken müssen sich mit dieser Paradigmenverschiebung auseinandersetzen und ihre Businesskonzepte überdenken. Für Fintechs ergeben sich hier viele neue Möglichkeiten, aber künftig dürfte es für sie weniger darum gehen, das nächste „Neobank-Unicorn“ zu werden, sondern darum, sich als Teil eines umfassenderen Ökosystems zu verstehen und stärker mit den Banken zu kooperieren.

Neue Chancen für Unternehmen, Fintechs und Banken

Angela Strange von Andreessen Horowitz, einem der großen Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley, bringt es auf den Punkt, indem sie sagt, bald werde „jedes Unternehmen ein Fintech-Unternehmen sein“. Kunden, egal ob B2C oder B2B, würden das Bankwesen nicht mehr als separate Branche wahrnehmen, sondern erwarten, dass alltägliche Finanzdienstleistungen innerhalb ihrer bevorzugten Marken-Ökosysteme erledigt werden.

Wie immer liegen in einer solchen Disruption auch Chancen. Unternehmen erhalten Zugang zu neuen Einnahmequellen und die Möglichkeit, auch mit ihren bestehenden Produkten mehr Umsatz zu erzielen. Etablierte Banken könnten ihren Fokus von B2C mehr auf das B2B-Geschäft mit Fintechs oder Händlern richten und Embedded Finance-Produkte entwickeln und anbieten. Möglicherweise erreichen sie damit sogar mehr Kunden als durch traditionelles Marketing. Fintechs hingegen könnten sich von dem Druck befreien, die neue hippe Neobank sein zu wollen und können sich stattdessen auf die Perfektionierung einzelner Services konzentrieren.

Ein neues Finanz-Ökosystem entsteht

Angesichts des boomenden Online-Shoppings und der zunehmenden Kundenzentrierung bei digitalen Dienstleistungen sehe ich in integrierten Finanzdienstleistungen nichts weniger als die Zukunft des Bankings. Vor unseren Augen wächst hier ein ganz neues Finanz-Ökosystem mit Händlern und Dienstleistern, Plattformen, Fintechs und Banken heran, die gemeinsam für den Kunden den bestmöglichen Nutzen erbringen. Das könnte bedeuten, dass sich Banken und Finanzdienstleister zukünftig weniger direkt an den Kunden richten, sondern eher als Infrastruktur- und Serviceanbieter im Hintergrund agieren.

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Künftig kann jedes Unternehmen Bankdienste anbieten, und die Kunden profitieren von einer umfassenden, komfortablen Produktpalette, ohne dafür fünf verschiedene Anbieter abklappern zu müssen.

Mehr zum Thema: Zunehmend digital: Das sind die besten Girokonten.

Anmerkung der Redaktion: Die Autorin ist Geschäftsführerin und Mitgründerin des Finanzdienstleisters Ratepay.

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