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DIY-Boom in Corona-Zeiten Hornbach im Yippiejaja-yippie-yippie-yeah-Modus

Quelle: dpa

Dübeln, hämmern, sägen: Die Coronakrise entfesselt die Heimwerkerleidenschaft der Deutschen und beschert dem Baumarktkonzern Hornbach rekordverdächtige Umsatzzuwächse.

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Der Balkon: generalüberholt. Der Garten: bereit für den Sommer. Die Terrasse: wieder gut in Schuss. Deutschlands Verbraucher haben die Homeoffice- und Kurzarbeitszeit in den vergangenen Monaten vielfach genutzt, um Heim und Garten auf Vordermann zu bringen. Davon haben vor allem die großen Baumarktketten profitiert. In vielen Bundesländern konnten sie trotz Coronapandemie geöffnet bleiben, da ihr Sortiment als Teil der Grundversorgung und damit als „systemrelevant“ galt. Nur Bayern, Sachsen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern hatten die Baumärkte vorübergehend schließen lassen. „Deutschland im Lockdown, aber vor den Baumärkten ging es auf einmal zu wie vor einem überfüllten Techno-Club an einem Samstag kurz nach Mitternacht“, konstatierte jüngst die „Süddeutsche Zeitung“.

Tatsächlich berichtet die Branche über teils erhebliche Umsatzzuwächse in der Coronakrise, allen voran der börsennotierte Baumarktkonzern Hornbach. Am Donnerstag und Freitag hat die Unternehmensgruppe ihre Aktionäre zu digitalen Hauptversammlungen geladen – und per Livestream aus der Konzernzentrale im pfälzischen Bornheim Einblick in das Geschäft mit Schrauben, Dübeln und Spachtelmasse gegeben. Statt Charts und Zahlen zu präsentieren, hätte der Konzern aber auch schlicht seinen Werbeohrwurm abspielen können: „Yippiejaja-yippie-yippie-yeah“!

Schon das abgelaufene Geschäftsjahr 2019/20 lief erfreulich: Der Umsatz wuchs in Deutschland flächenbereinigt um 6,5 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Das stärkste Wachstum seit 26 Jahren. Insgesamt stieg der Nettoumsatz sogar um 8,1 Prozent auf über 4,4 Milliarden Euro und im Onlinehandel um stolze 18 Prozent. „In allen neun Ländern unseres europäischen Verbreitungsgebiets verzeichneten wir sowohl einen Anstieg der Kundenzahlen als auch höhere Durchschnittsbons“, erklärte Erich Harsch, der neue Vorstandschef der Hornbach Baumarkt AG.

Im ersten Quartal – von April bis Mai – und damit in der Hauptphase der Coronakrise spielte das Unternehmen dann zur Topform auf, wenngleich auch eine Portion Glück im Spiel war, wie Harsch einräumt. 96 der europaweit 160 stationären Hornbach-Märkte blieben für private Endkunden und rund 142 Märkte für gewerbliche Kunden durchgehend geöffnet. Seit dem 6. Mai sind wieder alle Märkte offen. Und: „Der Andrang war groß“, so Harsch, der gleich drei Gründe für den Ansturm aufführt: Zum einen würden Konsumenten die Zeit zu Hause nutzen, um zum Beispiel lange aufgeschobene Reparaturen oder Heimwerkerprojekte in Wohnung und Garten anzugehen.

Zum anderen strömte eine neue große Kundengruppe in die Märkte: gewerbliche Kunden, die für ihre Kassenzonen und Läden Schutzvorrichtungen einbauen lassen, um das eigene Personal zu schützen. Das Material dafür kommt vielfach aus dem Baumarkt.

Drittens würden Profis vom Bau die Märkte verstärkt als Bezugsquelle nutzen. Die Folge: „Insgesamt konnten die hohen Umsätze der geöffneten Hornbach-Märkte und der Onlineshops die Corona-bedingten Umsatzeinbußen im Verlauf des Frühjahresquartals mehr und mehr überkompensieren.“ So stieg der Umsatz im ersten Quartal konzernweit um 18,4 Prozent auf fast 1,5 Milliarden Euro. In Deutschland konnte Hornbach um 24,4 Prozent zulegen, zugleich hat sich das Online-Geschäft mehr als verdoppelt.

Dass es in diesem Tempo auch im Rest des Jahres weitergeht, scheint wenig wahrscheinlich. Harsch dämpft die Erwartungen und plant für das Gesamtjahr 2020/21 nur mit einem Umsatz auf Vorjahreshöhe und einem bereinigten Gewinn (EBIT) leicht unter Vorjahr – bislang jedenfalls. In den nächsten Monaten werden man sehen, wie sich die Coronakrise auf die Konsumenten, die Konjunktur und die Hornbach-Gruppe auswirken wird, kündigt er an. „Sollten in der Folgezeit größere Rückschläge ausbleiben, halte ich eine Anhebung unserer Umsatz- und Ertragsprognose für immer wahrscheinlicher“.

Zumindest Experten gehen davon aus, dass sich die stürmische Entwicklung zwar abschwächt, die Branche aber tendenziell noch längere Zeit von den Coronaauswirkungen profitieren kann. „Cocooning“, also der gezielte Rückzug vom öffentlichen Leben ins Private, ist schließlich ein Trend, der sich in Krisenzeiten besonders oft beobachten lässt. Und: „Mehr Zeit daheim bedeutet nach dem Motto „Trautes Heim – Glück allein“ verstärkten Bedarf nach Verschönerung von Haus und Wohnung“, schreiben die Analysten der DZ-Bank. Ihre Schlussfolgerung: „Baumärkte sind die Profiteure der neuen Zurückgezogenheit.“

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