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Digitale Revolution des Lesens Das Ende des Buchs, wie wir es kennen

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Die Verleger: Immer montags ein neues Buch

Über Jahrhunderte bestimmte eine Literaturelite, wer Bücher schrieb, wie sie aussahen und was sie kosteten. Diese Selbstgewissheit der Verleger ist dahin. Um in der Ära der Infoflut Geld zu verdienen und zu überleben, muss die in Deutschland 9,5 Milliarden Euro schwere Branche ihr Geschäftsmodell radikal umbauen.

So verwandeln sich die ersten Verlage, die alten Papierbetriebe, in Medienhäuser. Als Vorreiter in Deutschland gilt das Traditionsunternehmen Bastei Lübbe, Herausgeber von Bestsellern wie Ken Folletts „Säulen der Erde“. Der börsennotierte Verlag hat inzwischen eine Fernsehproduktionsfirma und produziert Bücher, Computerspiele, E-Books und Apps. „Die Industrien vermischen sich“, sagt Katja Splichal, Vorstand bei Log.os, einem Berliner Literaturnetzwerk.

Das sind die zehn beliebtesten Bücher auf Facebook
Platz 10: Die Chroniken von Narnia (Clive Staples Lewis)Bereits über 100 Millionen Mal griffen Menschen zu den zwischen 1939 und 1954 veröffentlichten Fantasyromanen der siebenteiligen "Chroniken von Narnia". Die Abenteuer verschiedener Kinder und Erwachsener in der fiktiven Welt Narnia wurden bislang in 47 Sprachen übersetzt. Quelle: dpa
Platz 9: Der Fänger im Roggen (J.D. Salinger)Schon zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung des "Fängers im Roggen" galt der Roman in den USA als "moderner Klassiker". Er erzählt die Geschichte des Schülers Holden Caulfield, der nach Problemen in der Schule von Zuhause wegrennt und drei Tage durch Manhattan irrt. Heute verkauft sich die Pflichtlektüre an zahlreichen US-Schulen jährlich etwa 250.000 Mal. Insgesamt ging Salingers Werk über 65 Millionen Mal über die Ladentheke. Quelle: AP
Platz 8: Die Tribute von Panem (Suzanne Collins)Die düstere Zukunftsvision  von Autorin Suzanne Collins ist ein Kassenschlager: Seitdem 2008 der erste Teil der Trilogie veröffentlicht wurde, haben sich ihre Bücher allein in den USA 65 Millionen Mal verkauft. Insgesamt wurden die "Tribute von Panem" in 51 Sprachen übersetzt. Bei diesem Erfolg griff Hollywood zu und verfilmte die Reihe. Im November wird der erste Teil der Filmversion des dritten Buches "Flammender Zorn" in den USA veröffentlicht, der zweite folgt ein Jahr später. Quelle: dapd
Platz 7: Per Anhalter durch die Galaxis (Douglas Adams)Obwohl offiziell eine Trilogie, schrieb Douglas Adams zwischen 1979 und 1992 vier Teile von "Per Anhalter durch die Galaxis". Der Erfolg der Reihe, die sich rund um die „Ultimative Frage des Lebens, des Universums und dem ganzen Rest“ dreht, motivierte Hollywood, 1981 eine Fernsehserie und 2005 einen Kinofilm herauszubringen. 2009 erschien mit Erlaubnis von Adams' Witwe die Fortsetzung "Und übrigens noch was..." von Eoin Colfer. Quelle: dpa
Platz 6: Die BibelDas schafft kein einzelnes Buch: Die jährliche Auflage der Bibel beträgt 29 Millionen, sie wurde komplett in 511 Sprachen übersetzt und zumindest teilweise in 2.650 Sprachen. Quelle: dpa
Platz 5: Stolz und Vorurteil (Jane Austen)In einer Umfrage der BBC erklärten die Briten "Stolz und Vorteil" zum beliebtesten Buch des vereinigten Königreichs. Der 1813 erstmals erschienene Liebes- und Gesellschaftsroman verkaufte sich weltweit bereits etwa 20 Millionen Mal und wurde zehn Mal verfilmt - zuletzt 2005 mit Keira Knightley. Quelle: AP
Platz 4: Der Hobbit (J.R.R. Tolkien)1937 veröffentlichte J.R.R. Tolkien erstmals die Vorgeschichte zur "Herr der Ringe"-Trilogie, die nach den Verfilmungen durch Regisseur Peter Jackson in den vergangenen Jahren hohe Popularität erlangte. Quelle: AP

Zunehmend verstehen sich Verlage als Rundum-Dienstleister für bestimmte Themen, beobachtet Berater Wattig. Sie verlegen nicht nur passende Bücher, sondern bieten auch Blogs, Veranstaltungen, Beratungen und Jobbörsen an – die ihnen Zusatzgeschäfte bescheren sollen. Und im Netz entstehen Plattformen, auf denen Leser diskutieren, Notizen hinterlassen, Geschichten weiterschreiben, kurz: Wissen teilen. Social Reading heißt das im Jargon.

Lernvideos ergänzen Schulbücher

Eine Verlagsmanagerin, die genau das jetzt umsetzt, ist Christine Hauck. Die 47-jährige Geisteswissenschaftlerin leitet beim Berliner Schulbuchverlag Cornelsen das Projekt Scook. Auf dieser Online-Plattform veröffentlicht ihr Haus seit Beginn des Schuljahres alle Lehrbücher parallel zur gedruckten Version.

„Lehrer, die ein passendes YouTube-Video zu ihrem Lehrstoff finden, teilen den Link über das Online-Portal mit ihren Schülern“, sagt Hauck. Die ihrerseits stellen sich dort gegenseitig interessante Studien, Berichte oder Bildmaterial für Hausarbeiten oder Referate bereit.

Parallel dazu erweitert Cornelsen selbst das multimediale Angebot der Plattform: Kürzlich erst kaufte sich das Unternehmen mit einer Minderheitsbeteiligung beim Berliner Bildungs-Start-up Sofatutor ein. Dessen unkonventionelle Lernvideos tauchen künftig neben traditionellem Lehrstoff bei Scook auf, genauso wie die vom staatlichen FWU Institut für Film und Bild.

Am Ende, so die Vision, entsteht ein Wissensnetz, für das der Verlag das inhaltliche und technische Gerüst liefert – und mit dem er Schulen enger an sich bindet.

Bücher entstehen heute so schnell wie nie

Aber auch das Tempo, in dem Bücher heute entstehen, nimmt zu. Seit Anfang des Monats erscheint beim traditionsreichen Hanser-Verlag jeden Montag ein E-Book im Mini-Format: meist nur 40 Seiten lang, schon ab 1,99 Euro zu haben.

Es sind Erzählungen, Essays, kürzere Sachbücher und ausführliche Reportagen renommierter Autoren wie T.C. Boyle, Philipp Blom, Henning Mankell. Ein fertiger Text steht nach nur drei Wochen im Shop – dadurch kann sich der Verlag auch in aktuelle Diskussionen wie das transatlantische Freihandelsabkommen einmischen.

Streitpunkte beim TTIP

Die Kunst besteht darin, auch mit solchen kurzen Publikationen genügend Gewinn einzufahren. Eine, der das gelingt, ist Beate Kuckertz. In der Münchner Max-Joseph-Straße, nur Steinwürfe entfernt von Königs- und Promenadenplatz, führt die Gründerin den hierzulande wohl erfolgreichsten reinen E-Book-Verlag.

Bücher schon ab 99 Cent

Vor gerade zwei Jahren gegründet, hat Dotbooks heute mehr als 800 elektronische Titel von mehr als 400 Autoren im Angebot, darunter bekannte Namen wie Wolfgang Hohlbein mit seinen Fantasy-Geschichten und Hera Lind mit ihren Frauenromanen. Vor Kurzem hat Kuckertz ihr Personal auf zehn fest angestellte Mitarbeiter verdoppelt. Und sie will weiter expandieren. Im vergangenen November erreichte das Start-Up die Gewinnzone.

Das Erfolgsrezept der Münchner: geringe Kosten, schnelle Entscheidungen – und kleine Preise. Bücher gibt’s ab 99 Cent; bei einer mehrteiligen Thriller-Serie wie „Tödliche Distanz“ von Jochen Frech verschenkt Kuckertz aber auch schon mal Teil eins als Köder.

Im Schnitt zahlen die Kunden 5,99 Euro für den Download eines 300-Seiten-Romans – und damit weniger als für ein gedrucktes Taschenbuch. „Die Taschenbuch-Umsätze sind in den USA in den vergangenen Jahren um fast 60 Prozent eingebrochen“, erzählt Kuckertz. Für sie ist es nur eine Frage der Zeit, bis „dieser Trend auch den deutschen Markt erreicht“.

Das könnte schnell kommen. Denn auch der Verkauf von Büchern verändert sich massiv. Daran arbeitet gerade ein Start-Up in Düsseldorf.

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