Europas größter Küchenhersteller: Was Nobilia mitten in der Krise einen Boom beschert
Hereinspaziert: Nobilia aus dem ostwestfälischen Verl ist Europas größter Hersteller von Küchen (diese hier heißt „Easytouch 964“)
Foto: PresseHomeoffice, Spaziergang, dann weiter Homeoffice. Später, nach Feierabend, noch aufwändig kochen: Das haben die Deutschen mitten in der Pandemie offenbar für sich entdeckt. In der Folge stürmten die Menschen die Baumärkte, Möbelhäuser und immer häufiger auch: Küchenstudios.
Der Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) sprach 2021 von einem Umsatzplus von rund zwei Prozent, 2022 waren es sogar sieben Prozent. Wachstumsmotor war im vergangenen Jahr besonders die Küchenmöbelindustrie mit einer Umsatzsteigerung von 9,5 Prozent auf 6,2 Milliarden Euro. Und auch der Handelsverband Möbel und Küchen (BVDM) berichtet, dass im vergangenen Jahr der Küchenhandel um acht Prozent gewachsen sei – im zweiten Jahr in Folge.
Für das Familienunternehmen Nobilia, das in Deutschland und Europa Marktführer für Küchenmöbel ist, waren es traumhafte Zeiten. 2021 hat der Küchenhersteller das größte Umsatzwachstum seiner Unternehmensgeschichte erzielt. Vergangene Woche veröffentlichte Nobilia seine 2022er-Zahlen: Rund 1,66 Milliarden Euro Umsatz hat der Küchenhersteller im vergangenen Jahr gemacht – das sind noch einmal fast zwölf Prozent mehr als 2021. Wachstumstreiber war besonders der Export mit einer Umsatzsteigerung von fast 14 Prozent. Mittlerweile liegt die Exportquote von Nobilia bei 54 Prozent.
Seit Anfang 2015 Geschäftsführer von Nobilia: Lars Bopf.
Foto: PresseAuch die Konkurrenz, etwa Nolte und Häcker, konnten sich über ein beträchtliches Umsatzwachstum freuen. Doch trotz glänzender Zahlen droht Ungemach. Die gute Stimmung im Küchenmarkt könnte abkühlen, denn die Rohstoffpreise steigen und die Pandemie-Maßnahmen sind beendet. Versalzt das Umfeld Nobilia und anderen bald das Süppchen?
Die vergangenen zehn Jahren waren ein Traum für Küchenhersteller. Die Umsätze wuchsen jedes Jahr: Nobilia-Geschäftsführer Lars Bopf konnte kaum etwas falsch machen. Offene Küchen begeisterten die Menschen, die Pandemie führte zu massenweise Renovierungen, und Nobilia konnte trotz Lieferkettenschwierigkeiten verlässlich liefern. Dass Nobilia dabei besonders profitierte, liegt Bopf zufolge an Innovationen und Nachhaltigkeit von Nobilia. So jedenfalls preist er die eigenen Küchen im Werbesprech an – und ja: Wer will seine Küche schon altmodisch und dreckig nennen?
80 Prozent der Lieferanten in Deutschland
In Punkto Nachhaltigkeit hat die Firma, die im ostwestfälischen Verl sitzt und weitere Standorte in Gütersloh und Saarlouis betreibt, tatsächlich einen Vorteil: 80 Prozent der Lieferanten befinden sich in Deutschland, davon sei wiederum die Hälfte in einem Umkreis von nicht einmal 50 Kilometer entfernt von Nobilia ansässig, betont Bopf. Praktischer Nebeneffekt: Die Lieferkettenprobleme, unter denen viele andere Unternehmen im vergangenen Jahr litten, gingen an Nobilia weitestgehend vorüber. „Außerdem halten wir traditionell Sicherheitsbestände von allen Teilen, die wir im vergangenen Jahr noch mal erhöht haben“, sagt der Nobilia-Chef.
Das westfälische Familienunternehmen ist allerdings kein Einzelfall, wie Markus Mayer sagt, Präsident des Handelsverbands Möbel und Küchen (BVDM): „Die deutschen Hersteller haben sehr verlässliche und kurze Lieferzeiten.“ Für Probleme würden eher andere Faktoren sorgen, etwa der rückläufige Wohnungsbau, die wirtschaftliche Unsicherheit und die Inflation. „Gerade Haushalte mit niedrigerem Einkommen verzichten derzeit auf den Kauf von Möbeln“, sagt Meyer und beschreibt damit die Bedrohungslage. Wenn die Menschen kein Geld haben, kaufen sie selten eine Küche für viele Tausend Euro, sollte man meinen.
Doch von diesen beiden Effekten merkt Nobilia noch wenig. Das Unternehmen ist ein Hersteller im mittleren bis höheren Preissegment – und dem Marktforschungsunternehmen GfK zufolge betrifft die Kaufzurückhaltung eher die unteren Preisklassen. Bei höheren Einkommen ist die Zahlungsbereitschaft für neue Küchen weiter intakt. Während 2021 Verbraucher im Fachhandel durchschnittlich 10.337 Euro für Küchen ausgaben, waren es 2022 sogar 11.379 Euro. Verbraucher seien durchaus gewillt, mehr in ihre Küchen zu investieren als früher, sagt Nobilia-Chef Bopf. „Das liegt daran, dass es in der Innenarchitektur einen Trend zur offenen Küche gibt. Früher war die Küche ein abgeschlossener Arbeitsraum, heute der Lebensmittelpunkt.“ Daher biete Nobilia mittlerweile auch Wohnmöbel an, die stilistisch und hinsichtlich der Materialoberflächen zur Küche passen. „Wir haben von den Händlern, die wir beliefern, immer wieder das Feedback erhalten, dass deren Endkunden sich Alles-aus-einer-Hand-Lösungen wünschen“, sagt Bopf.
Leisere Geschirrspüler und Kühlschränke
Auch Siegfried Brandl, Präsidiumsmitglied im Handelsverband Möbel und Küchen (BVDM), beobachtet, dass die Wohnverhältnisse in Neubauten einen starken Einfluss auf die Nachfrage nach Küchen haben. So würden die Kunden nun stärker Wert darauf legen, dass Geräte wie Geschirrspüler oder Kühlschrank leise seien. Schließlich sei die Küche oftmals nicht mehr in einem separaten Raum untergebracht. „Im Gegensatz zum Schlafzimmer, das man seinen Besuchern üblicherweise nicht zeigt, empfängt und bewirtet man seine Gäste im zentralen Mittelpunkt des eigenen Zuhauses und damit in der Küche”, sagt auch Lars Bopf. Doch nicht nur wegen der veränderten Wohnverhältnisse investieren Verbraucher stärker in ihre Küchen, wie Brandl vom BVDM erklärt.
Das Thema „hochwertiges Kochen“ sei in der Coronazeit extrem in den Fokus der Verbraucher gerückt. Geräte wie Dampfgarer oder dezente Muldenlüfter seien in modernen Küchen stark gefragt. Gute Voraussetzungen für Nobilia: „Wir unterstützen und vermarkten seit Jahren innovative und nachhaltige Lösungen im Bereich der Küche”, so Bopf. Ein Beispiel sei der Sally-Exklusiv-Backofen. Der Backofen sei mit sogenannter Home-Connect-Technologie ausgestattet und mit der Kochapp „Sallys Welt” verknüpfbar. Das bedeutet: Der Nutzer könne ein Gericht in der App auswählen, und der Ofen lege automatisch die ideale Art von Wärme, Temperatur und Kochzeit fest.
Küche ist auch Platz fürs Homeoffice
Bopf ist optimistisch, dass der Trend zum Investieren in Kochen und Wohnen auch nach der Pandemie anhält: „Ich glaube fest daran, dass sich durch die Pandemie auch langfristig die Wertschätzung für den eigenen Wohnraum bei den Endkunden verfestigt hat.“ Diesen Optimismus teilt auch Jan Kruth, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Denn die Menschen hätten in der Pandemie nicht nur mehr gekocht. „Die Küche war und ist auch Platz für das Homeoffice”, sagt er. Die Bedeutung der Küche habe insgesamt zugenommen.
BVDM-Präsident Meyer ist etwas verhaltener. „Es bleibt natürlich abzuwarten, wie lange der Homing-Trend anhält“, sagt er. 2023 werde kein leichtes Jahr werden. Die Rohstoffpreise befänden sich auf einem historischen Hoch, hinzu komme, dass die Branche mit höheren Lohnkosten rechnen müsse, so Meyer. Auch sein Kollege Brandl glaubt nicht, dass die Möbelbranche genauso stark wachsen wird wie 2022. „Der Wohnungsneubau in Deutschland steht aufgrund explodierender Preise und steigender Zinsen vor schwerwiegenden Herausforderungen.“
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