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Esprit, Tom Tailor, Gerry Weber & Co. 2020 wird für deutsche Modefirmen zum Härtetest

Während der Berliner Modewoche feiertsich die Branche. Doch vielen deutschen Unternehmen steht eine schwere Zeit bevor. Quelle: dpa

Zum Start der Fashion Week Berlin zeigt eine Studie: Der Modeindustrie steht ein schwieriges Jahr bevor – vor allem im mittleren Segment, wo sich deutsche Hersteller positionieren. Chinesische Firmen dagegen steigen auf.

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Wolfgang Joop hat Bronchitis. Aus diesem Grund konnte der Designer nicht dabei sein in der Gesprächsrunde im Hotel Zoo am Kurfürstendamm, zu dem die Unternehmensberatung McKinsey eingeladen hatte. Zum Auftakt der Fashion Week wäre Joop dabei schon deshalb ein guter Gesprächspartner gewesen, weil er mit seiner jüngsten Ankündigung, seine Modemarke „Looks by Wolfgang Joop“ dieser Tage neu zu lancieren, Aufbruch symbolisiert.

Und Aufbruchstimmung kann die Modebranche derzeit gut gebrauchen.

Laut der neuen McKinsey-Studie „The State of Fashion“ steht der Modeindustrie kein besonders gutes Jahr bevor: Für 2020 rechnet McKinsey mit einem Wachstum von nur noch drei bis vier Prozent auf einem Markt, der rund 2,5 Billionen US-Dollar groß ist. Das ist deutlich weniger als die Jahre zuvor. In denen wuchs der Markt zwischen 3,5 und 4,5 Prozent. „Es wird kein leichtes Jahr“, sagte Achim Berg, Modeexperte bei McKinsey. „Aber das ist noch kein Crash“, relativierte Nick Blunden vom Londoner Online-Modeportal „Business of Fashion“, das zusammen mit McKinsey die Studie erstellt hat.

Für die Studie haben Berg und Blunden 290 Führungskräfte aus der globalen Modewelt nach ihrer Prognose befragt. Ergebnis: Nur neun Prozent der Befragten glauben, dass 2020 ein besseres Jahr werde als 2019. Im vergangenen Jahr waren noch 49 Prozent der Befragten so optimistisch. Nun befürchten 60 Prozent eine Verschlechterung für 2020. Gefragt nach drei Worten, um die Modeindustrie zu beschreiben, fiel am häufigsten das Wort „herausfordernd“.

Natürlich gibt es auch Gewinner: McKinsey erstellt in seiner Studie eine Liste mit den 20 erfolgreichsten Modekonzernen weltweit, sortiert nach ökonomischem Profit (laut dem Beratungsunternehmen ist das der Gewinn nach Abzug der Kapitalkosten). Im Vergleich zum vergangenen Jahr löste der US-Sportartikelkonzern Nike (Umsatz: rund 35 Milliarden Euro) den spanischen Modekonzern Inditex mit den Marken „Zara“, „Massimo Dutti“ und „Pull&Bear“ (Umsatz: 26,1 Milliarden Euro) an der Spitze ab. Dahinter folgen das französische Luxuskonglomerat LVMH mit den Modemarken Louis Vuitton, Dior, Marc Jacobs, Givenchy und Kenzo (Gesamtumsatz: 46,8 Milliarden Euro), der US-Billiganbieter TJX Companies mit dem expandierenden Filialisten TK Maxx sowie die beiden Luxuskonzerne Kering (unter anderem Gucci, Balenciaga, Saint Laurent) und Hermès.

Bemerkenswert: Erstmals seit Erhebung dieser Gewinner-Liste finden sich zwei chinesische Modefirmen unter den besten 20: Auf Platz 13 liegt der Sportartikelkonzern Anta Sports aus Jinjiang (Umsatz: rund 1,9 Milliarden Euro). 2019 hatten die Chinesen den finnischen Sportkonzern Amer Sports übernommen mit den Marken Atomic, Salomon und Wilson. Bereits seit 2009 betreibt Anta Sports die Marke Fila in China. Auf Rang 16 folgt HLA Corporation, der Modezweig der 1988 gegründeten China Heilan Group.

Als einziger deutscher Vertreter findet sich in dieser Gewinner-Liste auf Rang acht der Herzogenauracher Sportartikelkonzern Adidas (Umsatz: 21,9 Milliarden Euro). Das sei natürlich für ein wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland ein bisschen wenig, bemängelte auch Achim Berg. Er gab auch zu bedenken, dass die Gründung solcher Luxuskonglomerate wie LVMH, Richemont oder Kering in Deutschland „nicht der nächste logische Schritt“ sei; auf der anderen Seite hob Berg den bemerkenswerten Aufstieg der beiden Online-Modehändler Zalando und Aboutyou hervor. Beide noch recht junge Unternehmen – Zalando wurde 2008, Aboutyou 2014 gegründet – seien bereits erfolgreich expandiert.

Das Problem vieler deutscher Modehersteller ist der Studie zufolge ihre Positionierung – weder Luxus noch Billig – und ihre mangelnde Expansion, vor allem auf jenen Märkten, die noch wachsen. Diese sind vor allem in Asien und Osteuropa und in einigen afrikanischen Ländern zu finden.

So überraschen die Modeexperten auch nicht die zahlreichen schlechten Nachrichten deutscher Schneider wie etwa Esprit, Tom Tailor, Gerry Weber. Auch S.-Oliver aus Rottendorf hat seit Jahren zu kämpfen, engagierte jüngst den früheren Hugo-Boss- und Bottega-Veneta-Chef Claus-Dietrich Lahrs. Für solche Modeanbieter im mittleren Preis- und Qualitätssegment sei der Sprung in die obere Klasse, wo die Gewinne sprudeln, enorm schwer: McKinsey beziffert die Wahrscheinlichkeit auf deprimierende zehn Prozent. Und das Ausquetschen der Mittelklassemarken werde auch 2020 fortgesetzt, schreibt die Beraterfirma.

Doch nicht alle deutschen Modehersteller bereiten schlechte Laune, darauf wies die Vogue-Deutschland-Chefredakteurin Christiane Arp hin. Die Hauptsache sei, dass eine Marke ein eigenständiges Design mit Wiedererkennungswert entwickele, sagte sie. Als in diesem Sinne vorbildlich nannte Arp den Frankfurter Designer René Storck, William Fan sowie „Rianna + Nina“ aus Berlin und die Marke „Horror Vacui“ der Münchner Designerin Anna Heinrichs. Aber auch diese Positivbeispiele müssen sich beweisen in einem Modemarkt, der 2020 vor allem eines wird: „herausfordernd“.

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