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Einzelhandel Karstadt-Zahlen machen Mut

Ab 2016 wollen die Essener laut ihrer vertraulichen Mittelfristplanung mehr Umsatz und Gewinn erwirtschaften als Erzrivale Kaufhof. Zweifel an den Plänen aber bleiben.

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Geschäft seines Lebens: Für Eigner Nicolas Berggruen lohnt sich sein Karstadt-Investment

Auf seinem Schreibtisch steht ein silbernes Tiergerippe. Die Dinosaurier-Skulptur, sagt Andrew Jennings, Chef des Essener Warenhauskonzerns Karstadt, erinnere ihn stets daran, dass Unternehmen untergehen, die sich nicht rechtzeitig verändern und weiterentwickeln. Ob Karstadt den Wandel schafft, galt in der Branche bislang als Glaubenssache. Zwar mühte sich Jennings zu erklären, sein Unternehmen sei auf einem guten Weg. Doch Fragen nach konkreten Umsatz- und Ergebniszahlen ließ der Warenhaus-Frontmann stets unbeantwortet.

Auch im jüngsten Interview übte sich der Karstadt-Chef in bilanzieller Zurückhaltung und befand: „Wir sind eine private Gesellschaft und veröffentlichen keine Geschäftszahlen.“ Aus dem vertraulichen Karstadt-Mittelfristplan, der in Teilen der WirtschaftsWoche vorliegt, ergeben sich nun umso interessantere Einblicke in das Traditionsunternehmen, das 2010 von dem deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen aus der Insolvenz übernommen worden war.

Auf der Überholspur

Demnach lag der Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 bei 3,228 Milliarden Euro. Karstadt schrieb laut dem Papier einen ansehnlichen operativen Gewinn (Ebitda) von 103 Millionen Euro. Für Berggruen, der Karstadt inklusive Markenrechten für fünf Millionen Euro gekauft hatte, dürfte sich das Investment damit längst ausgezahlt haben.

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    Sollte sich der Mittelfristplan tatsächlich realisieren lassen, dürfte Berggruen das Geschäft seines Lebens gemacht haben. Denn in den kommenden fünf Jahren erwartet Karstadt Umsatzsteigerungen von insgesamt knapp einer halben Milliarde Euro.

    Wichtiger noch: Bis 2016 soll der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen rund 272 Millionen Euro betragen. Tut sich bis dahin nichts beim Rivalen Kaufhof, würde Karstadt dann erstmals seit Jahren mehr verdienen und einen höheren Umsatz erzielen als der Kölner Dauerkonkurrent.

    Zweifel bleiben

    Wenn für Karstadt-Chef Andrew Jennings alles nach Plan läuft, soll es 2016 zum Showdown zwischen den Dauerkonkurrenten Karstadt und Kaufhof kommen. Quelle: dpa

    Ob derlei Zahlenspiele wirklich aufgehen, ist allerdings fraglich. Die Zahlen gelten selbst unter Karstadt-Aufsichtsräten zumindest von 2013 an als „sportlich“. Und Jennings’ Versprechen, alles zu tun, „um den Kunden zu begeistern“, ist bei den Verbrauchern offenbar noch nicht wirklich angekommen. Zumindest lassen sich die Ergebnisse einer breit angelegten Studie der Düsseldorfer Unternehmensberatung OC&C so interpretieren. Demnach rangiert Kaufhof in der Publikumsgunst auf Platz 30 der 65 wichtigsten deutschen Händler, Karstadt schafft es nur auf Platz 49.

    Das Fazit der Experten fällt für beide Kaufhauskonzerne jedoch gleichermaßen skeptisch aus: „Service und Beratung oder gar ein Einkaufserlebnis finden in vielen Warenhäusern nicht mehr statt. Was ist da das Leistungsversprechen, mögen sich viele Kunden fragen.“ Selbst in Befragungskategorien wie Service – klassischerweise ein Bereich, in dem Kaufhof und Karstadt punkten sollten – ist inzwischen das Online-Warenhaus Amazon laut OC&C das Maß aller Dinge.

    Einnahmen erhofft, Ausgaben sicher

    Jenseits der strukturellen Verschiebungen ins Internet-Geschäft, könnten auch die sich abzeichnenden Konjunkturturbulenzen die Shoppinglust der Verbraucher im kommenden Jahr bremsen und so auf die Essener Wachstumspläne durchschlagen. Jennings’ Strategieprogramm, das zum Beispiel neue Designermarken in den Regalen, eine Straffung des Sortiments und eine erfolgsabhängigere Bezahlung der Mitarbeiter vorsieht, dürfte zwar umsatzbelebende Wirkung entfalten, größere Nachfrageeinbrüche aber bestenfalls abfedern.

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      Ist die Wachstumsseite der Strategie noch mit vielen Fragezeichen verbunden, herrscht auf der Kostenseite Gewissheit. So werden die Mieten, die Karstadt in den kommenden Jahren zahlen muss, von derzeit 326 Millionen Euro bis zum Jahr 2016 auf 373 Millionen Euro steigen.

      Auch der Investitionsbedarf bleibt hoch. 22 Filialen hat Jennings bisher umbauen und modernisieren lassen. Insgesamt betreibt Karstadt aber noch immer 120 Sport- und Warenhäuser, darunter zahlreiche Häuser, die eher museale Aspekte des Einkaufens betonen, als den Konsumrausch der Kundschaft zu befördern.

      Angesichts der Aufgabe mutet das Investitionsbudget mit 74 Millionen Euro für das Jahr 2012 recht übersichtlich an. Auch in den Folgejahren sind ähnliche Beträge fällig, die allesamt aus dem Cash-Flow finanziert werden sollen.

      Sanierung oder Fusionierung?

      Sanierung oder Fusion? Die Frage, welchen Weg die Manager bei Karstadt einschlagen bietet Spekulationsstoff. Quelle: dpa

      Zugleich hatte Jennings in der Vergangenheit angekündigt, das Online-Geschäft kräftig auszubauen. Doch auch hier dürfte sich ohne Millioneninvestitionen wenig bewegen. Die knappen Mittel jetzt zwischen neuem Geschäft und alten Häusern aufzuteilen dürfte zu den schwierigsten Aufgaben des Managers gehören. Zumal sein Aufsichtsratschef, der Berggruen-Vertraute Jared Bluestein, nicht gerade als spendierfreudig gilt.

      Der dritte große Kostenblock neben Mieten und Investitionen sind die Löhne der Mitarbeiter. Mitte kommenden Jahres läuft der Sanierungstarifvertrag aus. In der Folge werden die Personalkosten um rund 50 Millionen Euro jährlich steigen. Wohl auch aus diesem Grund rechnet das Management für 2012 mit einem Ergebnisrückgang um 12 auf 91 Millionen Euro, während der Umsatz moderat um 1,5 Prozent auf 3,275 Milliarden Euro steigen soll.

      "Project Zeus" unbestätigt

      Ein Karstadt-Sprecher wollte sich nicht zu den Mittelfrist-Zielen äußern. Doch läuft alles nach Plan, wäre Karstadt 2016 saniert und wieder auf Augenhöhe mit Kaufhof. Was dann passiert, hängt nicht zuletzt von den Perspektiven ab, die sich für die Metro-Tochter Kaufhof ergeben werden.

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        Im Verkaufsprozess, bei dem Berggruen Interesse für Kaufhof angemeldet hat, tauchte ein „Project Zeus“ betiteltes Papier auf, das aus dem Umfeld des Investors stammen soll und ebenfalls den Zeitraum der kommenden fünf Jahre absteckt. Demnach könnte 2016 ein fusionierter Konzern aus Karstadt und Kaufhof nach zahlreichen Filialschließungen an die Börse gehen. Ein Sprecher Berggruens betonte dagegen, das Papier sei „nicht Gegenstand konkreter Planungen“ gewesen.

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