dm prangert Colgate an „dm war nur der Anfang: Es wird ein heißer Herbst“

Aus Protest gegen Preistricks hat die Drogeriekette dm Dentagard-Zahnpasta aus den Regalen genommen. Handelsexperte Martin Fassnacht erklärt im Interview die wahren Hintergründe der Konflikts.

Diese Produkte flogen aus den Regalen
Dentagard-ZahnpastaWeil Colgate eine versteckte Preiserhöhung durchdrücken wollte, verbannte die Drogerie-Kette dm die Zahnpasta aus den Regalen. Statt 100 Milliliter pro Tube waren nun nur noch 75 Milliliter enthalten – beim gleichbleibenden Preis von 75 Cent. dm wollte da nicht mitmachen: „Gleicher Preis bei weniger Inhalt: Da streiken wir!“ heißt es seitdem auf Schildern in den Zahnpasta-Regalen der Drogeriemarktkette. Immer wieder kommt es zum Streit zwischen Händlern und Herstellern, bei denen in der Folge Produkte ausgelistet werden. Eine Studie von Bearing Point zeigt Beispiele auf. Quelle: dpa
ViledaEdeka verbannte im August 2010 die Produkte von Vileda aus den Regalen. Der Grund: Edeka stellte Rabattforderungen an den Hersteller, die Vileda damals nicht erfüllen wollte. Quelle: Screenshot
HeinzIm August 2010 kam es zum Streit zwischen Rewe und Heinz sowie Sonnen Bassermann. Die Hersteller wollten Preiserhöhungen aufgrund von Qualitätsverbesserungen durchsetzen. Quelle: Presse
BarillaIm September 2010 verbannte Real die Produkte von Barilla und Lieken. Die Hersteller wehrten sich damals gegen Konditionsforderungen der Supermarktkette. Im März 2011 hatten beide Hersteller erneut Ärger, dieses Mal mit Lidl. Der Discounter warf Lieken fehlende Kundenorientierung vor. Quelle: Presse
StorckIm Juni 2011 listete Kaufland die Produkte von Storck ( Werther's Original, Merci, Nimm 2, Toffifee) aus, da Storck ein neues Konditionen- und Vermarktungssystem durchsetzen wollte. Quelle: Presse
P&GIm September 2011 kam es zum Streit zwischen der Coop und P&G (Welle, Lenor). Coop verlangte von P&G die Weitergabe der Währungsgewinne. Quelle: Presse
KrombacherIm Juli 2012 listete Kaufland die Biere der Brauerei Krombacher aus. Kaufland warf Krombacher ungerechtfertigte Preiserhöhungen vor. Zusätzlich forderte Kaufland Werbekostenzuschüsse. Im August 2012 hatte Krombacher den gleichen Streit mit Globus. Quelle: Presse

Herr Fassnacht, die Drogeriemarktkette dm hat gerade die Zahncrememarke Dentagard aus ihren Regalen verbannt. Stattdessen hat der Händler Schilder aufgestellt: „Gleicher Preis bei weniger Inhalt: Da streiken wir! dm.“ Warum stellt dm den Hersteller so an den Pranger?

Die Packungsgröße zu verkleinern und den Preis gleich zu lassen, ist ein Uralt-Trick der Hersteller. Statt später bei den Kunden selbst als Preistreiber dazustehen, geht dm lieber gleich in die Offensive und macht den Konflikt mit dem Hersteller publik. Der Vorteil für dm: Das Unternehmen kann sein Image als ehrlicher, preiswerter und kundenorientierter Händler betonen – und nebenher auf die Eigenmarke hinweisen.

Zur Person

Gleichzeitig riskiert dm Ärger mit dem Dentagard-Hersteller Colgate-Palmolive.

Richtig, damit hat dm schon eine deutliches Signal an die Industrie gesendet. Früher hätten vielleicht Verbraucherschutzorganisationen wie Foodwatch darauf hingewiesen, dass ein Hersteller das Preis-Leistungsverhältnis verschlechtern will, aber doch nicht der Händler. Auseinandersetzungen fanden hinter verschlossen Türen statt. Die Folge: Wenn bei Jahresgesprächen um Preise und Lieferkonditionen die Fetzen flogen, hat das kaum ein Konsument mitbekommen. Das ändert sich gerade. Das zeigt übrigens nicht nur der Konflikt zwischen dm und Colgate.

Welche anderen Auseinandersetzungen gibt es?

Zuletzt sorgte der SB-Warenhausbetreiber Real für Schlagzeilen. Nach einem Streit über Lieferkonditionen hatten zahlreiche Markenhersteller die Belieferung eingestellt. Auch zwischen Lidl und CocaCola und zwischen Edeka und Beiersdorf soll es laut Presseberichten Auseinandersetzungen gegeben haben. Das sind zwar alles Einzelfälle, aber der Ton zwischen Handel und Industrie ist in den vergangenen Jahren deutlich rauer geworden.

Woran liegt das?

Ich sehe eine Reihe von Gründen, die dazu beitragen, eine Konfrontationshaltung zwischen Handel und Industrie zu erzeugen, die eigentlich gar nicht nötig ist. Zum einen sind die Händler selbstbewusster geworden – selbst gegenüber internationalen Markenherstellern. Der deutsche Lebensmittelmarkt konzentriert sich auf wenige große Händler, die mit ihrer geballten Nachfragemacht erheblichen Druck auf die Hersteller ausüben können. Gleichzeitig ist der Wettbewerb zwischen den Handelsunternehmen weiter gestiegen – die Konzerne schenken sich nichts und verhandeln entsprechend hart mit ihren Lieferanten. Zusätzlich spielt eine Entwicklung mit hinein, die man als „Aldi-Effekt“ umschreiben könnte.

Die erfolgreichsten Handelsmarken in Deutschland

Was meinen Sie damit?

Aldi nimmt sowohl bei Lebensmitteln als auch bei Drogerieartikeln seit geraumer Zeit immer mehr Markenprodukte ins Sortiment auf. Das sorgt bei den klassischen Supermärkten und Discountern aber auch bei den Drogerieketten für Nervosität. Einzelne Wettbewerber reagieren mit Preisaktionen und verkaufen Markenprodukte zu besonders günstigen Preisen. Andere Konkurrenten versuchen mit den Herstellern nach zu verhandeln, um im Preiswettbewerb mit Aldi bestehen zu können. All das sorgt für zusätzlichen Zündstoff zwischen Handel und Industrie.

Im Herbst starten bei vielen Händlern die so genannten Jahresgespräche, bei denen die Preise und Lieferkonditionen mit den Herstellern neu verhandelt werden. Was erwarten Sie in diesem Jahr?

dm war womöglich nur der Anfang: Es wird ein heißer Herbst.

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