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„Disney Fantasy“ dockt aus Das Show-Geschäft mit den Kreuzfahrtschiffen

Der Markt für Kreuzfahrten wächst seit Jahren stärker als jeder andere Bereich in der Touristik. Auch das Unglück der Costa Concordia in Italien wird daran nichts ändern. Nun wird in Papenburg das nächste neue Traumschiff ausgeliefert - und die Show geht weiter.

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Jumbo und eine Maus am Heck des 340 Meter langen und 37 Meter breiten Kreuzfahrtschiff-Neubaus „Disney Fantasy“. Quelle: dpa

Papenburg Vier Begriffe stehen in grüner Schrift auf der weißen Tafel in seinem Büro: Taufe, Neubau, Auslastung, Dankeschön. Es sind die Worte Richard Vogels, des Chefs der deutschen Kreuzfahrtreederei Tui Cruises. Mit ihnen hat er in seiner Neujahrsrede die Crews seiner Schiffe eingestimmt. Auf ein Neues, volle Kraft voraus.

Der 56-Jährige ist nicht irgendwer in der Branche. Er ist der deutsche Mister Kreuzfahrt, Miterfinder der weltbekannten Aida-Schiffe, ein Traumerfüller. Mit Aida hat Vogel der Branche ein neues, ein jüngeres Gesicht gegeben. Mit Tui Cruises hat er Ähnliches vor: Aus einer kleinen Firma mit fünf Mitarbeitern hat er ein Unternehmen mit 140 Angestellten und zwei eigenen Schiffen gemacht. Geht es nach ihm, war das erst der Anfang. Vogel ist auf Erfolgskurs.

Dass er von diesem abzubringen ist, hätte bis zum Wochenende niemand gedacht. Bis vor der Küste Italiens die Costa Concordia, ein Kreuzfahrtschiff der italienischen Reederei Costa, kenterte und mindestens elf Menschen im Mittelmeer starben.

In der Schifffahrt herrscht seither Hektik, auch in den Büros der Reederei in Hamburg. Hat das Drama der Costa Concordia Auswirkungen auf das Geschäft mit Traumurlauben? Ist der schöne Schein getrübt, der Aufstieg der Branche gestoppt? „Wir analysieren mit Sorgfalt die Situation“, sagt Richard Vogel. Natürlich gebe es auch bei seiner Reederei Nachfragen von beunruhigten Kunden. Die meisten Anrufe bezögen sich allerdings allgemein auf das Thema Sicherheit an Bord. Anfragen nach Stornierungen gebe es bislang lediglich vereinzelt.

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    Das Geschäft, es läuft. Seit Jahren wächst die Kreuzfahrtbranche rasant; darauf sind alle Planungen ausgelegt. Die Routen stehen fest, die Buchungslage ist gut, neue Schiffe sind bestellt. Allein dieses Jahr werden elf neue oder umgebaute Schiffe die Trockendocks weltweit verlassen; bis 2016 sind es weitere 16.

    Die Show geht weiter. Eine Woche nach dem Unglück in Italien sticht das erste neue Schiff in See. Und was für eines: Die Disney Fantasy ist eine schwimmende Traumfabrik. Sie wird heute von der Meyer Werft in Papenburg in die Nordsee überführt werden. Wenn sich der 37 Meter breite und 339 Meter lange schwarze Koloss mit goldener Micky-Maus-Bordüre am Bug durch die schmale Ems schiebt, ist das nicht nur ein Spektakel für das Emsland. Schon als die Schlepper das Schiff aus dem Trockendock zogen, kamen 5000 Schaulustige, um den Star aus Stahl zu bewundern. Die Überführung der Disney Fantasy, die 600 Millionen Euro gekostet hat, ist für die gesamte Schifffahrt ein Ereignis. Die Jungfernfahrt durch die Karibik ist längst ausgebucht.

    Auch Tui Cruises lässt ein neues Schiff bauen; das dritte der Mein-Schiff-Flotte. Vogel nimmt Platz auf seinem Stuhl. „Mein Schiff“ steht auf der Rückenlehne und darunter „Mein Sitzplatz: Richard Vogel“. Nach der glamourösen Taufe des zweiten Schiffs im vergangenen Jahr, zu der auch Prominente wie der Musiker James Last oder die Schauspielerin Sonja Kirchberger kamen und das seitdem mit einer Auslastung von 100 Prozent fährt, soll Tui Cruises weiter wachsen. Den Vertrag dafür hat Vogel im Herbst unterschrieben. Bis zum kommenden Herbst muss sich das Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Tui und der amerikanischen Reederei Royal Caribbean entscheiden, ob es die Option für ein viertes Schiff zieht.


    Jedes Detail zählt

    Mit der Disney Fantasy werden bis dahin schon Zehntausende Passagiere gereist sein. Die deutsche Meyer Werft hat den Amerikanern ihren Traum vom perfekten Kreuzfahrturlaub gebaut. Entenhausens Bewohner tauchen lebensgroß am Pool als Wandschmuck auf, vergoldete Micky-Maus-Köpfe gehören zum gehobenen Interieur unter Deck. Allein das Theater, bestückt mit 1300 roten Plüschsitzen, hat 20 Millionen Euro gekostet. Drei verschiedene Broadway-Shows sollen die Urlauber hier unterhalten. Der opulente Rezeptionsbereich mit seiner geschwungenen Treppe erinnert an die goldene Zeit der 20er-Jahre.

    339 Meter purer Kitsch, der bis zu 4000 Passagiere glücklich machen soll. Ein normales Kreuzfahrtschiff wäre zu einfach gewesen. Verspielt muss es sein. Hauptsache spektakulär.

    Philip Gennotte ist Projektleiter für das Schiff. Der gelernte Schiffsbauingenieur ist bei der Meyer Werft Ansprechpartner für jeden, der etwas mit dem Schiff zu tun hat: den Kunden, die Werftmitarbeiter, die Behörden. Der 32-jährige Belgier hat den Auftrag für die Werft gewonnen, und er ist der, der das Schiff in wenigen Wochen endgültig an den amerikanischen Disney-Konzern übergeben wird. „Im Moment habe ich 14 bis 15 Meetings am Tag, bekomme mehr als 100 E-Mails, Telefonate zähle ich erst gar nicht“, sagt er. Nur von Disney.

    Jedes Detail zählt. Gennotte steht auf dem obersten Deck der Fantasy und hält eine Taschenlampe Richtung Decke. „Ist das von innen oder von außen“, fragt er die Arbeiter, die um ihn herumstehen. Gennotte hat einen Schatten auf einem Glas entdeckt. Und das kann so nicht bleiben. „Bevor wir der Reederei irgendetwas zeigen, haben wir das schon dreimal getestet.“ Alles muss perfekt sein. Noch bevor Tausende von Reiselustigen an Bord gehen.

    Im Kampf um Passagiere versuchen die Reedereien, sich mit immer neuen Attraktionen zu überbieten. Jeder will die beste Show, die spektakulärste Unterhaltung für seine Gäste. Auf der Disney Fantasy ist es Gennottes Lieblingsplatz, den er gerade überprüft – und der Außergewöhnliches bieten soll: ein großes Restaurant; zwei Sterne-Köche werden hier französische und italienische Gourmetkreationen zaubern.

    Auf dem Sonnendeck gibt es eine Wildwasserbahn, die die Urlauber rund um die Poollandschaft schießt. Auf anderen Schiffen können Passagiere durch eine Miniversion des New Yorker Central Parks flanieren, surfen, Golf spielen, eislaufen oder eine 60 Meter hohe Kletterwand hochkraxeln.

    Tui Cruises versucht, die Passagiere unter anderem mit verschiedenen Motto-Reisen auf die Schiffe zu holen. Beim deutschen Mister Kreuzfahrt, Richard Vogel, hängt ein zweites Blatt an der Tafel. „Wiener Philharmoniker, Dubai, Varieté und Schlager, Helene Fischer“ steht darauf geschrieben. Die Idee dahinter: Wenn Prominente wie sie oder Udo Lindenberg mitreisen, ist für die Gäste auf dem begrenzten Platz eines Schiffes die Wahrscheinlichkeit, ihren Star zu treffen, gleich höher.

    Die Deutschen scheinen das zu mögen – die Buchungszahlen steigen im zweistelligen Bereich. „Das Kreuzfahrtsegment war ein schlafender Riese in der Touristik“, sagt Reederei-Chef Vogel. „Es gab viele Vorurteile, die erst einmal ausgeräumt werden mussten.“ Kreuzfahrten hatten lange ein eher verstaubtes Image. So, wie die Deutschen es aus dem Fernsehen kennen. Doch so, wie die Passagierzahlen nun kontinuierlich steigen, sinkt gleichzeitig das Durchschnittsalter. Mittlerweile liegt es unter 50 Jahren.


    Mit der Aida kam der Erfolg

    Zu verdanken hat der deutsche Kreuzfahrtenmarkt diese Entwicklung vor allem der Aida. „Für die deutsche Kreuzfahrtindustrie war die erste Aida die Wende“, sagt Vogel. Ihm fällt es nicht schwer, die Konkurrenz zu loben, war er doch einer der Macher dieser Wende. Damals 1996, mit 41 Jahren, hätte er auch noch gedacht, Kreuzfahrten seien nichts für ihn, sagt er. Dann kam Aida. Nach verschiedenen Stationen in der Tourismusbranche kam er 1996 zur Kreuzfahrt, war als Geschäftsführer von Arkona Reisen für die Umsetzung des Clubschiff-Konzepts zuständig.

    Heute ist er ein Überzeugungstäter. Erst vor wenigen Wochen hat er mit seiner Familie eine Kreuzfahrt in der Karibik gemacht. Entsprechend braun gebrannt sitzt er nun, gekleidet mit einem maritim-blauen Anzug, in seinem Büro und sinniert über die Branche. „Aida war das erste Produkt, das versucht hat, die Faszination Wasser mit einer trendigen Art von Urlaub zu verbinden“, sagt Vogel. Das ist 15 Jahre her. Mittlerweile hat die Flotte der Aida, die wie Costa als Tochter zum US-Kreuzfahrtkonzern Carnival Cruises gehört, acht Schiffe, vier weitere sollen bis 2016 dazukommen.

    Sie alle ziert ein roter Kussmund, das Symbol von Aida. In Halle 5 der Meyer Werft in Papenburg geht es zwar noch ziemlich laut zu. Im dunklen Overall, den gelben Schutzhelm auf dem Kopf, schweißen, hämmern und bauen Hunderte von Arbeitern an einem 252 Meter langen, weißen Riesen, der bis unter die Decke des sogenannten Baudocks 1 ragt. Doch dass dieses Schiff, das im Trockendock nur ein wenig Brackwasser umspült, einmal die Nummer 9 der Flotte, die Aida Mar, werden soll, verrät schon ebenjener rote Kussmund, der am Bug aufgemalt ist.

    Die Aida Mar wird im Mai die Attraktion sein, wenn die Stadt Hamburg mit einem großen Fest Hafengeburtstag feiert. Wie bei einer Schönheitsbehandlung sind die einzelnen, schon fertigen Teile der Decks im Moment mit riesigen Alufolien abgeklebt, damit bis zur Schiffstaufe nichts verschmiert oder kaputtgeht. Gabelstapler bringen Kisten mit neuem Material, über einen Kran schwebt ein tonnenschweres Stahlteil heran.

    Wie überdimensionale Legosteine fügen die Arbeiter die einzelnen Schiffsblöcke zusammen. Bei der Aida Mar werden es genau 78 solcher Blöcke sein – sieben, acht Decks übereinander. Darin verbaut sind am Ende 16 Millionen Einzelteile, von der Schraube bis zum Dieselmotor. In einem Kreuzfahrtschiff stecken am Ende allein 2500 Kilometer Kabel.

    Die Aida Mar hat bei Meyer die Nummer 690. Es ist das 690. Schiff aus Stahl, das die Papenburger Werft baut. Vor 25 Jahren hat sie sich auf Kreuzfahrtschiffe spezialisiert, mittlerweile machen sie 80 Prozent des Geschäfts aus. Mit 39 Prozent des weltweiten Auftragsbestands an Kreuzfahrtschiffen sind die Deutschen Marktführer. Der Boom der Kreuzfahrtschiffe ist zwar noch jung, doch die Meyer Werft hat eine lange Tradition. Im Jahr 1795 von seinen Vorfahren gegründet, führt Unternehmenschef Bernhard Meyer sie heute in der sechsten Generation. Eine deutsche Erfolgsgeschichte.

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