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Experten-Umfrage Ist Karstadt noch zu retten?

Der Abgang von Kurzzeit-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt zeigt, wie verfahren die Lage bei dem traditionsreichen Essener Warenhausriesen ist. Die fünf führenden deutschen Handelsexperten sagen, wie es bei Karstadt nun weitergeht und welche Überlebenschancen der Konzern noch hat.

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Einzelhandel mutiert zur Krisenbranche
Weltbild VerlagDas insolvente Medienunternehmen bekommt einen neuen Investor. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz gab dem Düsseldorfer Familienunternehmen Droege International Group den Zuschlag und brach die Verhandlungen mit dem Münchner Finanzinvestor Paragon Partners ab. Gemeinsam werde man die Sanierung mit dem geplanten Abbau von Stellen und Buchläden fortsetzen: "Die Restrukturierung für sich ist noch nicht abgeschlossen." Droege zeichnet eine Kapitalerhöhung von 20 Millionen Euro und erhält im Gegenzug eine 60-prozentige Beteiligung. Die übrigen 40 Prozent hält Geiwitz für die Gläubiger. Nach den bisherigen Plänen sollen 167 Filialen erhalten bleiben, die Zahl könnte aber weiter schrumpfen. Weltbild hatte am 10. Januar 2014 Insolvenz beantragt. Der Aufsichtsrat sah keine Finanzierungsmöglichkeit für eine Sanierung. Noch sind 2100 Mitarbeiter bei Weltbild beschäftigt. Der Augsburger Verlag war eines der größten Medienhäuser in Europa und gehörte zwölf katholischen Diözesen in Deutschland, dem Verband der Diözesen Deutschlands sowie der katholischen Soldatenseelsorge in Berlin. Weltbild litt zuletzt auch unter der Konkurrenz des US-Giganten Amazon. Konkreter Auslöser für die aktuellen Schwierigkeiten war nach Unternehmensangaben ein Umsatzrückgang in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2013/14. Quelle: dpa
KarstadtKarstadt-Investor Nicolas Berggruen möchte sich endgültig von den Warenhäusern trennen - das berichtet die Bild-Zeitung. Er verhandele mit der österreichischen Investorengruppe Signa des Unternehmers René Benko. Benko hatte im vergangenen Herbst bereits die drei Premium-Häusern und 28 Sportwarenhäusern der Kette gekauft. Die Berggruen-Holdings ist bisher noch mit einem Anteil von 24,9 Prozent an beiden Geschäftsbereichen beteiligt, außerdem gehören ihr noch die 83 Warenhäuser der Karstadt-Gruppe. Diese könnten nun - so die Bild - für nur einen Euro den Besitzer wechseln. Auch Berggruen hatte seiner Zeit nur einen symbolischen Euro für die marode Warenhaus-Gruppe gezahlt. Erst vor wenigen Tage hatte Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt nach nur wenigen Monaten im Konzern hingeschmissen. Quelle: ddp
KarstadtDer Warenhauskonzern Karstadt will bis Ende 2014 insgesamt 2000 Stellen abbauen. Die Branche leidet unter massiven Überkapazitäten außerdem wandern immer mehr Kunden ins Internet ab. Der Stellenabbau soll so sozialverträglich wie möglich umgesetzt werden und primär über Frühpensionierungen, Nichtverlängerung von befristeten Verträgen sowie freiwilligen Austritt erfolgen. Die Gewerkschaften werfen Karstadt-Investor Nicolas Berggruen vor, nicht genug zu investieren. Im ersten Halbjahr 2013 hat sich die Lage bei Karstadt abermals verschärft, das Umsatzziel für das Geschäftsjahr wurde bereits um 230 Millionen Euro auf 3,1 Milliarden Euro herunterkorrigiert. Quelle: dpa
Strauss InnovationDie angeschlagene Warenhauskette hat am 22. April mit dem Räumungsverkauf begonnen. Ende März hatte das Unternehmen bekanntgegeben, mehr als jede fünfte der insgesamt 96 Filialen schließen und 200 Mitarbeiter entlassen zu wollen. Strauss-Läden gibt es in 59 deutschen Städten. Durch ein zügiges Insolvenzverfahren will man die restlichen 1200 Arbeitsplätze erhalten. Der größte Teil der Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verlieren, soll die Möglichkeit bekommen, für sechs Monate in eine Qualifizierungsgesellschaft zu wechseln. Die Warenhauskette Strauss Innovation hat am 30. Januar 2014 beim Amtsgericht Düsseldorf einen Antrag auf Eröffnung eines Schutzschirmverfahrens eingereicht. Schuld an der Misere sollen die Wetterkapriolen im vergangenen Jahr sein. Das Frühjahr war zu kalt - Gartenmöbel & Co. blieben stehen - der Winter zu mild - auch die warmen Socken und Daunenjacken blieben hängen. Das Unternehmen gehört dem US-Investor Sun Capital, dem auch der Traditionsversandhändler Neckermann gehörte. Quelle: Screenshot
StrenesseDas Modeunternehmen geht auf Investorensuche. Die Nördlinger Designer hatten am 16. April einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Dabei bleibt der bisherige Vorstand im Amt, der externe Sachwalter wird der Geschäftsführung jedoch zur Seite gestellt. Zusätzlich wurde der Sanierungsexperte Michael Pluta in den Vorstand berufen. Vorstandschef Luca Strehle sagte, der Geschäftsbetrieb gehe uneingeschränkt weiter. „Ich bin immer noch überzeugt, dass wir auf dem absolut richtigen Weg sind. Der jetzige Schritt ist eine Zäsur, um die Sanierung voranzutreiben, ohne den Mühlstein der Altlasten mitschleppen zu müssen.“ Durch die Insolvenz gewinne man enorm an Liquidität. Strenesse gehört seit rund 65 Jahren der Familie Strehle. In den vergangenen Jahren hatte man jedoch mit sinkenden Umsätzen und tiefroten Zahlen zu kämpfen. Erst im Februar stand Strenesse vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Inhaber einer Schuldverschreibung über zwölf Millionen Euro entschieden, dass Strenesse drei Jahre Luft bekommt und das Geld erst 2017 zurückzahlen muss. Strenesse beschäftigt rund 350 Mitarbeiter und unterhält 15 eigene Geschäfte sowie Showrooms in München, Düsseldorf, Mailand, New York und Tokio. Im Geschäftsjahr 2011/2012 betrug der Umsatz des Konzerns 66,5 Millionen Euro. Quelle: Screenshot
Abercrombie & Fitch Der US-Modekette Abercrombie & Fitch bricht das Geschäft immer weiter weg. Der Umsatz fiel im abgelaufenen Quartal um zwölf Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar, der Gewinn stürzte sogar um 58 Prozent auf 66,1 Millionen Dollar ab. Abercrombie & Fitch - auf Jugendliche spezialisiert und für seine leicht bekleideten Modelle bekannt - verliert seit längerem Kunden an Konkurrenten wie Zara, Forever 21 oder H&M. Sie wechseln ihre Kollektionen öfter und sind zudem günstiger.  Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Trade und Retail und Leiter des eWeb Research Centers an der Hochschule Niederrhein prognostizierte auf WirtschaftsWoche Online bereits Ende vergangenen Jahres: „Ich glaube nicht, dass es Abercrombie & Fitch noch lange in Deutschland geben wird. Ihr Geschäftsmodell ist zu angreifbar und kippt gerade in den USA, so dass es höchstwahrscheinlich bald zum Rückzug aus Übersee kommt.“ Quelle: REUTERS
Die Baumarkt-Kette Max Bahr mit ehemals bundesweit 132 Standorten wird zerschlagen. Die Übernahmegespräche mit der Hellweg-Gruppe über die verbliebenen 73 Märkte waren Mitte November gescheitert; Ende November scheiterte dann auch eine Übernahme durch Globus. Am 28. November wurde dann bekannt, dass die Mannheimer Baumarktkette Bauhaus 24 Standorte des insolventen Konkurrenten übernimmt. Damit sollen rund 1300 der noch verbliebenen 3600 Arbeitsplätze abgesichert sein. Max Bahr hatte am 26. Juli 2013 die Eröffnung von Insolvenzverfahren wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit beantragen müssen. Mutterkonzern Praktiker hatte am 11. Juli den Gang zum Insolvenzrichter absolviert. Quelle: dpa

Die Krise bei Karstadt scheint kein Ende zu nehmen. Nicolas Berggruen - 2009 noch als Retter der angeschlagenen Warenhauskette gefeiert - hat mittlerweile den Zorn der Beschäftigten und Gewerkschaften auf sich gezogen. Dass er mit dem festen Willen gekommen ist, um Karstadt zu sanieren, bezweifeln die Angestellten. Und auch Eva-Lotta Sjöstedt, die ehemalige Ikea-Managerin, die im Februar 2014 die Nachfolge von Karstadt-Chef Andrew Jennings angetreten war, kam zur Überzeugung, dass es mit den guten Absichten nicht allzu weit her war.

Die Szenarien für die Zukunft von Karstadt (Zum Vergrößern bitte Anklicken)

"Als ich mich im vergangenen Herbst dazu entschied, nach Essen zu gehen, tat ich dies in fester Annahme, ein angeschlagenes, in einer sehr schwierigen Situation befindliches Unternehmen übernehmen und entwickeln zu dürfen." Karstadt-Eigentümer Nicolaus Berggruen hätte ihr die volle Unterstützung für die Sanierung der 83 Warenhäuser zugesagt. "Nach eingehender Prüfung, den Erfahrungen der letzten Monate und in genauer Kenntnis der wirtschaftlichen Rahmendaten muss ich nun jedoch feststellen, dass die Voraussetzungen für den von mir angestrebten Weg nicht mehr gegeben sind", so Sjöstedt. 

Und so schmiss Sjöstedt hin. Bis ein neuer Chef gefunden ist, übernehmen Finanzvorstand Miguel Müllenbach und Personalchef Kai-Uwe Weitz die Geschäfte. Die Nerven der rund 20.000 Beschäftigten werden arg strapaziert. Was kommt als nächstes? Verkauft Berggruen weitere Häuser an den österreichischen Investor René Benko, der bereits 75 Prozent der Karstadt Sport-Häuser und er Premium-Häuser übernommen hat? Die Gerüchte von vergangener Woche hielten sich nicht lange gehalten. Ohnehin würde ein solcher Deal - selbst wenn Berggruen Benko die Häuser für einen symbolischen Euro hinterließe - zum jetzigen Zeitpunkt wenig Sinn ergeben. Die Modernisierungs- und Sanierungskosten dürften sich auf dreistellige Millionenbeträge summieren. Und seit 2013 hat sich die Lage kaum verbessert, die Bereitschaft zuzuschlagen dürfte auf Benkos Seite daher eher noch gesunken als gestiegen sein, heißt es in der Branche.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Karstadt-Krise

Wie kann es für Karstadt in dieser verfahrenen Lage weitergehen? Die WirtschaftsWoche hat die fünf führenden Handelsexperten befragt: Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung im Handel an der Hochschule Worms, Gerrit Heinemann, Professor für BWL, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein, Gerd Hessert, Lehrbeauftragter für Handelsmanagement, Thomas Roeb, Professor für Handel und Marketing an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung München.

Karstadts Krisen-Chronik

Woran ist Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt gescheitert?

Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung im Handel an der Hochschule Worms.

Jörg Funder: Sie hat unterschätzt, wie schwer es ist, einen Tanker wie Karstadt zu drehen. Zudem hatte sie wohl auf mehr Unterstützung durch den Karstadt-Eigentümer gehofft.

Gerrit Heinemann: Sie hat zu spät erkannt, wie ernst die Lage bei Karstadt tatsächlich ist.

Gerd Hessert: Sie hat die Komplexität des Warenhausgeschäfts inklusive der Eigentümerstruktur bei Karstadt unterschätzt.

Thomas Roeb: Sie hat sich übernommen. Ihr früherer Arbeitgeber Ikea ist ein Unternehmen auf Erfolgskurs, Karstadt dagegen ein Sanierungsfall.

Joachim Stumpf: Ihre Ansätze waren gut, es fehlten wohl die finanziellen Mittel zur Umsetzung.

Was sind die größten Probleme von Karstadt?

Jörg Funder: Erstens, die Marke hat an Strahlkraft verloren. Zweitens, das Unternehmen betreibt viel zu viele Häuser, die sich wahrscheinlich dauerhaft nicht ertragreich betreiben lassen dürften. Drittens, das Sortiment und der Service entsprechen nicht den weitläufigen Kundenerwartungen an ein modernes Warenhaus.

Gerrit Heinemann, Professor für BWL, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein. Quelle: Presse

Gerrit Heinemann: Langfristig der gigantische Investitionsstau, der sich seit der Übernahme durch Nicolas Berggruen noch erhöht hat. Kurzfristig könnte die jüngste Personalie zu Zweifeln an der Finanzkraft von Karstadt führen und eine Kettenreaktion auslösen.

Gerd Hessert: Karstadt ist es nicht gelungen, die Kostenstruktur an die Umsatzverluste der letzten Jahre anzupassen. Zudem hat das Unternehmen keine Antwort auf den wachsenden Online-Handel gefunden. Kurzfristig muss Karstadt aber vor allem dafür sorgen, dass keine Zweifel an der Liquidität aufkommen und Einkauf und Warenverfügbarkeit nicht gefährdet werden.

Thomas Roeb: Mode ist der zentrale Umsatzbringer des Konzerns, trotzdem fehlt ein vernünftiges Fashion-Konzept. Zudem ist Karstadt eine Investitionsruine.

Joachim Stumpf: Hoher Investitionsstau, zu geringe Online-Präsenz, zu hoher Grad an Standard-Sortimenten in den Filialen.

Welche Schritte sind nötig, um das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen?

Jörg Funder: Man wird die Zukunftsfähigkeit der einzelnen Filialen prüfen müssen. Darüber hinaus wird es wichtiger sein, den Umsatz anzukurbeln, als weiter Kosten zu senken. Das erfordert aber hohe Investitionen in Filialen, IT-Systeme und Prozesse sowie Mitarbeiter.

Gerrit Heinemann: Um Karstadt wirklich zu sanieren, sind Investitionen von mindestens 1,5 Milliarden Euro erforderlich. Operativ müsste das Unternehmen komplett auf die Verknüpfung von Online- und stationärem Handel ausgerichtet werden und sich von
zahlreichen unrentablen Filialen trennen.

Gerd Hessert, Lehrbeauftragter für Handelsmanagement an der Uni Leipzig. Quelle: Presse

Gerd Hessert: Es geht nicht mehr darum, den kompletten Konzern zu erhalten, sondern darum, den Kern des Unternehmens und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Schließungen sind unumgänglich. Zugleich muss in Standorte, die eine reelle Chance haben, investiert werden.

Thomas Roeb: Die Kosten müssen runter. Ohne Entlassungen und Gehaltskürzungen lässt sich das Unternehmen kaum finanziell stabilisieren. Zudem gibt es einen Investitionsstau zwischen geschätzt 500 Millionen und einer Milliarde Euro.

Joachim Stumpf: Zunächst sind Investitionen notwendig. Anschließend sollten die Sortimente flexibler gestaltet und auf den regionalen Wettbewerb abgestimmt werden. Die Filialleiter müssen mehr Kompetenzen erhalten, und Karstadt sollte das Zusammenspiel von Online- und Offline-Geschäft forcieren.

Karstadt betreibt derzeit 83 Warenhäuser. Welche Einschnitte ins Filialnetz sind notwendig?

Jörg Funder: Langfristig ist unserer Meinung nach der deutsche Markt nur groß genug für insgesamt 60 bis 70 Warenhäuser von Kaufhof und Karstadt zusammen.

Gerrit Heinemann: Für rund 30 Top-Standorte des Unternehmens findet sich jederzeit eine Lösung, für die übrigen Filialen und damit auch für viele Städte, in denen Karstadt-Häuser stehen, wird es schwierig.

Gerd Hessert: Ich gehe davon aus, dass rund die Hälfte der derzeitigen Standorte wegfallen wird.

Thomas Roeb: Ohne interne Rentabilitätsrechnungen für die einzelnen Häuser lässt sich das nicht beantworten. Klar ist aber, dass es seit Jahren Überkapazitäten im deutschen Warenhaussegment gibt.

Joachim Stumpf, Geschäftsführer BBE, Handelsberatung München. Quelle: Presse

Joachim Stumpf: Insgesamt gibt es in Deutschland rund 170 Warenhäuser, rund 70 Standorte sind verzichtbar, darunter auch Karstadt-Filialen.

Wird es zu einem Zusammenschluss mit Kaufhof kommen?

Jörg Funder: Ja, wir steuern auf einen Zusammenschluss hin. Ob aber das Gesamtunternehmen oder nur einzelne Filialen umflaggen, bleibt abzuwarten.

Gerrit Heinemann: Für eine Deutsche Warenhaus AG ist es aufgrund des massiven Investitionsstaus bei Karstadt zu spät. Nur rund ein Drittel der Karstadt-Häuser ist für Kaufhof interessant.

Gerd Hessert: Ich rechne damit, dass sich Galeria Kaufhof nur für 30 bis 35 Karstadt-Häuser interessiert. Gegen eine komplette Übernahme gibt es erhebliche Widerstände im Galeria-Management.

Thomas Roeb: Wirtschaftlich sinnvoll wäre allenfalls die Option, dass sich Galeria Kaufhof einzelne Standorte von Karstadt sichert. Eine Komplettübernahme halte ich für unrealistisch.

Joachim Stumpf: Die wirtschaftlichen Vorteile liegen auf der Hand, die Idee einer Warenhaus AG wird wieder aufleben.

Die größten Gewinner und Verlierer im Handel
Marken mit der positivsten Entwicklung:Platz 1: Media-Markt Der Elektronik-Markt verbessert sich im Vergleich zur Studie 2012 am stärksten und zwar um 18 Plätze auf jetzt Rang elf. Vor zwei Jahren war die Metro-Tochter um 20 Plätze abgestürzt. "Zu den Verbesserungen haben die Rückkehr zu einer klaren Markenkommunikation, der Aufbau des Eigenmarkensortiments, die Investition in Zusatzservices und der Relaunch des Onlineshops beigetragen", schreibt Batten & Company. Quelle: obs
Marken mit der positivsten EntwicklungPlatz 2: Müller DrogeriemarktMüller ist mit einer Verbesserung um 13 Plätze auf jetzt Rang 20 der Aufsteiger unter den Drogeriemärkten. Der Umbau der Filialen zum „Erlebniskaufhaus“ steigert die Markenpräsenz und den Markennutzen. Zusätzlich trägt die Sortimentsprofilierung mit Fokus auf Naturkosmetik zur Differenzierung der Drogeriemarktkette bei. Weiteres Instrument zur Stärkung der Marke ist das hochwertige Magazin „Luxus“, das die höherwertigere Positionierung zwischen Drogeriemarkt und Parfümerie gegenüber dem Kunden erlebbar macht. Quelle: dpa
Marken mit der positivsten EntwicklungPlatz 3: EdekaEdeka ist der Überraschungssieger. Mit einer Verbesserung um fünf Plätze schafft es die Supermarkt-Kette nun im Gesamtranking auf Platz 2. "Nach dem Absturz in der letzten Studie wurde erfolgreich gegengesteuert", stellen Batten & Company fest. Edeka setzt seine klare und verbraucherrelevante Markenpositionierung konsequent um und zieht an den Konkurrenten Rewe und Aldi in Punkto Bedürfnisorientierung vorbei. Auch mit umfassender Filialoptimierung und konsequentem Markenauftritt hat Edeka gegenüber Rewe Boden gut gemacht. Quelle: dpa
Marken mit der positivsten EntwicklungPlatz 4: PennyDer Lebensmitteldiscounter macht gegenüber 2012 fünf Plätze im Ranking gut und schafft es damit auf Platz 27 der Gesamtauswertung. Quelle: dpa
Marken mit der positivsten EntwicklungPlatz 5: BonprixDer Mode-Online-Marktplatz verbessert sich gegenüber 2012 um vier Plätze auf nun Rang 31. Auch die Warenhaus-Kette Galeria Kaufhof schafft einen Sprung um vier Plätze nach vorne auf nun Rang 17. Damit entwickelt sich Kaufhof sehr viel positiver als Konkurrent Karstadt. Quelle: Screenshot
Marken mit der negativsten EntwicklungPlatz 1: KarstadtDer Warenhaus-Konzern verliert voll 17 Plätze gegenüber 2012 und landet nun abgeschlagen auf Rang 25. "Die Neuausrichtungsversuche kommen nicht bei den Kunden an", konstatieren die Studienautoren. Nach vorerst erfolgreich begonnenen Umstrukturierung und Erholung der Markenstärke 2012 stürzt Karstadt mit dem Verlust von 17 Plätzen erneut ab. Die versprochene Trendwende seit Übernahme durch Investor Berggruen und nun René Benko (Karstadt-Luxus und Karstadt-Sport) ist für die Kunden nicht zu spüren, das Angebot an Eigenmarken sowie der Onlineshop sind kaum bekannt. Weiterhin untergraben Negativschlagzeilen das Vertrauen und die Sympathie in das Unternehmen. Gleichzeitig macht Kaufhof seine Hausaufgaben wesentlich erfolgreicher und kann deutlich Boden im Wettstreit um die Kundengunst zwischen der etablierten Warenhäusern gut machen. Quelle: dpa
Marken mit der negativsten EntwicklungPlatz 2: HornbachDie Baumarktkette sackt um zwölf Plätze ab und belegt im Gesamtranking der führenden Handelsmarken nun nur noch Rang 34. Damit ist Hornbach allerdings nicht allein. Pleiten und der intensive Preiskampf in der Branche sorgen für Verunsicherung bei den Kunden. Das schlägt sich in gesunkenen Markenstärke und - nutzen aller untersuchten Baumarktketten nieder. Hornbach ist der größte Verlierer. Zwar konnten die Manager die Markenbekanntheit steigern. "Aber anstatt auf Kontinuität und Kernkompetenz zu setzen, bewirken Experimente in der Markenkommunikation geringere Markenklarheit und Uniqueness", schreibt Batten & Company. Der einzige Branchengewinner ist Hagebau, der mit Kontinuität und Fachkompetenz punktet. Quelle: dpa

Erwarten Sie, dass der österreichische Investor René Benko die Warenhäuser übernimmt?

Jörg Funder: Herr Benko dürfte nur Interesse an einer Übernahme von Karstadt haben, wenn er gleichzeitig auch bei Kaufhof zum Zug kommt und die Unternehmen zusammenführen kann.

Gerrit Heinemann: Nein, das Warenhausgeschäft ist extrem kapitalintensiv. Zudem wären die Schließungskosten für einen Investor zu hoch.

Gerd Hessert: Das kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Thomas Roeb: Das ist noch unklar. Je nach Entwicklung des Geschäfts von Karstadt haben viele Warenhaus-Immobilien für Benko vermutlich einen höheren Wert ohne den Mieter Karstadt als mit ihm. Ob er tatsächlich das operative Geschäft übernimmt, ist daher fraglich.

Joachim Stumpf: Herr Benko stünde vor ähnlichen Problemen wie Karstadt-Eigentümer Berggruen: Auch er müsste für eine Restrukturierung einen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Ob er das tut, hängt vor allem davon ab, welche alternativen Nutzungskonzepte es für die Karstadt-Immobilien gibt.

Welche Eigenschaften sollte der neue Karstadt-Chef mitbringen?

Jörg Funder: Er oder sie braucht viel Feingefühl im Umgang mit den Mitarbeitern, sollte den deutschen Handel kennen und Erfahrung in der Großfläche haben.

Gerrit Heinemann: Er sollte keine weiteren Karriereschritte planen.

Gerd Hessert: Sanierungs- und Handelserfahrung, aber es dürfte schwer werden, einen Kandidaten für die Aufgabe zu finden.

Thomas Roeb, Professor für Handel und Marketing an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Quelle: AP

Thomas Roeb: Durchsetzungskraft, Verhandlungsgeschick und ein paar visionäre Ideen, wie Karstadt zu retten ist.

Joachim Stumpf: Handelsexpertise, Durchsetzungskraft, Erfahrung bei der Verzahnung von Online- und stationärem Geschäft.

Bis wann wird sich das Schicksal von Karstadt entscheiden?

Jörg Funder: Das hängt davon ab, ob neue Finanzmittel zufließen, welche Sanierungsschritte nun eingeleitet werden und wie sich die Warenkreditversicherer verhalten.

Gerrit Heinemann: In der Branche wundern sich viele, dass es Karstadt noch gibt.

Gerd Hessert: Spätestens im Weihnachtsgeschäft wird sich zeigen, wie es weitergeht.

Thomas Roeb: Die Entscheidung kann sich noch über Monate hinziehen. Spätestens nach dem Weihnachtsgeschäft im Frühjahr 2015 wird sich aber abzeichnen, wohin die Reise geht.

Joachim Stumpf: Das wird von der Liquiditätssituation des Unternehmens bestimmt und lässt sich nicht seriös beantworten.

Handel



Kann die Sanierung von Karstadt außerhalb einer Insolvenz gelingen?

Jörg Funder: Kein Kommentar.

Gerrit Heinemann: Ja, wenn ein Investor demnächst einen Milliardenbetrag zur Verfügung stellt. Die Chancen dafür sind jedoch überschaubar.

Gerd Hessert: Ohne Insolvenzverfahren wird es extrem teuer, Miet- und Arbeitsverträge zu beenden. Pro Warenhaus wären Schließungskosten von fünf bis zehn Millionen Euro erforderlich. Woher soll das Geld kommen?

Thomas Roeb: Mit den bevorstehenden Mittelzuflüssen kann sich das Unternehmen zumindest die Zeit erkaufen, um eine echte Sanierung einzuleiten.

Joachim Stumpf: Das hängt von der Bereitschaft des Eigentümers ab, weiteres Kapital zur Verfügung zu stellen.

Wie hoch schätzen Sie nach derzeitigem Stand die Überlebenschancen von Karstadt ein?

Jörg Funder: Über 50 Prozent (abhängig von zusätzlichen Sanierungsschritten und der Bereitstellung weiterer Eigenkapitalmittel).

Gerrit Heinemann: Über 30 Prozent.

Gerd Hessert: Über 30 Prozent.

Thomas Roeb: 90 Prozent kurzfristig bis zum Frühjahr, 50 Prozent über die nächsten zwei Jahre.

Joachim Stumpf: 20 bis 30 Prozent ohne Investitionen, 70 bis 80 Prozent mit Kapitalspritze.

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