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Digitale Revolution des Lesens Das Ende des Buchs, wie wir es kennen

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Der Handel: All you can read - per Flatrate in den Leserausch

Der Mann, der den Konsum von Literatur neu erfinden will, hat nicht ein einziges Buch auf dem Schreibtisch; Papierstapel häuft er nur an, um damit seinen Bildschirm aufzubocken: Frank Großklaus, 44, drahtige Figur, wirkt nicht wie einer, der beruflich viel mit Literatur zu tun hat. Und doch will er bald zu den großen Buchhändlern in Deutschland aufsteigen.

Ende September hat sein Start-up Readfy einen digitalen Buchladen eröffnet. Der ist so radikal anders, dass es altgediente Vertreter des Gewerbes grausen muss: Großklaus verkauft Bücher nicht an seine Kunden, er leiht sie ihnen. „Wir überlassen Ihnen einen Katalog im Wert von Hunderttausenden Euro“, sagt Großklaus, „und zwar kostenlos.“

Die Smartphone-App von Readfy enthält 25.000 Titel – Romane und Sachbücher, Schmonzetten und Krimis. Nur wenige Bestseller sind darunter, aber die Düsseldorfer bauen den Bestand aus. Zahlen muss der Leser am Ende doch – mit Aufmerksamkeit: Hin und wieder blendet die App Werbung ein. Wer die nicht sehen will, kann bald auch ein Abo abschließen. „Wir sind wie Spotify, die Musik-Flatrate“, sagt Großklaus, „aber jetzt mit Büchern.“

Illegale Tauschbörsen für Bücher boomen

Das Unterfangen der Düsseldorfer zeigt, wie radikal einfach es die Digitalisierung macht, Bücher zu vertreiben: Die Kosten für Apps und Online-Speicher sind minimal im Vergleich zu Bänden aus Papier. Längst zirkulieren Millionen Werke in illegalen Tauschbörsen.

Damit steht die Literaturindustrie vor dem gleichen Problem wie die Musikbranche vor einem Jahrzehnt – bis sie die Digitalisierung ihrer Angebote startete. Mit Erfolg. Schon in fünf Jahren dürften 70 Prozent der Einkünfte der Musikindustrie aus digitalen Streamingangeboten stammen, prognostiziert der britische Marktforscher Mark Mulligan.

Klappt das auch mit Büchern? Eine ganze Reihe von Start-ups ist davon überzeugt. Sie bieten E-Books per Flatrate an, darunter Scribd, Oyster und 24symbols. Der größte Abodienst weltweit ist Amazons Kindle Unlimited – mit mehr als 700.000 Titeln in den USA, die es für 9,99 Dollar pro Monat gibt. Ausgedruckt würde diese Menge Bücher sieben Jumbo-Lkws füllen. In Deutschland führt Skoobe mit 65.000 Titeln.

„Wir glauben, mit Flatrates neue Kunden erreichen zu können“, sagt Frank Sambeth, Chef von Random House Deutschland, einem der Investoren von Skoobe. Er denke dabei an Nutzer von Bibliotheken oder Techies, die per Smartphone zum ersten Mal mit Literatur in Kontakt kommen. Auch mancher Buchpirat könnte von Raubkopien auf günstige legale Angebote umsteigen.

Das Ende des gedruckten Buches?

„Dienste wie Netflix und Spotify zeigen, dass es einen Bedarf an solchen Modellen gibt“, sagt Branchenkenner Wattig. Readfy-Chef Großklaus rechnet gar damit, dass schon in fünf Jahren mehr als die Hälfte der Umsätze mit E-Books über Flatrates generiert werden. „Die Idee, Inhalte zu besitzen, könnte bald schon als ein Relikt einer Ära erscheinen, in der Informationen knapp waren“, prophezeiten unlängst die Experten des US-Marktforschers Book Industry Study Group in einer Studie.

Ob Autoren und Verlage davon auch leben können, wird eine Frage der Preisverhandlungen sein. Für kleine Verlage und wenig bekannte Autoren, so die Marktforscher, könnten Bücherabos bald der einzige Weg sein, noch ihre Leser zu finden.

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