Drogeriemarktkette Die Schlacht um Schlecker

Schlecker ist am Ende. Die Kundschaft lief in Scharen zu dm und Rossmann über - und selbst das Privatvermögen aufgebraucht. Wie ist der Konzern zu retten?

Schlecker einkaufen Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche

Die Sichtung des Drogerie-Phantoms begab sich im Herbst 2004. Selten hatte sich Anton Schlecker, Gründer und Inhaber der gleichnamigen Drogeriekette, zuvor gegenüber Journalisten geäußert. Doch an jenem Tag wollte er Recherchen der WirtschaftsWoche entgegentreten, sein Konzern geriete immer stärker unter den Druck der Rivalen – und gewährte Einlass in sein Reich. „Die Konkurrenz wird auch nicht mehr so stark wachsen“, gab sich Schlecker damals überzeugt. Sein Unternehmen? „Das Konzept stimmt, es muss nur weiter verfeinert werden“, befand der Drogeriefürst und deutete voller Stolz auf eine Karikatur an der holzgetäfelten Wand des Besprechungsraums: Anton Schlecker als strahlender Gondoliere, seine Frau als Galionsfigur am Bug der schönsten und größten Gondel. Dahinter paddeln Schleckers Rivalen, dm-Gründer Götz Werner und Dirk Roßmann. „Bis die anderen Schlecker überholt haben, gibt es mich nicht mehr“, sagte der Drogeriekönig.

Schleckers Rivalen im Kampf um die Kunden
In Deutschland teilen sich im Wesentlichen vier große Ketten den Drogeriemarkt. Hinter jeder steht eine starke Unternehmerpersönlichkeit. Anstoß für die Gründung der Drogerieketten war die Aufhebung der Preisbindung für Drogerieprodukte 1973. Die wichtigsten Daten und Fakten zu den Marktführern.
Das Unternehmen Müller ist mit 2,265 Mrd. Euro Jahresumsatz die kleinste unter den vier größten Drogeriemarktketten. In bundesweit fast 500 Geschäften bietet Müller - anders als seine drei größeren Konkurrenten - auch Schreib- und Spielwaren sowie Haushaltsartikel an. Der Durchschnittsumsatz pro Filiale ist mit 4,86 Mio. Euro der höchste unter den großen Vier. Der Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche liegt bei Müller bei fast 4.000 Euro.
Insgesamt hat Müller fast rund 150.000 Artikel im Sortiment. Kleinkaufhäuser galten eigentlich seit den 70er-Jahren als unrentabel. Und das Konzept hat nicht nur in Deutschland Erfolg, sondern auch im Ausland: Dort ist die Kette in sechs Staaten mit über 120 Filialen aktiv.
Erwin Müller ist Gründer und Geschäftsführer der Drogeriemarktkette Müller, die aus der Keimzelle eines Friseur-Geschäfts hervorging. Die erste Filiale öffnete 1973. Er ist Arbeitgeber von 25.000 Beschäftigten.
Rossmann konnte seine Erlöse im Jahr 2011 um 10,5 Prozent auf 5,12 Milliarden Euro steigern. Für das Jahr 2012 wird ein Gesamtumsatz von 5,6 Milliarden Euro erwartet. Der Durchschnittsumsatz pro Filiale liegt bei über zwei Millionen Euro.
Zentraler Logistik-Standort ist Landsberg bei Halle/Saale. Nach Polen, Tschechien, Ungarn und Albanien hat sich Rossmann mit der Türkei in den fünften ausländischen Staat vorgewagt. In dem Land mit 72 Millionen Verbrauchern sieht das Unternehmen gewaltiges Potenzial. Nachdem die Milliardengrenze beim Auslandsumsatz mit 992 Millionen Euro 2009 knapp nicht überschritten werden konnte, ist das im Jahr 2010 mit 1,184 Milliarden Euro gelungen. Rossmann hat seit Anfang 2011 mehr als 820 Drogeriemärkte im Ausland.
Gründer Dirk Roßmann stammt aus einer Drogistenfamilie. Seine Ladenkette rief er 1972 ins Leben. Heute beschäftigt über 30.000 Menschen.
Mit 6,17 Milliarden Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2010/11 ist die Dm-Gruppe seit über einem Jahr nach Umsatz die Nummer eins in Deutschland. Gelistet sind 12.500 Artikel. Die Zahl der Filialen stieg auf 1256. Gut 25.000 Menschen arbeiten in den DM-Märkten in Deutschland, insgesamt sind rund 39.000 Menschen für das Unternehmen aktiv.
Im Ausland ist Dm schon seit 1976 aktiv, als Filialen in Österreich eröffneten. Von den vier großen Ketten war sie damit die erste, die international expandierte. Heute hat das Unternehmen mehr Filialen im Ausland als im Inland, der Schwerpunkt liegt in Südosteuropa. Der internationale Umsatz, der in insgesamt zehn Ländern erwirtschaftet wurde, liegt bei mehr als 6 Milliarden Euro.
Gründer Götz Werner eröffnete seine erste Filiale 1973 in Karlsruhe. Als bekennender Anthroposoph legte Werner, der im Mai 2008 aus der Geschäftsführung ausschied, aber weiterhin Dm-Gesellschafter ist, seit den 90er-Jahren viel Wert auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter. Anders als seine Konkurrenten blieb Dm von harscher Gewerkschaftskritik bisher meist verschont. Seit 2002 gibt es einen Betriebsrat sowie einen mitbestimmten Aufsichtsrat. Das Unternehmen beschäftigte zuletzt insgesamt mehr als 36.000 Mitarbeiter. Quelle: AP
Nach Filialen in Deutschland gemessen war die Nummer eins unter den Drogisten mit weitem Abstand lange Schlecker. Rund 8700 Geschäfte gab es mal hierzulande. Über Umsätze und Erlöse ist nichts Sicheres bekannt. Die Kette aus Ehingen an der Donau selbst war lange Zeit sehr zugeknöpft und kommunizierte nicht mit der Öffentlichkeit. Sie büßt seit längerem Marktanteile ein und hat bei Vertrauen und Image an Boden verloren. Im Vergleich zu den Konkurrenten ist der Durchschnittsumsatz pro Filiale sehr klein und auch die Produktivität pro Quadratmeter Verkaufsfläche ist gerade mal halb so groß.
Die Expansion ins Ausland begann Schlecker 1987. Zwar ist sie seit 2004/05 auch in Polen, Tschechien und Ungarn präsent, anders als die Rivalen aber auf West- statt auf Osteuropa fokussiert. Für das Jahr 2007 gibt die Kette, die sich als "europäischer Marktführer der Drogerie-Branche" betrachtet, die Zahl ihrer Filialen mit "mehr als 14.155" an, gut 3100 davon befinden sich ihr zufolge heute im Ausland.
Anton Schlecker gründete die Kette 1975 und ist heute noch Alleineigentümer. In die vorderste Reihe des Unternehmens stehen inzwischen aber seine Kinder, Lars und Meike. Anton Schleckers Aufstieg vom jüngsten Metzgermeister der Bundesrepublik Mitte der 60er Jahre bis zum Eigentümer des Drogeriemarktimperiums ist einmalig. Als er 1965 mit 21 Jahren in das von seinem Vater gegründete Unternehmen einstieg, bestand es aus einer Fleischwarenfabrik und 17 Metzgerei-Filialen mit einem Jahresumsatz von 7,2 Mio. Euro - 34 Jahre später hat er sich vertausendfacht. An seinem Erfolg - und nur daran - will der als knallharter Geschäftsmann geltende schwäbische Unternehmer und Arbeitgeber von mittlerweile 49.200 Menschen gemessen werden. In der Öffentlichkeit tritt er kaum auf, selbst heimische Politiker und Wirtschaftsvertreter betonen: "Persönliche Kontakte zu Anton Schlecker gibt es nicht."

Sieben Jahre sind seit der denkwürdigen Begegnung vergangen. Eigentlich reichlich Zeit, um umzusteuern. Doch Schlecker verpasste die Chance. Heute liegt der Konzern in Trümmern. Dem Gondoliere droht der Untergang – und seine Kinder Lars und Meike müssen um ihr Erbe kämpfen.

Pleite nach Plan

Tief hat sich die Krise seit den ersten Signalen 2004 in den Konzern gefressen, zu unwirtlich wirken die Filialen, zu unbeliebt ist die Kette bei den Kunden. Trotzdem: Spielen Gläubiger und Gewerkschaften mit, scheint eine Rettung des einstigen Drogerie-Dominators zumindest in Teilen möglich. Sie wird den Konzern aber von Grund auf verändern. Denn damit eine Sanierung gelingt, muss der Insolvenzverwalter die Filialzahl eindampfen und Tausende Beschäftigte entlassen. Verbleibende Läden müssen modernisiert und das Sortiment neu ausgerichtet werden. Um das zu finanzieren, ist der Einstieg von Investoren nötig. Auch der Verkauf von Auslandstöchtern kommt in Betracht. Am Ende stellt sich gar die Frage, ob auf den Filialen noch der Name Schlecker prangen soll.

Diagramm: Die große Umverteilung

Würde die Familie bei einem solch radikalen Umbau mitziehen? „Schlecker hat gar keine Wahl“, sagt ein Insolvenzverwalter aus Süddeutschland. Zwar taucht der frühere Metzgermeister noch auf den Reichenlisten der Wirtschaftsblätter auf. Sein angebliches Privatvermögen von mehr als zwei Milliarden Euro dürfte in Wahrheit aber eher eine Fantasiebewertung seines Drogerieimperiums sein – zu einem Preis, den schon seit Jahren niemand bereit war zu zahlen. Zudem haftet Schlecker als Einzelkaufmann für die Schulden seines Konzerns. Um welche Summen es geht, ist fraglich und hängt auch von den konzerninternen Verträgen mit Tochterunternehmen ab. Klar ist aber: Nebst einer Kollektion bunter Versace-Hemden und schneller Autos hat der Patron – ganz Schwabe – nur vergleichsweise wenig irdischen Zierrat angehäuft. Von schnittigen Yachten oder üppigem Grundbesitz ist nichts bekannt. Schleckers Geld stecke großteils in seiner Firma, glauben Unternehmenskenner.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%