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Doch nicht nur „faire“ Bananen Wie Fairtrade trotz Lidls Bananen-Flop weiter wachsen soll

Lidl sagt, der Discounter würde mit der fairen Banane kaum Gewinne machen. Der Kunde wolle die billige Banane. Quelle: imago images

Der Discounter Lidl hat seine Pläne aufgegeben, nur noch fair gehandelte Bananen zu verkaufen, weil die Kunden nicht genug Interesse zeigen. Die Organisation Transfair rechnet trotzdem mit neuen Umsatzrekorden. Sie meint: „daran ändert die Lidl-Entscheidung nichts“.

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Rohrzucker und Orangensaft, Kaffeepads, Kokosmilch und ein Glas veganer Honig stehen sorgsam drapiert auf einem Regal in der Kölner Transfair-Zentrale. Schräg gegenüber, an einer Wand aus Glasbausteinen prangt ein Plakat der Organisation, die Händlern und Produzenten gegen Lizenzgebühren das Recht einräumt, das „Fairtrade“-Logo zu nutzen. Sie will damit helfen, dass Bauern aus Afrika, Asien und Lateinamerika für ihre Erzeugnisse ein faires Einkommen erhalten. „Neun von zehn Bananen sind wirklich nichts für Kinder“, steht in großen Lettern auf dem Plakat. Und klein darunter: „In Deutschland ist nur jede zehnte Banane fair gehandelt. Ändere das unfaire Verhältnis und sag uns, welcher Supermarkt sein Sortiment auf 100 Prozent Fairtrade-Bananen umstellen soll“. Seit einigen Tagen ist zumindest klar, welches Unternehmen es nicht tun wird: Lidl.

Überraschend hatte der Discounter Ende vergangener Woche ein großangelegtes Experiment gestoppt, das erst im Herbst gestartet worden war. Damals hatte Lidl angekündigt, als erster Einzelhändler in Deutschland nur noch fair produzierte Bananen zu verkaufen und erhielt dafür sogar Lob von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Der pries den Discounter als „Vorreiter in Deutschland“ und tourte werbewirksam durch Lidl-Filialen.

Doch noch bevor die Bananen-Pläne komplett umgesetzt wurden, kassierte Klaus Gehrig, Chef der Lidl-Mutter Schwarz-Gruppe, sie wieder: „Der Kunde kauft anders ein, als er redet“, sagte Gehrig. Mit der fairen Banane würde Lidl kaum Gewinne machen. Rund 90-Prozent des Umsatzes würde noch immer über die konventionelle Frucht erwirtschaftet. Der Kunde, daran bestehe für ihn kein Zweifel, wolle die billige Banane.

In der Kölner Transfair-Zentrale ist man davon wenig begeistert. „Wir hätten uns natürlich eine andere Entscheidung gewünscht“, sagt Vorständin Claudia Brück gegenüber der WirtschaftsWoche. „Aber positiv gesehen: Unsere Bananen wurden nicht ausgelistet.“ Lidl habe klargestellt, dass es Fairtrade-Bananen aus konventionellem Anbau ab Sommer in jeder Filiale geben wird. „Nur soll es daneben leider weiterhin auch Bananen zum Preiseinstieg geben, bei denen die Produktionsbedingungen, nicht unbedingt unseren Standards entsprechen“, so Brück. „Das war anders geplant.“

Der Vorgang zeigt für Brück ein Grunddilemma im deutschen Markt: „Der Handel und die Verbraucher sind in Deutschland zu stark auf den Preis fixiert“. Die Kunden seien jahrelang auf den niedrigen Preis als zentrales Einkaufskriterium konditioniert worden. „Dass etwas nicht stimmen kann, wenn ein Kilo heimischer Äpfel teurer ist, als ein Kilo Bananen, das um den halben Erdball verschifft wurde, gerät dabei leider aus dem Blick.“

Die wirtschaftlichen Folgen von Lidls Strategiewechsel dürften für Transfair indes überschaubar bleiben. Erst Mitte Mai hatte die Organisation neue Rekordzahlen vorgelegt. Auf rund 5000 Waren prangt demnach bereits das Fairtrade-Siegel. Besonders stark gestiegen sei der Absatz von Kakao, der nach fairen Standards gehandelt wurde: Kunden kauften nach Angaben des Siegel-Anbieters 55.000 Tonnen, 48 Prozent mehr als 2017. Der Kaffee-Absatz stieg um elf Prozent auf 20.000 Tonnen. Und 92.000 fair gehandelte Bananen gingen 2018 über die Ladentheken, sechs Prozent mehr als 2017. Sie waren laut Transfair die mit Abstand beliebteste Südfrucht – und dürften es auch 2019 bleiben. Die Lidl-Entscheidung „bremst unser Wachstum zwar etwas ab“, sagt Brück, „wir rechnen aber auch im Bananengeschäft weiter mit einem Umsatzplus für 2019.“

Bereits in den vergangenen Jahren verzeichnet Transfair zweistellige Zuwachsraten. 2018 gaben deutsche Kunden 1,6 Milliarden Euro für fair gehandelte Produkte aus – rund 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Trotzdem sieht Brück noch „viel Luft nach oben“. So gab jeder Deutsche im vergangenen Jahr im Schnitt 19 Euro für Produkte mit „Fairtrade“-Siegel aus. „In Österreich sind es 38 Euro, in der Schweiz umgerechnet sogar 82 Euro.“

Der Hintergrund: In der Schweiz konnten die dortige Fairtrade-Partnerorganisation sehr früh Verträge mit den wichtigsten Lebensmittelhändlern Coop und Migros schließen und so für viele Produkte einen Stammplatz im Supermarktregal erobern. In Deutschland war die Handelsstruktur dagegen lange Zeit viel fragmentierter. „In Fahrt kam die Entwicklung hierzulande erst, als verschiedene Supermarkt- und Discountketten begannen, ihre Eigenmarken auf Fairtrade-Ware umzustellen“, sagt Brück. Seit Anfang des Jahres verkauft etwa Aldi Fairtrade-Rosen. „Das gibt uns einen zusätzlichen Schub im Pflanzenbereich“. Auch der Kaffee, Kakao und Textilabsatz entwickele sich gut. „Spätestens 2020 werden wir die Umsatzmarke von zwei Milliarden Euro knacken“, zeigt sich die Transfair-Managerin überzeugt. „Daran ändert die Lidl-Entscheidung nichts.“

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