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Drogeriemarktkette Die Schlacht um Schlecker

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Massenweise Kundenflucht

Baumarktkette Max Bahr wird zerschlagen
Max BahrDie zahlungsunfähige Pratiker-Tochter Max Bahr wird zerschlagen. Die Übernahme von 73 Märkten durch die Dortmunder Hellweg-Gruppe ist am 15. November offiziell gescheitert. Insolvenzverwalter Jens-Sören Schröder sagte, es sei nicht gelungen, sich mit der ebenfalls insolventen Hauptvermieterin Moor Park MB über die Mietverhältnisse zu einigen. Moor Park vermietet 66 der 73 Standorte, die das Konsortium um Hellweg übernehmen wollte. Damit bleibt von dem ehemaligen Praktiker-Konzern nichts übrig. Die Kette umfasste einmal 315 Märkte und beschäftigte rund 15.000 Mitarbeiter. Die meisten Standorte sind bereits geräumt oder im Ausverkauf und sollen einzeln verwertet werden. Auch die Max-Bahr-Märkte werden nun ausverkauft. Quelle: dpa
PraktikerDie Baumarktkette hat am 11. Juli beim Amtsgericht Hamburg offiziell Gläubigerschutz beantragt. Gespräche über die weitere Finanzierung des Sanierungspakets sind am 10. Juli 2013 gescheitert. Damit ist Praktiker nicht nur überschuldet, sondern auch zahlungsunfähig. Praktiker hätte nach eigenen Angaben frisches Geld gebraucht - rund 30 bis 35 Millionen Euro - nachdem der fest eingeplante Verkauf der drei luxemburgischen Batiself-Baumärkte nach einem Rückzieher des Käufers gescheitert war. Fortwährende Rabattaktionen ("20 Prozent auf alles") brachten den Konzern 2011 an den Rande des Ruins. Es folgt die Sanierung, die vorsah, Praktiker-Märkte auf die Schwestermarke Max Bahr umzustellen. 2012 setzte Praktiker mit seinen 430 Märkten rund drei Milliarden Euro um, das reichte jedoch nicht, um die entstandenen Schulden zu tilgen. 18.000 Mitarbeiter bangen nun um ihre Zukunft. Quelle: dpa
Neckermann Es ist der dritte Pflegefall aus dem Arcandor-Nachlass. 2010 kaufte der amerikanische Finanzinvestor Sun Capital den Versandhändler und strukturiert kräftig um. Das Geschäft mit gedruckten Katalogen wurde eingestampft. 1.400 der 2.500 Stellen in Deutschland fallen dem zum Opfer. Die Mitarbeiter fordern Abfindungen; die Konzernspitze beklagt, dazu fehle das Geld. Nun hat sich Verdi und das Management über den weiteren Abbau von 1380 Arbeitsplätze nicht einigen können. Sun Capital werde keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen, teilte das Unternehmen mit. Damit ist das Unternehmen pleite. Quelle: dpa
Schlecker Ende Februar 2012 meldete der Branchenprimus der Drogeriemärkte Insolvenz an. Bereits im Geschäftsjahr 2010 war der europaweite Umsatz von Schlecker um 650 Millionen Euro auf 6,55 Milliarden Euro gesunken. Auch 2011 wurden sinkende Erlöse erwartet, Zahlen zum Gewinn oder Verlust nannte Schlecker traditionell nicht. Die Mitarbeiterzahl lag Ende 2011 bei über 30.000 in Deutschland und weiteren rund 17.000 im Ausland. Da sich bis Anfang Juni 2012 kein Investor für Schlecker gefunden hatte, musste Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz das endgültige Aus der Drogeriemarkkette verkünden. Die Pleite der Drogeriekette hat nun ein juristisches Nachspiel: Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen Anton Schlecker und 13 weitere Beschuldigte eingeleitet. Es geht um den Verdacht der Untreue, Insolvenzverschleppung und des Bankrotts. Quelle: dapd
KarstadtDer Handels- und Touristikkonzern Arcandor - Hauptaktionäre waren die Privatbank Sal. Oppenheim und die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz - rutscht 2009 in die Pleite. Der Geschäftsbereich Warenhaus mit den Karstadt-Häusern geht für fünf Millionen Euro im Juni 2010 an die Holding des deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen und ist damit vorerst gerettet. Bis 2016 - so Pläne von Dezember 2011, die der WirtschaftsWoche vorliegen - soll der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bis 2016 rund 272 Millionen Euro betragen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 lag der Umsatz bei 3,228 Milliarden Euro. Karstadt schrieb einen ansehnlichen operativen Gewinn (Ebitda) von 103 Millionen Euro. Am 16. Juli gab Karstadt bekannt, 2000 Stellen streichen zu müssen. Quelle: REUTERS
QuelleDas zweite Opfer der Arcandor-Pleite: Von den 50ern bis in die 1990er Jahre stand Quelle als Synonym für den deutschen Versandhandel. Im Juni 2009 kam das Aus. Kein Investor wollte das Versandhaus, das bereits seit 1999 zum Karstadt-Konzern gehörte. Seit August 2011 können Quelle-Fans unter www.quelle.de bei einer Tochter des Otto-Versands bestellen. Die Marke Quelle lebt nur noch im Internet weiter. Quelle: AP
Ein Mann betritt einen IhrPlatz Drogeriemarkt Quelle: dpa

Der Exodus hat Folgen. Zwar sind die Geldströme im Konzern so transparent wie Rasierschaum. Marktexperten, die sich an eine Umsatzschätzung wagen, gehen aber davon aus, dass 2011 nur 3,8 bis 4,0 Milliarden Euro in die Kassen der deutschen Läden flossen. 2005 sollen es noch 5,5 Milliarden Euro gewesen sein.

Zumindest der Umsatzeinbruch der vergangenen beiden Jahre resultiert vor allem aus Schließungen unrentabler Filialen.

Kundenflucht Schlecker Quelle: REUTERS

100-fach erhielten Vermieter auch in den vergangenen Monaten Kündigungen ihrer Verträge. So wie Marlies Warmhoff (Name geändert): Mehr als 15 Jahre lang hatte die Rentnerin das Ladenlokal im Erdgeschoss ihres Mehrfamilienhauses in einem 3000-Einwohner-Dorf an Schlecker vermietet. Nach einigen Telefonaten einigen sich Warmhoff und eine Schlecker-Mitarbeiterin Mitte Dezember mündlich auf eine vorgezogene Auflösung des Mietvertrags zum 31. Dezember und auf die Zahlung einer Ablösesumme am Jahresende. Doch am 30. Dezember hatte sich die Lage offenbar dramatisch verschlechtert. Warmhoff wurde mitgeteilt, dass die Ablösesumme erst Ende Mai bezahlt werden könne. Die Vermieterin bestand nun auf den monatlichen Mietzahlungen – und bekam eine überraschende Antwort: Im Januar und Februar würden ohnehin keine Mieten gezahlt, weil kein Geld da sei.

Betriebsbedingte Kündigungen kein Tabu

Demnächst könnte etlichen weiteren Vermietern ähnlicher Ärger drohen. Noch immer betreibt Schlecker zu viele Standorte, die Verluste schreiben. Mittelfristig hätten in Deutschland allenfalls 2000 der knapp 7500 Schlecker- und Ihr-Platz-Märkte eine Chance, sagt Handelsexperte Funder. Im Insolvenzverfahren fällt die Trennung leichter, Mietverträge können mit einer Drei-Monats-Frist gekündigt werden. Auch Entlassungen von Mitarbeitern sind leichter durchsetzbar. Entsprechend hart dürften die Schnitte von Insolvenzverwalter Geiwitz ausfallen. Entlassungen stehen wohl aber nicht nur in den Filialen an. Weniger Läden bedeuten zugleich, dass die Logistik und Lagerhaltung nicht ausgelastet ist. Auch hier könnte Geiwitz ansetzen.

Funktionäre der Gewerkschaft Verdi loten intern bereits aus, welche Zugeständnisse möglich sind. Absehbar scheinen längere Arbeitszeiten sowie ein Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld. Auch betriebsbedingte Kündigungen seien kein Tabu, heißt es in Gewerkschaftskreisen.

Dies kann indes nur der Anfang eines grundlegenden Umbaus sein. Als „Schneiden und Wachsen“ hatten die Schlecker-Geschwister schon 2011 ein Runderneuerungsprogramm umschrieben, bei dem die Filialen aufgemöbelt werden sollten. Tatsächlich wirken die neu gestalteten Läden geräumiger und heller. Bunte Piktogramme lotsen die Kundschaft durch das Sortiment. Zudem bekamen die Filialen ein Softwareanalysetool, das alle relevanten Verkaufsdaten analysiert. Werden an einem Standort etwa viele Windeln verkauft, wird das Kleinkindsortiment aufgestockt. Ist ein Altenheim in der Nähe, landen mehr Gebissreiniger in den Regalen.

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