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Experten-Umfrage Ist Karstadt noch zu retten?

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Welche Schritte sind nötig, um das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen?

Jörg Funder: Man wird die Zukunftsfähigkeit der einzelnen Filialen prüfen müssen. Darüber hinaus wird es wichtiger sein, den Umsatz anzukurbeln, als weiter Kosten zu senken. Das erfordert aber hohe Investitionen in Filialen, IT-Systeme und Prozesse sowie Mitarbeiter.

Gerrit Heinemann: Um Karstadt wirklich zu sanieren, sind Investitionen von mindestens 1,5 Milliarden Euro erforderlich. Operativ müsste das Unternehmen komplett auf die Verknüpfung von Online- und stationärem Handel ausgerichtet werden und sich von
zahlreichen unrentablen Filialen trennen.

Gerd Hessert, Lehrbeauftragter für Handelsmanagement an der Uni Leipzig. Quelle: Presse

Gerd Hessert: Es geht nicht mehr darum, den kompletten Konzern zu erhalten, sondern darum, den Kern des Unternehmens und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Schließungen sind unumgänglich. Zugleich muss in Standorte, die eine reelle Chance haben, investiert werden.

Thomas Roeb: Die Kosten müssen runter. Ohne Entlassungen und Gehaltskürzungen lässt sich das Unternehmen kaum finanziell stabilisieren. Zudem gibt es einen Investitionsstau zwischen geschätzt 500 Millionen und einer Milliarde Euro.

Joachim Stumpf: Zunächst sind Investitionen notwendig. Anschließend sollten die Sortimente flexibler gestaltet und auf den regionalen Wettbewerb abgestimmt werden. Die Filialleiter müssen mehr Kompetenzen erhalten, und Karstadt sollte das Zusammenspiel von Online- und Offline-Geschäft forcieren.

Karstadt betreibt derzeit 83 Warenhäuser. Welche Einschnitte ins Filialnetz sind notwendig?

Jörg Funder: Langfristig ist unserer Meinung nach der deutsche Markt nur groß genug für insgesamt 60 bis 70 Warenhäuser von Kaufhof und Karstadt zusammen.

Gerrit Heinemann: Für rund 30 Top-Standorte des Unternehmens findet sich jederzeit eine Lösung, für die übrigen Filialen und damit auch für viele Städte, in denen Karstadt-Häuser stehen, wird es schwierig.

Gerd Hessert: Ich gehe davon aus, dass rund die Hälfte der derzeitigen Standorte wegfallen wird.

Thomas Roeb: Ohne interne Rentabilitätsrechnungen für die einzelnen Häuser lässt sich das nicht beantworten. Klar ist aber, dass es seit Jahren Überkapazitäten im deutschen Warenhaussegment gibt.

Joachim Stumpf, Geschäftsführer BBE, Handelsberatung München. Quelle: Presse

Joachim Stumpf: Insgesamt gibt es in Deutschland rund 170 Warenhäuser, rund 70 Standorte sind verzichtbar, darunter auch Karstadt-Filialen.

Wird es zu einem Zusammenschluss mit Kaufhof kommen?

Jörg Funder: Ja, wir steuern auf einen Zusammenschluss hin. Ob aber das Gesamtunternehmen oder nur einzelne Filialen umflaggen, bleibt abzuwarten.

Gerrit Heinemann: Für eine Deutsche Warenhaus AG ist es aufgrund des massiven Investitionsstaus bei Karstadt zu spät. Nur rund ein Drittel der Karstadt-Häuser ist für Kaufhof interessant.

Gerd Hessert: Ich rechne damit, dass sich Galeria Kaufhof nur für 30 bis 35 Karstadt-Häuser interessiert. Gegen eine komplette Übernahme gibt es erhebliche Widerstände im Galeria-Management.

Thomas Roeb: Wirtschaftlich sinnvoll wäre allenfalls die Option, dass sich Galeria Kaufhof einzelne Standorte von Karstadt sichert. Eine Komplettübernahme halte ich für unrealistisch.

Joachim Stumpf: Die wirtschaftlichen Vorteile liegen auf der Hand, die Idee einer Warenhaus AG wird wieder aufleben.

Die größten Gewinner und Verlierer im Handel
Marken mit der positivsten Entwicklung:Platz 1: Media-Markt Der Elektronik-Markt verbessert sich im Vergleich zur Studie 2012 am stärksten und zwar um 18 Plätze auf jetzt Rang elf. Vor zwei Jahren war die Metro-Tochter um 20 Plätze abgestürzt. "Zu den Verbesserungen haben die Rückkehr zu einer klaren Markenkommunikation, der Aufbau des Eigenmarkensortiments, die Investition in Zusatzservices und der Relaunch des Onlineshops beigetragen", schreibt Batten & Company. Quelle: obs
Marken mit der positivsten EntwicklungPlatz 2: Müller DrogeriemarktMüller ist mit einer Verbesserung um 13 Plätze auf jetzt Rang 20 der Aufsteiger unter den Drogeriemärkten. Der Umbau der Filialen zum „Erlebniskaufhaus“ steigert die Markenpräsenz und den Markennutzen. Zusätzlich trägt die Sortimentsprofilierung mit Fokus auf Naturkosmetik zur Differenzierung der Drogeriemarktkette bei. Weiteres Instrument zur Stärkung der Marke ist das hochwertige Magazin „Luxus“, das die höherwertigere Positionierung zwischen Drogeriemarkt und Parfümerie gegenüber dem Kunden erlebbar macht. Quelle: dpa
Marken mit der positivsten EntwicklungPlatz 3: EdekaEdeka ist der Überraschungssieger. Mit einer Verbesserung um fünf Plätze schafft es die Supermarkt-Kette nun im Gesamtranking auf Platz 2. "Nach dem Absturz in der letzten Studie wurde erfolgreich gegengesteuert", stellen Batten & Company fest. Edeka setzt seine klare und verbraucherrelevante Markenpositionierung konsequent um und zieht an den Konkurrenten Rewe und Aldi in Punkto Bedürfnisorientierung vorbei. Auch mit umfassender Filialoptimierung und konsequentem Markenauftritt hat Edeka gegenüber Rewe Boden gut gemacht. Quelle: dpa
Marken mit der positivsten EntwicklungPlatz 4: PennyDer Lebensmitteldiscounter macht gegenüber 2012 fünf Plätze im Ranking gut und schafft es damit auf Platz 27 der Gesamtauswertung. Quelle: dpa
Marken mit der positivsten EntwicklungPlatz 5: BonprixDer Mode-Online-Marktplatz verbessert sich gegenüber 2012 um vier Plätze auf nun Rang 31. Auch die Warenhaus-Kette Galeria Kaufhof schafft einen Sprung um vier Plätze nach vorne auf nun Rang 17. Damit entwickelt sich Kaufhof sehr viel positiver als Konkurrent Karstadt. Quelle: Screenshot
Marken mit der negativsten EntwicklungPlatz 1: KarstadtDer Warenhaus-Konzern verliert voll 17 Plätze gegenüber 2012 und landet nun abgeschlagen auf Rang 25. "Die Neuausrichtungsversuche kommen nicht bei den Kunden an", konstatieren die Studienautoren. Nach vorerst erfolgreich begonnenen Umstrukturierung und Erholung der Markenstärke 2012 stürzt Karstadt mit dem Verlust von 17 Plätzen erneut ab. Die versprochene Trendwende seit Übernahme durch Investor Berggruen und nun René Benko (Karstadt-Luxus und Karstadt-Sport) ist für die Kunden nicht zu spüren, das Angebot an Eigenmarken sowie der Onlineshop sind kaum bekannt. Weiterhin untergraben Negativschlagzeilen das Vertrauen und die Sympathie in das Unternehmen. Gleichzeitig macht Kaufhof seine Hausaufgaben wesentlich erfolgreicher und kann deutlich Boden im Wettstreit um die Kundengunst zwischen der etablierten Warenhäusern gut machen. Quelle: dpa
Marken mit der negativsten EntwicklungPlatz 2: HornbachDie Baumarktkette sackt um zwölf Plätze ab und belegt im Gesamtranking der führenden Handelsmarken nun nur noch Rang 34. Damit ist Hornbach allerdings nicht allein. Pleiten und der intensive Preiskampf in der Branche sorgen für Verunsicherung bei den Kunden. Das schlägt sich in gesunkenen Markenstärke und - nutzen aller untersuchten Baumarktketten nieder. Hornbach ist der größte Verlierer. Zwar konnten die Manager die Markenbekanntheit steigern. "Aber anstatt auf Kontinuität und Kernkompetenz zu setzen, bewirken Experimente in der Markenkommunikation geringere Markenklarheit und Uniqueness", schreibt Batten & Company. Der einzige Branchengewinner ist Hagebau, der mit Kontinuität und Fachkompetenz punktet. Quelle: dpa

Erwarten Sie, dass der österreichische Investor René Benko die Warenhäuser übernimmt?

Jörg Funder: Herr Benko dürfte nur Interesse an einer Übernahme von Karstadt haben, wenn er gleichzeitig auch bei Kaufhof zum Zug kommt und die Unternehmen zusammenführen kann.

Gerrit Heinemann: Nein, das Warenhausgeschäft ist extrem kapitalintensiv. Zudem wären die Schließungskosten für einen Investor zu hoch.

Gerd Hessert: Das kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Thomas Roeb: Das ist noch unklar. Je nach Entwicklung des Geschäfts von Karstadt haben viele Warenhaus-Immobilien für Benko vermutlich einen höheren Wert ohne den Mieter Karstadt als mit ihm. Ob er tatsächlich das operative Geschäft übernimmt, ist daher fraglich.

Joachim Stumpf: Herr Benko stünde vor ähnlichen Problemen wie Karstadt-Eigentümer Berggruen: Auch er müsste für eine Restrukturierung einen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Ob er das tut, hängt vor allem davon ab, welche alternativen Nutzungskonzepte es für die Karstadt-Immobilien gibt.

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