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Fluggesellschaft mit Millionengewinn Turkish Airlines hängt Emirates ab

Nach einem harten Jahr verzeichnet Turkish Airlines 2017 wieder ordentliche Zuwächse. Die Golf-Airlines können nicht mehr mithalten. Das liegt am starken Heimatmarkt – und sehr speziellen Gewerkschaften.

Turkish Airlines hängt Emirates ab Quelle: Reuters

IstanbulDieser Gewerkschaft begegnet Carsten Spohr nur in seinen kühnsten Träumen. Während der Lufthansa-Chef bei Gehaltsverhandlungen regelmäßig Flugausfälle fürchten muss, machte eine Arbeitnehmervertretung bei dem Konkurrenten Turkish Airlines ihrem Arbeitgeber neulich ein unschlagbares Angebot. Nachdem das Unternehmen in einer Gehaltsrunde angeboten hatte, die Löhne der Angestellten um vier Prozent zu erhöhen, bestanden Gewerkschaftsvertreter darauf, dass 2,5 Prozent doch genug seien. 

Die Arbeitnehmer forderten weniger, als das Unternehmen ihnen geben wollte. „Die eingesparte Summe war zwar nicht besonders hoch“, kommentierte Turkish-Airlines-Chef Bilal Eksi vor wenigen Wochen, „aber diese Motivation ist beeindruckend“. Es liegt nicht nur an den sparsamen Arbeitnehmern, dass die türkische Fluggesellschaft nun wieder starke Zahlen vorlegt. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2017 beförderte Turkish Airlines 68,6 Millionen Passagiere, 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Auch die Auslastung der Flugzeuge erreichte zuletzt Rekordwerte. Im dritten Quartal 2017 fuhr das Unternehmen das zweitbeste Ergebnis der vergangenen zehn Jahre ein. Der Überschuss zwischen Juli und Oktober lag bei umgerechnet 693 Millionen US-Dollar. Zahlen für das Schlussquartal wurden noch nicht veröffentlicht.

Einer der größten Konkurrenten von Turkish Airlines, Lufthansa, erreichte im selben Zeitraum gemeinsam mit ihren Tochtergesellschaften ein Konzernergebnis von knapp 1,2 Milliarden Euro, umgerechnet gut 1,4 Milliarden US-Dollar. Für 2018 peilt der Präsident der türkischen Airline Ilker Ayci weiteres Wachstum an. „Wir wollen im Jahr 2018 74 Millionen Passagiere befördern“, erklärte Ayci im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Experten zweifelten lange, dass Turkish Airlines auf absehbare Zeit überhaupt wieder Gewinn macht. Im Jahr 2016 sorgten ein Terroranschlag mit 42 Toten am Heimatflughafen in Istanbul sowie der Putschversuch in der Türkei für einen Rückgang der Ticketnachfrage aus Europa und dem Rest der Welt. Von 2015 auf 2016 verringerte sich die Zahl der ausländischen Touristen in der Türkei um gut 30 Prozent auf 25,4 Millionen. Anstatt zu expandieren musste das Management Flugzeuge verleihen und einzelne Routen schließen. Das starke Wachstum brach ein, Turkish Airlines schrieb rote Zahlen.

Auch die sogenannten Säuberungswellen im türkischen Staatsapparat trafen die teilstaatliche türkische Airline. Dutzende Piloten mussten das Unternehmen verlassen, weil ihnen unterstellt wurde, der Gülen-Bewegung anzugehören. Die Gruppierung um den türkischen Geistlichen Fethullah Gülen wird von nahezu der gesamten türkischen Bevölkerung für den Putschversuch verantwortlich gemacht. Einzelne Piloten hatten sich anschließend wieder ins Unternehmen eingeklagt.

Jetzt profitiert das Unternehmen von der teilweisen geopolitischen Entspannung. Der Islamische Staat scheint zumindest militärisch besiegt. Im Jahr 2017 hat es in der Türkei keinen einzigen größeren Terroranschlag gegeben. Das weckt die Reiselust, unter anderem aus Deutschland. Mit einem Buchungsplus von 70 Prozent zählt die Türkei zum Saisonauftakt nach zwei rückläufigen Jahren wieder zu den Favoriten deutscher Urlauber.


Alle warten auf den neuen Istanbuler Flughafen

Auch der Streit um Laptopverbote und Visavergabe mit den USA richtete offenbar keinen großen Schaden an. Unterdessen prognostiziert der Weltverband der Luftfahrtbranche IATA für 2018 ein Umsatzplus von knapp zehn Prozent. Der türkische Tourismusminister Numan Kurtulmus sagte kürzlich, 2017 hätten 32,4 Millionen ausländische Touristen die Türkei besucht. Das sind nur knapp zwei Millionen weniger als im Vorkrisenjahr 2015, nachdem die Zahlen im Krisenjahr 2016 stark eingebrochen waren. Bis zum Jahr 2023 sollen 50 Millionen Touristen jährlich in die Türkei reisen, unter anderem aus Ostasien; sechs bis sieben Millionen aus Deutschland.

Umgekehrt war die Konkurrenz am Golf ungleich stärker von politischen Auseinandersetzungen betroffen. Die politische Isolation Katars durch Saudi-Arabien und mehrere Verbündete traf die Staatsairline Qatar Airways. Emirates und Etihad konnten davon aber nicht im selben Maß wie Turkish Airlines profitieren. Das liegt auch an dem starken Heimatmarkt in der Türkei, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten fehlt. Die AKP-geführte Regierung in Ankara ließ in den vergangenen Jahren Dutzende Regionalflughäfen im Land neu bauen oder erweitern. Turkish Airlines fliegt nahezu jeden größeren Landeplatz in Anatolien an.

So stieg die Auslastung der Flugzeuge auf inländischen Routen im vergangenen Jahr stärker an als bei internationalen Flügen der Airline. Gleichzeitig stieg die Zahl der Passagiere, die vom Drehkreuz in Istanbul aus in die Welt fliegen, besonders stark an. Die Inlandsflüge wirkten somit als Hebel, um die Umsatzeinbußen durch ausbleibende internationale Fluggäste in den vergangenen zwei Jahren abzufedern.

Jetzt warten bei Turkish Airlines alle auf den neuen Istanbuler Flughafen. Der soll im August dieses Jahres fertig sein. Zunächst können über drei Landebahnen bis zu 90 Millionen Passagiere jährlich abgefertigt werden. Bis zum Jahr 2028 soll die Kapazität schrittweise auf maximal 200 Millionen Passagiere jährlich wachsen. In Frankfurt waren es 2017 64,5 Millionen, nach einem Ausbau könnte die Kapazität am größten deutschen Flughafen auf 88 Millionen ansteigen.

Doch zuletzt gab es Gerüchte, der Erstflug in Istanbul könnte erst im Jahr 2019 stattfinden. Trotzdem gab Vorstandschef Eksi Anfang Januar schon einmal bekannt, 25 Airbus A350-Maschinen bestellen zu wollen. Der alte Flughafen Istanbul-Atatürk zwinge das Unternehmen dazu, die Expansionspläne aufzuschieben. Mit dem neuen Flughafen soll das Streckennetz jedoch umgehend erweitert werden.

Damit rückt Turkish Airlines wieder in die Spitzenliga der Super-Carrier auf. Anfang Januar tagte das Management der Fluggesellschaft im südtürkischen Belek, um die Strategie für die kommenden Jahre festzulegen. „Wir sind auf der Suche nach neuen Horizonten“, kommentierte Turkish-Airlines-Präsident Ayci die aktuelle Situation.

Die Expansionspläne der Türken seien für Lufthansa & Co. jedoch keine Bedrohung versicherte Ayci. „Alle großen Flughäfen erhöhen derzeit ihre Kapazität, das liegt am steigenden Passagieraufkommen“, beschwichtigte der Turkish-Airlines-Präsident. „Mein Freund Carsten (Anm. d. Red.: Spohr) braucht keine Angst vor dem dritten Istanbuler Flughafen zu haben.“

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