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Digitale Revolution des Lesens Das Ende des Buchs, wie wir es kennen

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Die Leser: Vermessung des Bildungsbürgers

Eines ist sicher: Die Digitalisierung macht uns nicht zu Analphabeten. Wenn jedes geschriebene Buch nur einen Mausklick entfernt ist, könnte das die Leselust sogar steigern. Wer will, kann mal eben ein Kapitel aus Max Schelers „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ studieren. „Das Risiko fällt weg, viel Geld für ein Buch auszugeben, das nicht gefällt“, sagt Verlagsberater Wattig. Der Flatrate-Anbieter Skoobe hat gerade seine Kunden befragt, wie das Abo ihr Lektüreverhalten ändert: 84 Prozent der Leser probieren neue Autoren aus, 75 Prozent vergraben sich in Bücher, die sie sich sonst nicht gekauft hätten.

Der Mainzer Buchwissenschaftler Stephan Füssel hat sogar herausgefunden, dass Menschen auf Tablets schneller lesen können als auf dem Papier. „Die Display-Beleuchtung macht die Schrift besser erkennbar“, erklärt er. Trotzdem merkten sich seine Probanden genauso viele Fakten aus den Texten.

Angst vor Überwachung wächst

Die Infoflut weckt aber auch Ängste. Mit der multimedialen Informationsverdichtung, warnt der New Yorker Medientheoretiker Douglas Rushkoff, wachse die Gefahr der Überforderung, der Fixierung auf die Gegenwart. Wir würden unbegrenzten Zugang zu Informationen haben, aber nicht mehr im Gespräch mit Autoren, Büchern und Texten der Vergangenheit sein.

Die meisten Leser seines Werkes, schreibt Rushkoff in seinem Buch „Present Shock“, werden es allenfalls quer oder auszugsweise lesen, vielleicht auch seine Hauptaussage zur Kenntnis nehmen, sich aber schnell wieder anderen Unterhaltungsquellen zuwenden.

Auch die Sorge vor Überwachung wächst. Amazon, Barnes&Noble, Google oder Apple wissen über die jeweiligen Kundenkonten nicht bloß, wie viele digitale Bücher der Käufer besitzt, aus welchen Genres diese Werke stammen, wie oft er nachkauft oder welche Autoren er besonders mag. Die Konzerne können über die Apps auf den Kindles, Nooks, iPads oder Smartphones auch nachverfolgen, ob die Leser die Werke tatsächlich konsumieren, wann sie das tun, auf welchem Gerät, ob sie Passagen digital angestrichen und die Bücher auch zu Ende gelesen haben. Beim Schmökern sind wir nicht mehr allein.

"Buchdruck in den Ruhestand schicken"

Autoren können daraus schließen, wie sie ihre Bücher verfassen müssen, um Erfolg zu haben. Werbeagenturen können Leser derweil mit maßgeschneiderten Anzeigen versorgen.

Der Bildungsbürger der Zukunft, so viel lässt sich erahnen, wird nicht mehr vor gut gefüllten Wohnzimmerregalen stehen, um den stillen Applaus der Gäste für seine erlesene Buchsammlung entgegenzunehmen. Er wird sich eher mit seinen Freunden über Ranglisten von Amazon und Co. messen, auf denen verzeichnet ist, welche Bücher er wie lange und bis zu welcher Stelle gelesen hat.

In Arbeit
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Wattpad-Gründer Lau sieht das gelassen. Für ihn bricht das Zeitalter des massenhaften digitalen Literaturkonsums an. Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sei bereits 500 Jahr alt, konstatiert Lau. Es sei jetzt Zeit, sie in den Ruhestand zu schicken.

Bedeutet das nun das Ende des gedruckten Buches? Dagegen spricht: Noch immer werden Schallplatten produziert, hat das Fernsehen nicht das Radio abgelöst. Genauso wird es auch künftig prächtig ausgestattete Bildbände oder liebevoll gestaltete Gedichteditionen geben.

Aber das Internet senkt die Hürden, Bücher zu schreiben, zu verlegen – und zu etwas noch nie Gekanntem zu machen.

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