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Drogeriemarktkette Die Schlacht um Schlecker

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Expansion wie im Rausch

Diagramm: Finaler Vierkampf

Auf mindestens 40 Millionen Euro taxiert ein Schlecker-Betriebsrat die monatlichen Personalkosten für die rund 30 000 Mitarbeiter in Deutschland. Für drei Monate übernimmt die Bundesagentur für Arbeit die Zahlungen, wodurch der Konzern nach vorsichtiger Kalkulation mehr als 120 Millionen Euro spart. Die Arbeitsagentur – und damit die Allgemeinheit – steigt so zu einem der größten Gläubiger im Schlecker-Verfahren auf. Wenn am Ende fünf bis zehn Prozent der Schulden getilgt würden, wäre das laut Insolvenzrechtlern schon viel. Lohnt der Einsatz also überhaupt?

Auf den ersten Blick ist das Schlecker-Desaster kaum reparabel. Das Gros der deutschen Läden ist in kläglicher Verfassung. Der Wormser Handelsexperte Jörg Funder beschreibt Schlecker als ein „Hart-Discount-Konzept an geringwertigeren Standorten“. Gemeint sind verwinkelte Filialen, in denen oft eine einzelne Verkäuferin den Laden schmeißt. In der Kundengunst rangiert Schlecker aber nicht nur wegen des Ladenflairs weit hinter dm und Rossmann. Der Ruf ist nachhaltig ruiniert. „Endlich trifft es mal einen, der es wirklich verdient hat“, kommentierte ein Leser auf wiwo.de. Schleckers Insolvenzantrag sei „die beste Nachricht des Tages“. Der Zorn richtete sich vor allem gegen den Inhaber.

Familie Schlecker Quelle: dapd

Denn Anton Schlecker gilt noch immer als Prototyp des bösen Kapitalisten. 1965 hatte er mit 21 Jahren in der familieneigenen Fleischwarenfabrik angeheuert, zu der damals 17 Metzgereifilialen gehörten. Zehn Jahre später erkannte er, dass sich mit Creme und Shampoo mehr verdienen lässt als mit Schinken und Wurst. Schlecker stieg in den Drogeriemarkt ein und expandierte wie im Rausch.

Ärger mit den Arbeitnehmern

Gleichzeitig wuchs der Ärger mit Arbeitnehmervertretern. Dass Schlecker bei einer der wöchentlichen Filialvisiten aus der Rolle fiel und eine Betriebsrätin als „blöde Kuh“ tituliert haben soll, gehört zu den harmloseren Anekdoten. 1998 wurde er zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt, weil er Beschäftigten vorgegaukelt hatte, sie würden nach Tarif bezahlt.

Gut zehn Jahre später sorgte Schlecker wieder für Schlagzeilen: Er ließ Mitarbeiter über eine konzerneigene Leiharbeitsfirma zu Niedriglöhnen beschäftigen. Obwohl die Praxis nach öffentlichen Protesten wieder abgestellt wurde und Schlecker einen Tarifvertrag abschloss, gilt die Kette seither als Symbol für Dumping und Ausbeutung. Damit „hat Schlecker sich den Namen auf Jahre, wenn nicht auf Jahrzehnte, versaut“, sagt Jochen Rädeker. Der Präsident des Art Directors Club für Deutschland empfiehlt bei einem Neustart daher gar einen Namenswechsel.

Wie tief die Abneigung gegen den Seifenkönig a. D. sitzt, hat auch der Nürnberger Marktforscher GfK ermittelt: Schlecker hat in den vergangenen fünf Jahren rund sechs Millionen Kunden verloren, geht aus einer bisher unveröffentlichten GfK-Studie hervor. „Allein 2011 wanderten rund zwei Millionen Kunden ab“, sagt GfK-Handelsexperte Wolfgang Adlwarth.

Rund 40 Prozent von Schleckers „verlorenen Umsätzen“ landeten laut GfK bei Drogeriemärkten wie dm oder Rossmann. „Aber auch Supermärkte und Lebensmitteldiscounter konnten profitieren“, so Adlwarth. Verantwortlich für den Exodus seien vor allem die zahlreichen Schließungen von Läden und das schlechte Image. Vor einigen Jahren hätten noch 60 Prozent aller deutschen Haushalte mindestens einmal im Jahr bei Schlecker eingekauft, heute seien es nur noch 43 Prozent.

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