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Dubiose Amazon-Pakete Nicht bestellt und doch geliefert

Amazon Pakete Quelle: imago

Es ist ein Phänomen, das einige deutsche Verbraucher ratlos macht: Ihnen werden kostenlos Amazon-Pakete geliefert, die sie gar nicht bestellt haben. Was hinter den dubiosen Lieferungen des Online-Riesen steckt.

In der neuesten Weihnachtswerbung von Amazon singen Pakete des Onlineriesen „Can you feel it“ von den Jacksons. An den talentierten Kartons erfreuen sich Kinder und Erwachsene gleichermaßen – zumindest stellt Amazon das im Werbespot gerne so dar. Tatsächlich können sich aber auch ganz andere Gefühle einstellen, denn dass eben solche Pakete auch zu einer wahren Plage werden können, zeigen Beiträge in diversen Online-Foren. Dort rätseln Nutzer über zahlreiche dubiose Pakete von Amazon, die sie gar nicht bestellt haben. Manche machen sich gar Sorgen, dass Ihr Kundenkonto gehackt wurde. Einer dieser Nutzer ist Bernd Jaeger.

Jaeger arbeitet im Home-Office. Wenn der Postbote bei ihm klingelt, ist er meistens zu Hause. Nicht unwichtig, denn Pakete bekommt Jaeger häufig, vor allem von Tech-Firmen. Die schicken ihm Produkte zu, damit Jaeger sie im Internet vorstellen oder neudeutsch „reviewen“ kann. Er ist Blogger und hat einen YouTube-Kanal mit mehr als 12.000 Abonnenten. Für die Unternehmen offenbar keine schlechte Öffentlichkeitsarbeit. Lautsprecher, Mikrofone oder Schreibtischstühle – Jaeger testet allerlei Produkte für seine Leser und Zuschauer.

Unter die Sendungen diverser Gadgets für seinen Blog mischten sich jedoch im vergangenen Jahr Pakete, die Jaeger nicht bestellt hatte, die ihn aber ziemlich stutzig machten. Denn normalerweise würden Firmen vorher ankündigen, wenn sie ihm Produkte zuschicken oder sie legen zumindest ein kurzes Schreiben mit in das Paket. Doch die unbekannten Pakete hatten nichts dergleichen – kein Schreiben, keine Rechnung, keinen Absender. Nur auf den Paketen selbst entdeckte Jaeger etwas Vertrautes: das Amazon-Logo.

So viel vorweg: Von Amazon selbst stammen die Pakete nicht. Sondern von externen Händlern, die über Amazons „Marketplace“ ihre Produkte vertreiben. Amazon ist nämlich sowohl der größte Online-Händler als auch einer der größten Online-Marktplätze.

Handyhüllen, Karabinerhaken und Mausefallen kostenlos und ungefragt

Bei Jaeger begannen die unerklärlichen Lieferungen mit einer unscheinbaren Handyhülle. „Als ich das erste Paket erhalten habe, war ich noch recht unaufgeregt und habe vermutet, dass meine Frau eventuell etwas bestellt hatte“, erklärt Jaeger. „Das war aber nicht der Fall. Ich habe daraufhin erstmal mein Amazon-Konto überprüft, ob etwas bestellt wurde oder ich möglichweise gehackt wurde.“ Auch das war nicht passiert. Trotzdem folgten weitere Pakete: Eine Überwachungskamera, eine Mausefalle und Karabinerhaken.

Intensiver nachgeforscht hat Jaeger erst, als er an einem Tag gleich sechs Handyschutzhüllen in sechs verschiedenen Paketen erhielt. Er kontaktierte Amazon im Chat. Die lapidare Antwort des Kundeservice: Jaeger könne die Pakete kostenfrei zurückschicken. Die Mühe habe er sich allerdings nicht gemacht.

Stattdessen tut er, was er am besten kann: Am 27. September 2017 verfasst Jaeger einen Beitrag für seinen Blog. Er schildert seine Ratlosigkeit, die dürftige Antwort von Amazon und präsentiert Fotos von den gelieferten Produkten, die er als „China-Schrott“ bezeichnet. „Unter meinem Blogbeitrag zu dem Thema habe ich ungewöhnlich viele Kommentare von Nutzern erhalten, die ähnliche Pakete bekommen. So klein kann dieses Phänomen also nicht sein.“

Außerdem erfährt der Blogger: „Das Problem ist Amazon offenbar bestens bekannt. Mir wurde gesagt, dass nun häufiger solche unbestellten Lieferungen kommen könnten. Welche Händler dahinterstecken, wollte Amazon mir nicht sagen.“ Zumindest war Jaeger nun von offizieller Stelle vorgewarnt.

Das sagt Amazon zu den nichtbestellten Paketen

Wer die dubiosen Pakete verschickt, verrät Amazon auch auf Anfrage der WirtschaftsWoche nicht. Sondern äußert sich so: „Wir gehen jedem Hinweis von Kunden nach, die unaufgefordert ein Paket erhalten haben, da dies gegen unsere Richtlinien verstößt. Verkäufer haben in diesem Zusammenhang weder Namen noch Adressen von Amazon erhalten. Verkäufer, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, werden gesperrt, die Zahlungen werden zurückgehalten und wir leiten entsprechende rechtliche Schritte ein.“

Im konkreten Fall von Bernd Jaeger würden laut Amazon zwei verschiedene Marketplace-Händler hinter den Lieferungen stecken. Diese seien gesperrt worden. Die Folge: Ein Kopfhörerset war das vorerst letzte Paket, das Jaeger unbestellt von den Marketplace-Händlern bekam.

Amazon selbst teilt nicht mit, was die Händler mit den Lieferungen bezwecken wollen. Nicht, weil Amazon das selbst nicht weiß, sondern weil die Lieferungen durchaus geschäftsschädigend sein können und offenbar inoffiziell bleiben sollen: Zwar enthalten die Pakete meist belanglose Produkte, doch Kunden fragen sich womöglich, woher die Händler an ihre Adresse kommen oder sie sind von den Produkten schlicht genervt. Das Vertrauen in den lieben Online-Händler von nebenan mit den fröhlichen, singenden Paketen könnte verloren gehen.

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