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Exklusive Zahlen Erfolg von Amazon-Lieferdienst Fresh schockt deutsche Lebensmittelhändler

Amazon rollt den deutschen Lebensmittelhandel schneller auf, als der Konkurrenz lieb ist. Eine besondere Rolle spielt dabei schottischer Whisky.

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Amazon Fresh: Erfolg schockt Aldi, Lidl und Co. Quelle: dpa

Düsseldorf Für Rewe-Chef Lionel Souque ist der Gegner klar: „Amazon ist eine Kampfmaschine“, sagt er anerkennend. Man dürfe den US-Konzern nie unterschätzen – schon wegen der immensen Finanzkraft des Unternehmens.

Die Warnung scheint berechtigt. Zwar ist es vorübergehend etwas stiller geworden um die Expansion von Amazon Fresh in Deutschland. Nachdem das Unternehmen den Lieferdienst in Berlin, Potsdam, Hamburg und München gestartet hat, steht zunächst eher die Verbesserung und der Ausbau an den vorhandenen Standorten im Mittelpunkt – und nicht das Erschließen weiterer Städte.

Doch aktuelle Zahlen zeigen: Der US-Internetriese rollt den deutschen Lebensmittelhandel schneller auf, als es viele etablierte Händler wahrhaben wollen. „Amazon kontrolliert in Deutschland schon mehr als ein Viertel aller Lebensmittelverkäufe im Netz“, beobachtet Nathan Rigby, Analyst des Internet-Datendienstes One Click Retail. Und die Wachstumsraten sind rasant.

Auswertungen von One Click Retail, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, zeigen, dass Amazon in Deutschland allein im ersten Quartal 2018 Lebensmittel im Wert von 65 Millionen Euro über seine Plattform verkauft hat. Das ist ein Zuwachs von 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. „Amazon gewinnt das Rennen um den Lebensmittelverkauf“, sagt Analyst Rigby voraus.

Deutschland ist im Lebensmittelhandel der wichtigste Markt für den Konzern in Europa nach der Höhe des Umsatzes. Es folgt Großbritannien mit Verkäufen im Volumen von 45 Millionen Pfund (umgerechnet 52 Millionen Euro).

Vorbild sind die USA, wo Amazon mit Lebensmitteln im ersten Quartal 650 Millionen Dollar (umgerechnet 526 Millionen Euro) umgesetzt hat. Dort ist der Umsatz in diesem Zeitraum sogar um 48 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal gestiegen.

Damit scheint sich zu bewahrheiten, was die Strategieberatung Oliver Wyman vor knapp zwei Jahren kurz vor dem Start des Lieferdienstes Amazon Fresh in Deutschland prognostizierte. „Die Branche wird keine Evolution erleben, sondern eine Revolution“, warnte Michael Lierow, Handelsexperte von Oliver Wyman damals.

Mit deutlichen Folgen für den deutschen Lebensmittelhandel: Nach der Analyse von Oliver Wyman dürfte sich mittelfristig ein Umsatz von sechs bis acht Milliarden Euro pro Jahr in den Onlinehandel verschieben.

Das hat Auswirkungen auf das Filialnetz: Nach der Analyse könnten dadurch rund 15 Prozent der Supermärkte Verluste machen. Etwa 40.000 Arbeitsplätze im stationären Handel seien bedroht.

Die Gegenwehr der deutschen Händler im Netz ist relativ gering. Von den großen Einzelhandelsunternehmen betreibt nur Rewe einen annähernd bundesweiten Lieferdienst, der mittlerweile in 75 Städten zustellt. Edeka liefert über seine Tochter Bringmeister in Berlin und München aus. Aldi und Lidl meiden den Onlinehandel mit Lebensmitteln komplett.

Was dabei viele noch übersehen: Amazon Fresh ist nur ein Teil des groß angelegten Angriffs auf die deutschen Supermärkte. Die überwiegende Menge der Lebensmittel vertreibt die Internetplattform über ihren Schnelllieferdienst Amazon Prime Now – und über Dritthändler auf seinem Amazon Marketplace.

Das belegt auch ein Blick in die Details der Auswertung von One Click Retail. Danach waren im ersten Quartal alkoholische Getränke der Renner auf Amazon. Sie machten einen Umsatz von rund 25 Millionen Euro aus – eine Steigerung von 55 Prozent zum Vorjahresquartal.

Das tut dem Handel besonders weh, weil dies im Vergleich zu anderen Kategorien Produkte mit relativ hohen Gewinnmargen sind. Das bestverkaufte einzelne Produkt auf Amazon war im ersten Quartal ein 15 Jahre alter Single Malt Whisky der schottischen Marke Dalwhinnie.

Die am schnellsten wachsende Produktkategorie sind Süßigkeiten und Snacks, die um 55 Prozent zugelegt haben und jetzt schon einen Quartalsumsatz von rund 10 Millionen Euro gemacht haben. Besonders gut im Geschäft sind dabei die Hersteller Nestlé, Lindt, Haribo und Mars. Auf den gleichen Umsatz kommt in Deutschland Kaffee, der weltweit das erfolgreichste Produkt im Lebensmittelhandel über Amazon ist.

Dabei hat Amazon noch einen weiteren möglichen Trumpf im Ärmel: Die Eröffnung von eigenen Geschäften. In den USA hat der Konzern bereits die Supermarktkette Whole Foods übernommen. In Frankreich hat Amazon jetzt eine Kooperation mit dem Händler Monoprix vereinbart.

Und auch in Deutschland scheint ein Schritt in diese Richtung wohl nur eine Frage der Zeit zu sein. So hat Amazon-Deutschlandchef Ralf Kleber in Interviews bereits angedeutet, dass er keine Frage des „ob“ mehr sei, sondern nur noch des „wann“.

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