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„Entsorgung oftmals alternativlos“ Rund 20 Millionen Retour-Artikel landeten in Deutschland 2018 im Müll

7,5 Millionen Retour-Artikel landeten 2018 im Müll Quelle: imago images

Im Netz bestellte Ware nehmen Online-Händler in der Regel unkompliziert zurück. Umso problematischer, was dann manchmal damit passiert: Häufig werden sie einfach entsorgt. Eine Forschungsgruppe hat nun Zahlen ermittelt.

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Online-Händler in Deutschland haben 2018 schätzungsweise 20 Millionen zurückgeschickte Artikel schlichtweg entsorgt. Das ermittelten Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bamberg anhand einer Umfrage unter 139 deutschen Online-Händlern. Dabei handelte es sich um Kleidung, aber auch um Elektro- und Freizeitartikel, Möbel und Haushaltswaren sowie Produkte des täglichen Bedarfs.

„Eine Entsorgung ist oftmals alternativlos“, heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Studie, da rund die Hälfte dieser Produkte nicht mehr aufbereitet werden könnte oder technisch defekt seien. Allerdings landeten allein im vergangenen Jahr auch 7,5 Millionen zurückgeschickte Artikel auf dem Müll, obwohl diese hätten gespendet oder wiederverwertet werden können. Das entspricht laut den Wirtschaftswissenschaftlern 40 Prozent der weggeworfenen Retouren. Das sei „eine unnötige Verschwendung“, kritisiert Björn Asdecker, Leiter der Forschungsgruppe.

Überraschend sind die Zahlen beim Blick auf die weiteren Ergebnisse der Forscher allerdings nicht: Die Entsorgung von Produkten kostet im Schnitt nur 85 Cent. Dadurch wäre es viel teurer, die Ware weiter zu verwerten – und noch dazu auch aufwendiger, vor allem für kleinere Händler. Sie wüssten zumeist auch nicht, wer eine Spende überhaupt gebrauchen kann und welchen Wert die Ware noch hat. Die meisten Produkte, die am Ende weggeworfen werden, kosten weniger als 15 Euro. Dementsprechend gering sei dann meistens auch die Qualität, so die Forscher.

Der Vorwurf der massenhaften Vernichtung von Neuware ist nicht neu. Bereits im vergangenen Jahr hatte die WirtschaftsWoche darüber berichtet, wie etwa der Online-Riese Amazon im großen Stil Waren vernichtet, die Kunden zurückschickten.

Konkretere Zahlen gab es bislang nicht. Branchenriesen machen aus der Zahl der versandten Pakete ebenso ein Geheimnis wie aus den Retouren. Nach Zahlen des Versandhandel-Fachverbands bevh verschickten die deutschen Online-Händler im vergangenen Jahr Waren für 58 Milliarden Euro an die Kundschaft.

Wie sich die Wegwerf-Mentalität der Online-Händler ausbremsen ließe, darüber wird immer wieder diskutiert. Das Wegwerfen von Retouren gesetzlich zu verbieten, wie es etwa Umweltschützer fordern, hat nach Einschätzung der Bamberger Forschungsgruppe keinen Sinn – zumal es kaum kontrollierbar wäre. Stattdessen schlagen die Wissenschaftler vor, Anreize zu entwickeln– zum Beispiel mit der Einführung eines „Nachhaltigkeits-Siegels“. Auch ein Verzeichnis mit Spendenempfängern könnte den Händler helfen, damit sie erfahren, welche Organisation welche Art von Gütern auch in kleinen Stückzahlen entgegennimmt.

Entsprechende Angebote im Kleinen gibt es bereits. Etwa den Verein Innatura – gegründet 2011. „Deutschlands erste Plattform, die fabrikneue Sachspenden bedarfsgerecht an gemeinnützige Organisationen vermittelt“ heißt es auf der Homepage. Das Prinzip: Soziale Einrichtungen können aus einem Onlinekatalog aus den verschiedenen gespendeten Produkten wählen. Sie zahlen fünf bis 20 Prozent des Neupreises als Vermittlungsgebühr und verwenden die Ware für den eigenen Betrieb oder geben sie kostenlos an Bedürftige weiter. Der Ansatz funktioniert, allerdings sehen sich die Initiatoren Unsicherheiten bei den Unternehmen gegenüber – etwa aus steuerlichen Gründen.

Neben strukturierten und einfach zugänglichen Spendenmöglichkeiten für die Online-Händler müsse aber auch die Entsorgung teurer werden, fordert die Bamberger Forschungsgruppe. Nur so könne der „Fehlanreiz“ beseitigt werden. Der Marktführer Amazon reagierte schon: Seit September kostet die Entsorgung nach Angaben des Unternehmens statt 10 Cent mindestens 25 Cent – genauso viel wie der Rückversand.

Aber nicht nur die Händler müssen umdenken. Rund eine Million Artikel werden laut der Studie nur entsorgt, weil es die Marken- oder Patentinhaber so vorschreiben.

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