Eric Liedtke Der Mann hinter dem Wiederaufstieg von Adidas

Vorstand Eric Liedtke hat Adidas wieder hip gemacht und Größen wie Kanye West für den Sportkonzern gewonnen. Doch nicht Liedtke wird Chef, sondern Kasper Rorsted. Droht ein Machtkampf?

Der Adidas-Chef Kasper Rorsted, Adidas-Vorstand Eric Liedtke und Rapper Kanye West. Quelle: Getty Images, Imago

Wie man neu denkt, erfuhr Eric Liedtke, als er im vergangenen Sommer die Europazentrale von Google in Zürich besuchte: „Stell dir dein Unternehmen vor wie einen unberührten Berg“, riet ihm ein Manager. „Male dir aus, was passiert, wenn es regnet.“

Adidas in Zahlen

Also hockte sich Vorstandsmitglied Liedtke hin und stellte sich Adidas, den 17 Milliarden Euro schweren Sportkonzern mit seinen 56.000 Mitarbeitern, die Firma, bei der er seit 22 Jahren arbeitet, einmal ganz anders vor: als jungfräulichen Hügel.

Dann ließ er es in Gedanken regnen. Sah, wie Tropfen die Erde formten, sich in sie prägten und erste feine Furchen bildeten. Langsam bildeten sich Flüsse aus, „und dann fließt das Wasser immer wieder genau dort entlang – so entstehen Routine und Gewohnheit“, erkannte Liedtke. Zu viel davon könne das Denken lähmen, Innovationen verhindern und für Konzerne gefährlich werden. „Genau da will ich uns herausholen“, sagt Liedtke. „Ich will unser Denken aufmischen und unsere bisherige Arbeitsweise infrage stellen.“

Seit Liedtke geht es bergauf

Liedtke geriete ganz schnell unter verschärften Phrasenverdacht – hätte er nicht schon bewiesen, dass er etwas bewegen kann: Seit der 49-jährige Amerikaner im März 2014 inmitten einer Krise als jüngstes Mitglied in den Vorstand einzog, ging es mit Adidas bergauf. Sneaker und Fußballschuhe mit den drei Streifen sind wieder angesagt, Umsatz und Gewinn auf Rekordniveau, die Aktie stellt alle anderen im Dax in den Schatten. Der zwischenzeitlich umstrittene Herbert Hainer darf sich Ende September nach 15 Jahren als Vorstandschef mit glänzenden Zahlen verabschieden.

Als Verantwortlicher für die Marken Reebok und Adidas hat Liedtke daran großen Anteil. Trotzdem bleibt ihm die Krönung der Karriere vorerst versagt. Denn nicht er folgt Hainer an der Adidas-Spitze, sondern ein Neuer. Nach acht Jahren als Chef des Konsumgüterriesen Henkel übernimmt Kasper Rorsted im Oktober den Chefposten.

Die Werbe-Stars der Sportartikel-Hersteller
Nike: LeBron JamesNike hat erstmals in seiner 44-jährigen Firmen-Geschichte einen Athleten auf Lebenszeit unter Vertrag genommen. Wie mehrere US-Medien übereinstimmend berichten, einigte sich der Sportartikelhersteller mit Basketball- Superstar LeBron James von den Cleveland Cavaliers auf eine unbegrenzte Zusammenarbeit.„Wir haben über die vergangenen zwölf Jahre ein starkes LeBron-Business aufgebaut und wir sehen das Potential, dass dies bis an sein Karriere-Ende und darüber hinaus andauert“, teilte Nike mit. Die Firma aus dem US-Bundesstaat Oregon hatte zwischen Februar 2014 und Januar 2015 James-Schuhe im Wert von 340 Millionen Dollar verkauft. Unbekannt ist bislang, wie viel der neue Vertrag dem 30-jährigen Ausnahmespieler einbringt. James hatte bereits als High School- Spieler einen Sieben-Jahres-Kontrakt mit Nike über 93 Millionen Dollar abgeschlossen. 2010 wurde der Vertrag zu höheren Konditionen verlängert. Laut ESPN soll der neue Deal den Zehn-Jahres- Schuh-Kontrakt zwischen Nike und Kevin Durant von den Oklahoma City Thunders über 300 Millionen Dollar deutlich übersteigen. Quelle: AP
Puma: RihannaWenn es darum geht, Frauen als Kundinnen für sich zu gewinnen, stehen alle Sportmarken vor derselben Herausforderung: Nur wenige Sportlerinnen sind weltweit ähnlich berühmt wie Messi oder Cristiano Ronaldo. Darum fahndete Puma lange nach der Superfrau. Jetzt hat der Sportausrüster sie offenbar gefunden: Die Popsängerin Rihanna soll für Puma neue weibliche Kundschaft ködern. Die 26-jährige Sängerin aus Barbados wird im Januar Markenbotschafterin und Chefdesignerin der Frauenfitness-Kollektion.  Die Sängerin mixt R&B mit Elementen aus der karibischen Musik und Dance Pop. Zu Ehren von Rihanna wurde auf Barbados der 21. Februar zum Feiertag erkoren, der sogenannte „Rihanna Day“. Quelle: REUTERS
Puma: MadonnaDer erste weltweite Mega-Star, der maßgeblich daran beteiligt war, die fast untergegangene Sportmarke zu neuem Leben zu erwecken, war Madonna. Die Pop-Ikone aus New York, damals auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit, ließ sich 2002 das Puma-Modell Mostro besorgen und trug den Treter anschließend ausgiebig über die Bühnen der Welt. Der Schuh ist ein Hybrid, eine Mischung aus einem Sprintspike aus dem Jahr 1968 und einem Surfschuh aus den 80er Jahren. Das schlug ein: der Mostro verkaufte sich in unterschiedlichen Varianten wie geschnitten Brot begründete zusammen mit dem Autorennfahrer-Latschen „Speed Cat“ fast im Alleingang Pumas Comeback – und zugleich die starke Ausrichtung der Marke in Richtung Mode und Design. Quelle: AP
Puma: Jil SanderDoch bevor Puma für Stars wie Madonna akzeptabel wurde, brauchte es den Ritterschlag der „Queen of Less“ – um 1998 herum, heißt es in Franken, sei die Hamburger  Mode-Designerin Jil Sander auf die Sportmarke zugekommen mit der Idee, schicke aber tragbare sportliche Schuhe unter anderem für den Einsatz auf dem Laufsteg zu entwerfen. In der Folge seien Models durch die engen Flure des alten Puma-Hauptquartiers gestöckelt. Ergebnis der Kooperation: Puma und Sander brezelten zwei Klassiker, den Fußballschuh King und den Easy Rider auf und machten sie zu It-Shoes der Fashion-Welt – und Puma zur kommenden Marke. Quelle: dpa
Puma: Philippe StarckNach Sander sammelten die Herzogenauracher eine ganze Phalanx von Designern, die entweder einzelne Modelle entwarfen oder aber mitunter über mehrere Jahre ganze Kollektionen beisteuerten.  Weiter aktuell ist etwa die Kooperation mit dem Modehaus Alexander McQueen, wie Puma unter dem Dach des Luxuskonzerns Kering.  Philippe Starck (rechts im Bild) gestaltete in einer einmaligen Aktion Simpel-Schuhe für Puma. Die Franken arbeiteten aber auch mit dem holländischen Designer Marcel Wanders, dem Japaner Mihara Yasuhiro sowie dem Londoner Hussein Chalayan zusammen. Quelle: dpa
Adidas: Run DMCBereits Ende der 80er Jahre entdeckten die Hip-Hopper von Run DMC, eine der einflussreichsten Bands des Genres überhaupt, die Turnschuhe aus Herzogenaurach für sich. Das Modell Superstar, ursprünglich ein Basketball-Schuh mit einer verstärkten Gummikappe über den Zehen, ist seitdem eng mit Run-DMC aus Queens verbunden, die dem Schuh sogar einen eigenen Song widmeten. Quelle: dpa
Adidas: Pharrell WilliamsNoch ziemlich frisch ist die Kooperation zwischen dem Drei-Streifen-Konzern und dem US-amerikanischen Sänger, Komponisten und Modemacher Pharrell Williams („Happy“). Erst im März verkündete Adidas die Zusammenarbeit mit dem Grammy-Gewinner und oscarnominierten Weltstar. Williams hat sein eigenes Textilunternehmen „Bionic Yarn“, das aus den Weltmeeren geborgenen Plastikmüll zu Garn verarbeitet. Daraus werden Kleider hergestellt. Auch Adidas will in seiner Mode-Linie Originals diese sogenannten bionischen Garne in Williams-Produkten verarbeiten. Erste Ergebnisse der auf mehrere Jahre angelegten Zusammenarbeit sind eine Sweatjacke, die es auch als 1500-Euro-teure Edelversion gibt, und eine neue Version der Stan-Smith-Sneaker in Leder oder in Tennisball-Filz.  Im Rahmen der „Adidas Originals x Pharrell Williams“-Kollektion hat der 41-Jährige schon einmal bei den Stan Smiths Hand angelegt, die statt in weiß einfarbig in Rot, Blau und Schwarz auf den Markt kamen. Quelle: AP
Adidas: Kanye WestDer Sneaker-sammelnde Teil der Menschheit wartet in diesen Tagen gespannt auf das erste Ergebnis der ebenfalls noch frischen Zusammenarbeit zwischen Adidas und dem US-Musiker und Entertainer Kanye West. West, der mehrere Jahre lang für Nike sündhaft teure Treter entwarf, die in kleiner Stückzahl hergestellt schnell zu tausende Dollar teuren Sammlerstücken avancierten, wechselte im vergangenen Jahr das Lager, offenbar auch, weil der exzentrische Künstler die Zusammenarbeit mit Adidas als lukrativer einschätzte. Im Internet kursieren bereits Fotos von den angeblichen „Yeezy 3“ genannten Schuhen, was die Spannung in der Fangemeinde anheizt. Quelle: REUTERS
Adidas: DJ NigoDritter im Bunde der Vorzeigekreativen an der Grenze zwischen Street-Kultur und Sportswear ist der japanische DJ Nigo (links), gleichzeitig Musikproduzent und Designer. Man kennt sich untereinander: Nigo gilt als guter Freund und Geschäftspartner von Pharrell Williams (rechts im Bild). Mit einem Geschenk soll Nigo Pharrell sogar zu seiner berühmten Kopfbedeckung, einer Art Coboy-Hut der englischen Mode-Ikone Vivienne Westwood verholfen haben. Quelle: dpa
Adidas: Stella McCartneySelbst macht sie zwar keine Musik. Aber mit ihrer Mode ist die Tochter von Beatles-Mitgründer Paul selbst längst eine bekannte Größe. Für Adidas entwirft McCartney seit fast zehn Jahren cool designte Sportmode, vom Badeanzug bis zur Laufjacke. Sie bildet damit die Spitze eines ganzen Reigens von Designern, mit denen die Franken mitunter seit Jahren zusammenarbeiten. Mit am längsten währt dabei die Zusammenarbeit mit dem japanischen Avantgardisten Johji Yamamoto. Mit dabei sind auch der US-Designer Rick Owens und der exzentrische Jeremy Scott, der hohe Sportschuhe gern mit Flügeln versieht oder  Plüschtiere aufnäht. Zuletzt kooperierte Adidas im Übrigen mit der britischen Outdoor-Marke Barbour. Quelle: AP

Seither fragen sie sich in Herzogenaurach, ob diese Konstellation funktionieren kann. Stimmt die Chemie zwischen den Alphatieren Rorsted und Liedtke, von denen die Zukunft von Europas größtem Sportartikelkonzern nun maßgeblich abhängt? Erntet Rorsted nur die Ergebnisse guter Vorarbeit? Oder kann der branchenfremde Däne Adidas seinen Stempel aufdrücken?

Liedtke ist gute 1,90 Meter groß, ausgestattet mit breiten Schultern und ebensolchem Selbstbewusstsein. In der Ecke seines geräumigen Büros lehnt ein gelb-grünes Surfbrett. Anders als seine Vorstandskollegen läuft er meist in T-Shirt oder Funktionspullis herum. Im Adidas-Hauptquartier fällt er nicht weiter auf zwischen den jungen Mitarbeitern in ihren Kapuzenjacken und Sneakern. Er ist zugleich einer von ihnen und ihr Chef, signalisiert sein Auftreten.

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