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Esprit-Gründer Douglas Tompkins "Das ist Bullshit"

Esprit hat ihn zum Millionär gemacht. Heute sieht der Ex-Unternehmer Douglas Tompkins den Papst als Verbündeten im Kampf gegen den Kapitalismus. Ein Interview.

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Douglas Tompkins Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche: Mr. Tompkins, Sie sind einer der führenden Köpfe der Umweltbewegung. Jetzt hat Papst Franziskus eine Enzyklika gegen Umweltzerstörung veröffentlicht, die wegen ihrer Kritik am Kapitalismus in der Wirtschaft heiß diskutiert wird. Hilft der Papst, das siechende Thema Konzerne und Nachhaltigkeit zu pushen?

Douglas Tompkins: Sie sollten mal meinen E-Mail-Eingang sehen, da stapeln sich Hunderte Mails zum Thema Papst. Für viele Freunde und Kollegen ist es gerade das Thema schlechthin. In unserem inneren Zirkel kursiert der Scherz, einer von uns muss wohl als Ghostwriter im Vatikan gesessen haben.

Warum hat es so lange gedauert, bis das Thema solche Kreise zieht?

Das führe ich zurück auf das, was der Soziologe William Catton einmal den "cultural lag" genannt hat, die kulturelle Phasenverschiebung. Sie führt dazu, dass Institutionen und Organisationen dem technischen Fortschritt der Industriegesellschaft hinterherhinken. Es ist die Zeitspanne, die es braucht, bis die Allgemeinheit zum Denken der Avantgarde aufschließt.

Können Sie das etwas konkretisieren?

Nehmen Sie das Thema Großtechnologien wie Bio-, Nuklear- oder IT-Technologie, Chemie oder industrielle Landwirtschaft. Sie alle fügen sich in einen Verbund, der den megatechnologischen Komplex ausmacht. Jede dieser Technologien kann man, für sich genommen, kritisieren. Man versteht sie jedoch erst wirklich, wenn man sie in ihrer gemeinsamen Wirkung betrachtet. Sie zusammen bilden das Gerüst unserer Zivilisation und bestimmen, wie unsere Gesellschaften organisiert sind und wie sie funktionieren.

Und sie zusammen ermöglichen Fortschritt.

Diese Technologien verfügen über eine eigenständige Qualität, die die Gesellschaft zwingt, sich auf eine bestimmte Art um sie herum zu organisieren. Vorgeblich sorgen diese Technologien für Wohltaten für alle. Doch tatsächlich verursachen sie eine Tragödie. Lassen Sie mich das an Ihrem Smartphone erklären.

Was ist damit?

Das Gerät mag für Sie sehr nützlich sein. Es hilft Ihnen bei Ihrer Arbeit. Aber wenn man das große Bild betrachtet, ist es schlecht für die Allgemeinheit.

Warum das?

Es ist ein tragbarer Computer, und seine wesentliche Funktion besteht darin, Dinge zu beschleunigen. Es steht damit für die Digitalisierung und das Internet, die im Kleinen für den einzelnen durchaus Verbesserungen versprechen. Im Großen allerdings beschleunigen sie sämtliche wirtschaftlichen Vorgänge, und sie sind damit wesentlich mitverantwortlich für die fortschreitende Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden und die Vernichtung von Tier- und Pflanzenarten.

"Ich halte mich nicht für den Messias"

Unternehmen wie Google und Facebook behaupten, gerade so würden sie eine bessere Welt schaffen.

Das sind Fetischisten der Technik, die noch an die Überlegenheit des Menschen glauben, voller Hybris und Arroganz. Ich habe auch in San Francisco gelebt, was meinen Sie, was ich meinem Freund Steve Jobs dazu gesagt habe? Der war auch nicht viel anders als die heute. Steve hatte damals eine riesige Werbekampagne gestartet für einen Apple-Rechner. Als wir abends bei mir zu Hause beim Wein saßen, sagte ich: Steve, was ist das für ein Bullshit? Du wirbst mit den tollen Möglichkeiten, die in diesem Gerät stecken. Aber in Wahrheit sind das bloß fünf Prozent der Dinge, die das Teil tatsächlich verursacht. Die restlichen 95 Prozent erwähnst du gar nicht.

Zur Konsumkultur haben Sie doch lange selber beigetragen, Sie haben Millionen verdient mit der Modemarke Esprit oder zuvor mit North Face.

Ich habe früh angefangen, unser Tun zu hinterfragen - und dann sämtliche Anteile an Esprit verkauft.

Sie hätten sicher mehr bewegt, wenn Sie Esprit zu einem Unternehmen in Ihrem Sinne umgebaut hätten.

Ohne jetzt unbescheiden sein zu wollen, waren wir der Zeit weit voraus: Wir haben in Anzeigenkampagnen zu verantwortungsvollem Konsum aufgerufen. Wir haben schon in den Achtzigerjahren Vorlesungsreihen für unsere Angestellten organisiert, die verpflichtend waren, mit Vorlesungen zu Umweltschutz, Technologiekritik, Jerry Mander war dabei, David Brower, Jeremy Rifkin. Auf die Rückseite unserer Preisschilder stand: Kauf dieses Teil nicht! Und das auf Millionen von Kleidungsstücken!

Heute sind Sie größter privater Grundbesitzer der Welt. Kritiker werfen Ihnen vor, mit Ihren Millionen Land zu kaufen und dort Ihre Vorstellungen umzusetzen, ohne Rücksicht auf die Menschen, die dort seit Jahrzehnten als Schaf- und Rinderhirten leben.

Langsam - ja, wir kaufen diese Flächen, die zum allergrößten Teil zuvor schon in privatem Besitz waren. Aber wir kaufen, um es nach möglichst kurzer Zeit in den kollektiven Besitz aller Bürger von Chile oder Argentinien zu übergeben.

Handel



Inwiefern taugen Ihre Projekte als Modell für die übrige Welt?

Um das jetzt mal klarzustellen: Ich halte mich nicht für den Messias, der die Welt rettet. Auch mein eigenes Leben steckt voller Widersprüche, natürlich benutze ich auch einen Laptop. Ich brauche ihn für unsere Projekte und um möglichst viele wichtige Menschen zu erreichen. Aber für mich steht fest, dass wir uns vom Paradigma des ewigen Wachstums verabschieden müssen. Es nutzt nichts, nur oberflächlich umzusteuern und Windparks zu bauen und Solarparks und Wasserkraftwerke - darunter befindet sich weiter das Gerüst unserer technologischen Zivilisation. Wenn wir das nicht grundsätzlich infrage stellen, ändert sich nichts an den großen Krisen.

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