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EU-Urteil Beschweren hilft: So bremst Lego die Konkurrenz aus

Die Lego-Bausteine sind bunt und eckig, haben Noppen und im Inneren Röhrchen, die der Stabilität dienen. Quelle: dpa

Seit Jahrzehnten beherrscht Lego den Markt der Bausteine. Um sein Design zu schützen, ging der Spielwarenhändler vor Gericht – und bekam Recht. Das EU-Urteil könnte erneut die Alleinherrschaft bedeuten.

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Sie sind bunt und eckig, haben Noppen und im Inneren Röhrchen, die der Stabilität dienen. Heute dienen sie dem Bau eines Hochhauses, morgen einer Polizeistation. Jeder kennt sie: die Lego-Bausteine.

Seit mehr als 60 Jahren besetzt Lego die Marktspitze. Lange war der Klemmbausteinhersteller der einzige auf dem Markt. Dank eines Patents. 2010 verlor der Konzern allerdings seinen Markenschutz am Klemmbaustein. Nur auf den Figuren bestand seitdem weiterhin der Schutz. Das wollte sich Lego nicht bieten lassen: Der Marktführer ficht die Entscheidung des Amts der Europäischen Union für Geistiges Eigentum (EUIPO) an. Die Behörde vertritt den Standpunkt, dass das Design des Legosteins eine technische Funktion aufweist. Nach EU-Recht sind technische Lösungen nur eine begrenzte Zeit schutzfähig, damit sollen Monopole verhindert werden

Der Gang vor Gericht hat sich für Lego nun gelohnt: Das Europäische Gericht entschied , dass das Design der Bausteine sehr wohl schutzwürdig ist. Bislang hatten Gerichte gegen Lego entschieden und somit anderen Unternehmen, die ihre Produkte in der Regel günstiger anbieten, ermöglicht, ebenfalls Klemmbausteine herzustellen und zu verkaufen.

Das Urteil könnte dazu führen, dass andere Anbieter wegen des schutzwürdigen Designs der Legosteine nun ihre Produkte möglicherweise nicht mehr in der klassischen Form herstellen können.

„Die Entscheidung ist eine kleine Überraschung“, sagte Nikolas Gregor, nicht an dem Verfahren beteiligter Rechtsanwalt der Kanzlei CMS, mit Blick auf ein EuGH-Urteil aus dem Jahr 2010. Zwar geht es in diesem Fall um Design- und nicht um Markenschutz, „aber viele haben damit gerechnet, dass das Europäische Gericht dem Legostein aus dem gleichen Grund den Schutz versagt“, so der Jurist.

Die Konkurrenz schlief nicht

Seit 2010 durften auch andere Firmen Produkte mit den gleichen Bausteingrößen verkaufen. Und das nutzten sie. Die Bausteine der Konkurrenz lassen sich kaum von den Lego-Steinen unterscheiden. Hersteller greifen an der Stelle an, an der Lego verwundbar ist: Ihre Steine sind günstiger. Es werden deutlich mehr Bauteile für Sets zu einem günstigeren Preis verwendet. Das mag daran liegen, dass chinesische Hersteller wie Xingbao ihre Steine günstiger produzieren. So kostet zum Beispiel die Feuerwehrstation von dem chinesischen Hersteller Xingbao knapp 39 Euro und die von Lego bis zu 290 Euro, obwohl die günstigere Wache 1250 Bausteine enthält, während Lego nur 950 beilegt. Die Konkurrenz kommt aber nicht nur aus China. Auch deutsche Firmen wie Open Brick Source rückten in den vergangenen Jahren immer näher an das Lego-Niveau. Und gehen sogar darüber hinaus.

Open Brick Source verkauft seit acht Jahren Klemmbausteine, die eine Nische besetzen, die Lego nicht besetzt hat: Sie können leuchten. Und sie haben noch für mehr als 15 Jahre Patentschutz darauf. Aber: „Bei der Form haben wir uns bewusst an Lego gehalten“, sagt der Geschäftsführer Stefan Reißner. So bekommen die Lego-Fans dasselbe Produkt, nur eben von einer anderen Marke – und mit einem leuchtenden Zusatz. In Kooperation mit Märklin verkauft Reißner auch noch eine Dampflok mit Scheinwerfern, die zischende Geräusche von sich geben kann. Open Brick Source bietet aber noch mehr: Zum Beispiel bei den Bauplatten. Lego bietet nur Standardfarben an. Open Brick Source hingegen verkauft noch viele weitere. Die Platten sind von beiden Seiten bebaubar, sodass sie auch mitten in einem Hochhaus oder Parkhaus eingebaut werden können. Bei Lego dienen sie nur als Untergrund.

Nicht nur Open Brick Source hat die Nischen besetzt, die Lego auf dem Markt hinterlässt. Der US-Spielzeugkonzern Mattel übernahm 2014 Mega Brands und bietet die Klemmbausteine auch für Kleinkinder ab einem Alter von 12 Monaten an. Lego Duplo hingegen ist für Kinder ab 18 Monaten. „Wir können von 0 bis 99 Jahre alles anbieten“, sagt Sprecherin Anne Polsak.

Und: Der polnische Steinefabrikant Cobi hat sich auf den Nachbau historischer Kriegsgeräte spezialisiert. Dazwischen finden sich lizensierte Modelle von Panzern, Boeing-Passagierflugzeugen und ein Piraten-Spielschiff.



Lego begrüßt nach eigenen Angaben den Wettbewerb auf dem dynamischen Spielwarenmarkt. Dadurch entwickle sich der Hersteller immer weiter. Bei der Preisfestlegung weitet Lego den Spielraum durch die Lizenznutzung stark aus, wie zum Beispiel bei den Sets der Disneywelt. Die Kosten für die Lizenzen sind im vergangenen Jahrzehnt relativ konstant bei etwa sieben Prozent vom Umsatz geblieben. Starke Lizenzen kann auch schon lange nicht mehr allein Lego einkaufen: Mattel bietet unter dem Namen Mega Construx Modelle aus Film- und Fernsehinszenierungen wie unter anderem „Game of Thrones“ oder „Star Trek“ an.

Keine Umsatzverluste ohne Patent

Dennoch werden die anderen Hersteller womöglich nie das Wasser reichen können. Auch der ausgelaufene Markenschutz hat für Lego zu keinen Umsatzverlusten geführt. Ganz im Gegenteil: Trotz der Coronakrise hat der dänische Spielwarenhersteller Umsatz und Gewinn deutlich gesteigert. Im vergangenen Jahr kletterte der Umsatz des Unternehmens um 13 Prozent – von 38,5 Milliarden dänischen Kronen (5,2 Milliarden Euro) in 2019 auf 43,6 Milliarden (5,9 Milliarden Euro) in 2020, gab die Lego-Gruppe im dänischen Billund vor Kurzem erst bekannt. Gleichzeitig sei der weltweite Spielzeugmarkt um 10 Prozent gewachsen.

„Wir haben die Erwartungen, mit denen wir ins Jahr gestartet sind, definitiv übertroffen“, sagte Lego-Chef Niels Christiansen. Das Jahr sei aber von vielen Unsicherheiten geprägt gewesen. Wegen der Pandemie hätten viele Läden schließen müssen, Lieferketten seien unterbrochen gewesen und man habe viel in die Sicherheit der Mitarbeiter in den Fabriken investieren müssen. Aber Ende hätten sich aber die strategischen Entscheidungen des Unternehmens bezahlt gemacht. Der Nettogewinn stieg um 19 Prozent von 8,3 Milliarden (1,1 Mrd. Euro) auf 9,9 Milliarden Kronen (1,3 Mrd. Euro).

Geholfen habe, dass Lego auch im digitalen Bereich gut aufgestellt sei. Die Anzahl der Besuche auf der Webseite Lego.com habe sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Deshalb wollen die Dänen in diesem Jahr noch mehr in die Digitalisierung investieren. „Wir haben eine solide digitale Grundlage, aber wir müssen uns schneller bewegen“, so Christiansen. „Das vergangene Jahr hat gezeigt, wie wichtig es ist, ein agiles, reaktionsschnelles Unternehmen zu haben, das auf starken digitalen Fundamenten gebaut ist.“

Auffällig sei das große Engagement erwachsener Lego-Fans, vor allem auf der Plattform Lego Ideas. Man habe eine Tendenz gesehen, dass die Familien mehr zusammen spielen, wenn die Eltern von zuhause aus arbeiten und die Kinder nicht zur Schule gehen. „Es gab eine große Nachfrage nach anspruchsvolleren Sets, die Familien zusammen bauen können“, so Christiansen. In welcher Größenordnung das den Umsatz ankurbelt hat, konnte er aber nicht sagen.  

Die weltweiten Verkäufe stiegen in 2020 um 21 Prozent dank einer großen Nachfrage in China, Amerika, Westeuropa und Asien. Trotz der Pandemie öffnete Lego im vergangenen Jahr 134 neue Geschäfte, 91 davon in China. Für 2021 ist die Eröffnung von 120 weiteren Stores geplant, davon 80 in China.

Topseller seien die Serien Lego City, Lego Technic, Lego Star Wars, Lego Friends und Lego Classic. Und vor allem Lego Super Mario, das physisches und digitales Spielen miteinander verbindet. „Wir wissen, dass Kinder und Erwachsene den Legostein lieben und das wird immer das Herz unseres Geschäfts sein“, sagte Christiansen. „Aber die Kinder von heute wachsen in einer digitalen Welt auf und verbinden mühelos Online-Spiele und physisches Spielen.“ In diesem Monat werde Lego ein weitere Mischprodukt auf den Markt bringen, das die Liebe der Kinder zu Musik und Spiel ansprechen.

Sollte der Klemmbausteinhersteller jetzt tatsächlich den Schutz kriegen, würde das für den ein oder anderen Konkurrenten das Aus bedeuten – oder sie müssen zumindest ein eigenes Design finden. Das dürfte Lego zur Monopolstellungen verhelfen und den Umsatzzahlen einen kräftigen Schub geben.

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Der Ball liegt nun wieder im Feld der EU-Behörde. Dort muss die Ausnahmeregelung geprüft werden, die unter anderem besagt, dass die Verbindungselemente der Bausteine „ein wichtiges Element der innovativen Merkmale von Kombinationsteilen bilden und einen wesentlichen Faktor für das Marketing darstellen“ kann. Außerdem seien – so der Rechtsanwalt Nikolas Gregor – noch nicht alle Erscheinungsmerkmale untersucht worden. Konkret geht es um zwei Seiten des Bausteins, die eine glatte Oberfläche haben. „Das Europäische Amt für Geistiges Eigentum muss nun neu entscheiden – und danach möglicherweise wieder die Europäischen Gerichte“.

Mehr zum Thema: Der Spielzeughersteller Playmobil wurde jahrzehntelang patriarchisch geführt. Drei Jahre nach dem Tod des Gründers entdeckt das Unternehmen nun das Digitale.

Mit Material von dpa

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